Nordrhein-Westfalen, Deutschland

Merz: Europa muss «eine Macht werden»

14.05.2026 - 14:04:38 | dpa.de

Wo bleibt Europa in einer Welt, die von der Großmachtpolitik der USA, Chinas und Russlands bestimmt wird? Der Kanzler macht bei der Karlspreis-Verleihung dazu einen Vorschlag.

  • Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat bei der Karlspreis-Verleihung in Aachen Reformen angemahnt. - Foto: Henning Kaiser/dpa
    Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat bei der Karlspreis-Verleihung in Aachen Reformen angemahnt. - Foto: Henning Kaiser/dpa
  • Auf dem Höhepunkt der Euro-Krise war Mario Draghi PrĂ€sident der EuropĂ€ischen Zentralbank (EZB). - Foto: Henning Kaiser/dpa
    Auf dem Höhepunkt der Euro-Krise war Mario Draghi PrÀsident der EuropÀischen Zentralbank (EZB). - Foto: Henning Kaiser/dpa
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat bei der Karlspreis-Verleihung in Aachen Reformen angemahnt. - Foto: Henning Kaiser/dpa Auf dem Höhepunkt der Euro-Krise war Mario Draghi PrÀsident der EuropÀischen Zentralbank (EZB). - Foto: Henning Kaiser/dpa

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat sich fĂŒr eine «grundlegende Modernisierung» des EU-Haushalts ausgesprochen, um Europa als eigenstĂ€ndige Macht in einer Welt im Umbruch zu festigen.

In seiner Rede bei der Verleihung des Karlspreises an den italienischen Politiker Mario Draghi in Aachen sprach er sich dafĂŒr aus, die mittelfristige Finanzplanung der EuropĂ€ischen Union mehr auf militĂ€rische und wirtschaftliche StĂ€rke auszurichten.

Klare Absage an neue Schulden

«Verschlankte Struktur, Investitionen in WettbewerbsfĂ€higkeit und Verteidigung, den Fokus auf europĂ€ische Mittel fĂŒr europĂ€ische Politik. All das ist nötig, weil die Mittel begrenzt sind», sagte Merz. Neuen Schulden erteilte er eine klare Absage. «Diesen Weg kann Deutschland schon aus verfassungsrechtlichen GrĂŒnden nicht mitgehen.»

Der EU-Haushalt wird jeweils fĂŒr sieben Jahre festgelegt. Aktuell wird ĂŒber das Budget fĂŒr 2028 bis 2034 verhandelt, das nach einem Vorschlag der EuropĂ€ischen Kommission inflationsbereinigt 1,76 Billionen Euro umfassen soll. Deutschland trĂ€gt als grĂ¶ĂŸte Volkswirtschaft der EU den mit Abstand grĂ¶ĂŸten Teil dazu bei.

Merz monierte, dass der Haushalt immer noch «geradezu planwirtschaftlich» fĂŒr sieben Jahre erstellt werde und ĂŒber zwei Drittel des Geldes «in Umverteilung und Subventionen» fließen wĂŒrden.

Er will das Budget nun vor allem zur StĂ€rkung der europĂ€ischen SouverĂ€nitĂ€t in einer Welt nutzen, in der Großmachtpolitik von Staaten wie den USA, China und Russland eine bestimmende Rolle spielt. 

«Europa hat sich aufgemacht, eine Macht zu werden»

Der Kanzler hatte sich schon bei frĂŒheren Reden dafĂŒr eingesetzt, dass die EU auf ihre eigene militĂ€rische und wirtschaftliche StĂ€rke setzen mĂŒsse. «Wir mĂŒssen selbstbewusst unsere eigenen Interessen definieren. Und wir mĂŒssen bereit sein, fĂŒr die Wahrung dieser Interessen auch etwas einzusetzen», sagte er nun in Aachen. 

Europa sei aufgewacht und habe verstanden, dass es sich nur ĂŒber wirtschaftliche und sicherheitspolitische StĂ€rke in dieser Welt behaupten könne. «Europa hat sich aufgemacht, eine Macht zu werden, eine Macht, die den StĂŒrmen dieser neuen Zeit trotzt», sagte Merz.

Auch der Chef des Karlspreisdirektoriums, CDU-Außenpolitiker Armin Laschet, mahnte eine stĂ€rkere Rolle der EU auf der WeltbĂŒhne an. «Europa ist international so schwach, weil es eher moralisiert, statt aktiv Diplomatie voranzubringen», sagte Laschet der Deutschen Presse-Agentur. «Zwischen Russland und der Ukraine verhandeln nur amerikanische GeschĂ€ftsleute, weil die EU sich weigert, ihre eigenen Positionen diplomatisch mit StĂ€rke gegenĂŒber Russland zu vertreten.» Das sei absurd. Laschet sprach von einer «SelbstentmĂŒndigung Europas».

Den stĂ€rksten Applaus der gesamten zweistĂŒndigen Preiszeremonie gab es, als Laschet sagte, viele hier in Aachen wĂŒnschten sich, dass man bald wieder zu einem «Zustand ohne Grenzkontrollen» zurĂŒckfinde. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hatte kĂŒrzlich gesagt, dass er trotz der gesunkenen Zahl an Asylbewerbern an Grenzkontrollen festhalten wolle. 

«Whatever it takes»

Über Draghi, den frĂŒheren PrĂ€sidenten der EuropĂ€ischen Zentralbank (EZB) und ehemaligen italienischen MinisterprĂ€sidenten, sagte Laschet, dessen Auszeichnung sei «ein Signal an die Kommission, dass das Tempo der EuropĂ€ischen Union nicht das Tempo der Welt ist, in der wir bestehen mĂŒssen».

Der heute 78 Jahre alte Draghi hatte 2012 auf dem Höhepunkt der Euro-Krise als PrÀsident der EuropÀischen Zentralbank (EZB) gesagt, man werde tun, «whatever it takes» - was immer nötig ist -, um die gemeinsame WÀhrung zu sichern. 2024 legte er den sogenannten Draghi-Report zur Steigerung der europÀischen WettbewerbsfÀhigkeit vor.

In seiner Dankesrede sagte Draghi, Europa sei heute zu abhĂ€ngig von anderen und falle auf vielen Gebieten zurĂŒck, besonders im Vergleich mit den USA und China. Ein Grund dafĂŒr sei, dass der europĂ€ische Binnenmarkt noch nicht wirklich vollendet sei, so wĂŒrden gleiche Wettbewerbsbedingungen zum Beispiel durch nationale Subventionen untergraben. Die Antwort darauf seien Reformen zur Schaffung eines wirklich integrierten Wirtschaftsraums. «Je mehr sich Europa reformiert, desto weniger muss es sich in Schulden stĂŒrzen», sagte Draghi. 

Adenauer und Churchill unter ersten PreistrÀgern

Der Karlspreis gilt als bedeutendste Auszeichnung fĂŒr Verdienste um die europĂ€ische Einigung. Er war kurz nach dem Zweiten Weltkrieg von Aachener BĂŒrgern gestiftet worden. Der Preis ist nach Kaiser Karl dem Großen benannt, der manchmal als «Vater Europas» bezeichnet wird. Seit vergangenem Jahr ist er mit einem Preisgeld von einer Million Euro verbunden, gestiftet von einem Aachener Ehepaar. Dieses Geld soll proeuropĂ€ischen Projekten zugutekommen.

Zu den ersten PreistrÀgern gehörten Bundeskanzler Konrad Adenauer (1954) und der britische Premierminister Winston Churchill (1955). Im vergangenen Jahr ging der Preis an EU-KommissionsprÀsidentin Ursula von der Leyen.

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