Vom Alkohol bis zum Handy: Ladendiebstahl nimmt wieder zu
20.06.2023 - 08:43:43 | dpa.de
Egal ob Spirituosen, Sneaker oder Smartphones: Die Zahl der LadendiebstĂ€hle hat in Deutschland im vergangenen Jahr wieder deutlich zugenommen. Insgesamt summierten sich die Verluste des Einzelhandels durch Langfinger nach einer am Dienstag veröffentlichten Studie des Kölner Handelsforschungsinstituts EHI 2022 auf rund 3,7 Milliarden Euro, eine Steigerung von 15 Prozent gegenĂŒber dem Vorjahr.
Zudem wĂ€chst im Einzelhandel der Studie zufolge die BefĂŒrchtung, dass die deutlichen Preissteigerungen der vergangenen Monate bei so manchem die Bereitschaft erhöhen könnten, Dinge mitgehen zu lassen. «Vor allem in der starken Preisentwicklung wird ein erhöhtes Diebstahlrisiko gesehen. Höhere Preise und Werte machen Diebstahl attraktiver», fasste EHI-Experte Frank Horst die Stimmung der Branche zusammen. Nicht wenige HĂ€ndler erwarten demnach auch mehr Diebstahl durch eigene Mitarbeiter. Einige Unternehmen hĂ€tten dies auch 2022 schon beobachtet.
Doch teilen nicht alle im Handel diese EinschĂ€tzung. Der HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer des Handelsverbandes Deutschland (HDE), Stefan Genth, sagte der Deutschen Presse-Agentur: «FĂŒr den manchmal vermuteten Zusammenhang zwischen den aufgrund der Inflation steigenden Preisen und einem Anstieg bei den LadendiebstĂ€hlen gibt es keine Anhaltspunkte.»
Nur auf den ersten Blick dramatisch
Die jĂŒngste Zunahme der Diebstahlzahlen ist nach EinschĂ€tzung des Kölner Handelsexperten tatsĂ€chlich noch kein Beleg fĂŒr eine derartige These. «Was auf den ersten Blick als dramatische Entwicklung erscheint, ist bei nĂ€herer Betrachtung eine RĂŒckkehr zur NormalitĂ€t frĂŒherer Jahre. Im Grunde sind nun die Werte der Vor-Corona-Zeit wieder erreicht worden», sagte Horst. Denn in den beiden Corona-Jahren 2020 und 2021 war die Zahl der LadendiebstĂ€hle nicht zuletzt aufgrund der pandemiebedingten LadenschlieĂungen deutlich zurĂŒckgegangen.
Der Löwenanteil der DiebstĂ€hle entfĂ€llt der Studie zufolge auf Kunden. Sie lieĂen demnach 2022 Waren im Wert von mehr als 2,4 Milliarden Euro mitgehen. Die DiebstĂ€hle durch BeschĂ€ftigte summierten sich auf 920 Millionen Euro. Hinzu kamen DiebstĂ€hle im Wert von 370 Millionen Euro durch ServicekrĂ€fte und Liefernde.
Die gröĂten Sorgen machen dem Handel dabei nach wie vor professionelle Diebesbanden, die pro Tat typischerweise Waren im Wert von 1000 bis 2000 Euro oder mehr entwendeten. Sie arbeiteten oft mit einer ausgeklĂŒgelten Arbeitsteilung, bei der den einzelnen Mitgliedern genau beschriebene Aufgaben zukĂ€men: etwa das Verkaufspersonal zu beobachten und abzulenken, das Diebesgut in «Depots» zusammenzustellen oder die Ware aus dem GeschĂ€ft zu tragen und die Fluchtwege zu sichern. Bei ihren DiebstĂ€hlen arbeiteten sie oft regelrechte «Einkaufslisten» ab. Auf sie entfĂ€llt nach den SchĂ€tzungen des Handels allein etwa ein Viertel des Gesamtschadens.
Kleine und teure Dinge besonders beliebt
Besonders gerne geklaut werden der Studie zufolge alkoholische GetrĂ€nke, hochwertige Markenbekleidung, Elektroartikel, Tabakwaren und Kosmetika. «Generell gilt, was sich gut verkauft, wird auch oft gestohlen», heiĂt es in der Studie. HĂ€ufig seien es kleine, relativ teure Artikel, die sich leicht in der Kleidung oder in mitgebrachten BehĂ€ltnissen verstecken lieĂen. Das EHI hatte fĂŒr seine Studie «Inventurdifferenzen 2023» mehr als 100 Unternehmen und Vertriebsschienen mit fast 17.000 Verkaufsstellen und einem Gesamtumsatz von gut 84 Milliarden Euro befragt.
Laut polizeilicher KriminalitĂ€tsstatistik stieg die Zahl der angezeigten LadendiebstĂ€hle im vergangenen Jahr sogar um 34,3 Prozent auf fast 345.000 FĂ€lle. Die Zahl der Anzeigen lag damit sogar um 5,8 Prozent ĂŒber dem Vor-Corona-Niveau. Allerdings ist die Aussagekraft der Kriminalstatistik begrenzt. Denn die Dunkelziffer in diesem Bereich ist betrĂ€chtlich. «Bis zu 90 Prozent der Delikte werden gar nicht erst bei der Polizei angezeigt. Denn viele HĂ€ndlerinnen und HĂ€ndler haben die Erfahrung gemacht, dass die angezeigten Ladendiebe meist ohne gröĂere Konsequenzen davon kommen», sagte HDE-HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer Genth.
Um Waren vor Langfingern zu schĂŒtzen, gaben die Handelsunternehmen der Studie zufolge im vergangenen Jahr rund 1,45 Milliarden Euro aus - fĂŒr Sicherheits- und PrĂ€ventionsmaĂnahmen wie Artikelsicherung, KameraĂŒberwachung oder DetektiveinsĂ€tze. Doch werde den Dieben andererseits die Arbeit durch die unzureichende Personalausstattung in GeschĂ€ften und die sich daraus ergebende fehlende Ăberwachung der EinkaufsflĂ€chen erleichtert, heiĂt es in der Studie.
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