Deutsche Wirtschaft weiter im «DÀmmerzustand»
25.08.2023 - 10:42:24 | dpa.deHohe Inflation, stockender Konsum, schwĂ€chelnde Weltkonjunktur - die deutsche Wirtschaft kommt in diesem Jahr einfach nicht in Schwung. Viele Volkswirte rechnen inzwischen mit einem RĂŒckgang der Wirtschaftsleistung im Gesamtjahr.
Europas gröĂte Volkswirtschaft bewege sich «weiterhin im DĂ€mmerzustand zwischen Stagnation und Rezession», konstatiert ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski. Das vom Statistischen Bundesamt fĂŒr das zweite Quartal bestĂ€tigte Nullwachstum trage nicht gerade dazu bei, die Debatte ĂŒber Deutschland als «kranker Mann Europa» zum Verstummen zu bringen. Nicht alle Experten sehen die Lage so dĂŒster.
Deutsche Wirtschaft stagniert
«Nach den leichten RĂŒckgĂ€ngen in den beiden Vorquartalen hat sich die deutsche Wirtschaft im FrĂŒhjahr stabilisiert», analysierte die PrĂ€sidentin des Bundesamtes, Ruth Brand. Demnach stagnierte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im zweiten Quartal zum Vorquartal.
Die Behörde bestÀtigte damit vorlÀufige Zahlen. Im Winterhalbjahr war die deutsche Wirtschaft zwei Quartale in Folge geschrumpft und damit in eine sogenannte technische Rezession gerutscht.
Die hartnĂ€ckige Inflation belastet Verbraucherinnen und Verbraucher und dĂ€mpft den Konsum, der eine wichtige KonjunkturstĂŒtze ist. Immerhin sanken die privaten Konsumausgaben nach RĂŒckgĂ€ngen im Winter nun nicht weiter. Die Unternehmen investierten sogar etwas mehr in Maschinen und Fahrzeuge. Die Investitionen am Bau stiegen preis-, saison- und kalenderbereinigt um 0,2 Prozent.
Gegenwind kommt allerdings von den gestiegenen Zinsen. Diese drĂŒcken die Nachfrage unter anderem nach Bauleistungen. Der Auftragseingang im Bauhauptgewerbe sank im Juni um 2,7 Prozent zum Vorjahresmonat. Besonders schwach war der Wohnungsbau mit minus 12,3 Prozent.
Schwache Auslandsnachfrage
Zugleich leidet die Exportnation Deutschland unter einer schwachen Auslandsnachfrage. Die Ausfuhr von Waren und Dienstleistungen sank zum Vorquartal um 1,1 Prozent. Die Importe stagnierten. «Solange das globale wirtschaftliche Umfeld schwach bleibt und die Inflationsraten auf relativ hohem Niveau sind, wird die deutsche Wirtschaft in der Bredouille bleiben», sagt Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank.
Unverhohlen titelte das weltweit in FĂŒhrungsetagen gelesene britische Magazin «The Economist» in seiner jĂŒngsten Ausgabe: «Ist Deutschland der kranke Mann Europas?» Dazu ist ein AmpelmĂ€nnchen zu sehen, das am Tropf hĂ€ngt - ein wenig versteckter Seitenhieb auf die Regierungskoalition in Berlin.
Die Stimmung in den deutschen Chefetagen hat sich weiter eingetrĂŒbt. Der Ifo-GeschĂ€ftsklimaindex sank im August im vierten Monat in Folge: «Die Durststrecke der deutschen Wirtschaft verlĂ€ngert sich», stellte das MĂŒnchener Institut fest.
«Unser Land ist nicht mehr Wachstumslokomotive, sondern Bremsklotz - und das als immerhin die gröĂte Volkswirtschaft Europas», sagte DIHK-PrĂ€sident Peter Adrian der Deutschen Presse-Agentur. «Das Gute: Die Probleme sind lösbar. Es ist aber Zeit loszulegen.»
Marcel Fratzscher, PrĂ€sident des Deutschen Instituts fĂŒr Wirtschaftsforschung, meint, Deutschland habe wirtschaftlich «goldene 2010er Jahre» gehabt und sei heute global sehr wettbewerbsfĂ€hig: «Deutschland könnte jedoch wieder zum kranken Mann Europas werden, wenn es seine StĂ€rken jetzt nicht klug nutzt (...).»
Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck sagte, Deutschland habe enorme StĂ€rken, aber Investitionshemmnisse mĂŒssten beseitigt werden. «Deutschland darf sich nicht lĂ€nger selbst fesseln.»
Haushaltsdefizit wird gröĂer
Die Dauerkrisen der vergangenen Jahre hat Deutschland nach Ansicht der Wirtschaftsweisen Veronika Grimm gut gemeistert. Wie in der Pandemie nahm der Staat in der Energiekrise Milliarden in die Hand, um Unternehmen und BĂŒrger zu entlasten.
Dies riss jedoch Löcher in den Staatshaushalt: Der Fiskus gab im ersten Halbjahr nach vorlÀufigen Daten 42,1 Milliarden Euro mehr aus, als er einnahm. Bezogen auf die Wirtschaftsleistung lag das Defizit von Bund, LÀndern, Gemeinden und Sozialversicherung bei 2,1 Prozent. Das ist deutlich mehr als die 0,3 Prozent im ersten Halbjahr 2022.
Trotz des gestiegenen Defizits hielt Deutschland im ersten Halbjahr 2023 die europĂ€ische Verschuldungsregel ein. Der StabilitĂ€ts- und Wachstumspakt erlaubt den EU-Staaten ein Haushaltsdefizit von höchstens drei Prozent und eine Gesamtverschuldung von höchstens 60 Prozent des BIP. Derzeit sind diese Regeln wegen der Corona-Belastungen ausgesetzt. Ăber eine Reform wird diskutiert.
Die finanziellen Belastungen dĂŒrften nicht geringer werden. Grimm zufolge hat Deutschland reichlich Aufgaben vor sich. Das dĂŒrfe man «nicht kleinreden»: AbhĂ€ngigkeiten von China im Handel und bei Rohstoffen, den Umbau der Energieversorgung und den FachkrĂ€ftemangel.
Hoffnung auf eine konjunkturellen Trendwende in den kommenden Quartalen macht die staatliche Förderbank KfW. «Es besteht Aussicht auf eine konsumgetriebene konjunkturelle Erholung ab Herbst dieses Jahres - wenn auch mit viel Gegenwind», sagt KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib. Zudem sei der Auftragsbestand in vielen Unternehmen nach wie vor hoch. Die Produktion «Made in Germany» komme also nicht zum Stillstand.
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