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Calw spinnt weltweit erstes analoges Fadennetz

Veröffentlicht am: 04.11.2026 um 09:01 Uhr | presseportal, AD HOC NEWS
Calw - Blinkende Bildschirme und digitale Dauervernetzung bestimmen unseren Alltag. Doch trotz ständiger Online-Kommunikation fühlen sich viele Menschen isolierter denn je. "Wir haben als Gesellschaft den Faden verloren", konstatiert Oberbürgermeister Florian Kling. "Deshalb bringen wir den Faden zurück und ziehen ihn durch alle Haushalte", ergänzen die Schweizer Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin. Nun wagt Calw das weltweit erste flächendeckende "Analoge Fadennetz". Am Mittwoch, 4. November, fällt mit der ersten Fadenjagd der Startschuss für das Projekt. Am Dienstag, 10. November, folgt eine Infoveranstaltung für alle Bürgerinnen und Bürger.
Calw spinnt weltweit erstes analoges Fadennetz - Bild: presseportal.de

Mit dem "Analogen Fadennetz" der Schweizer Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin soll die erste Stadtvernetzung per Faden entstehen - als handfeste Antwort auf den schleichenden Verlust zwischenmenschlicher Nähe. Das Projekt knüpft da an, "wo wir Menschen gegenüber der KI unschlagbar sind - beim direkten Miteinander und der Begegnung von Mensch zu Mensch", erklärt Kling. "Manche mögen solche Kunstaktionen für entbehrlich halten. Doch wenn sie uns als Gesellschaft neue Blickwinkel schenken und Gespräche am Gartenzaun ermöglichen, dann haben sie mehr bewirkt, als es mancher staatliche Fördertopf in Krisenzeiten vermag."

Der Gemeinderat der Stadt Calw hat dem außergewöhnlichen Vorhaben bereits in einem konspirativen Treffen seine Zustimmung erteilt. Auch der Verein StadtLandKultur e.V. konnte als Komplize gewonnen werden. Seitdem liefen die Planungen und Abstimmungen hinter den Kulissen. In dieser Woche fällt nun der Startschuss: Mit dem Verlegen des ersten Fadens in einen eigens dafür geschaffenen Schacht wird zugleich eine dauerhafte Kunstinstallation eingeweiht. Die Riklin-Brüder machen gemeinsam mit ihren Projektpartnern damit die Vision eines "Analogen Fadennetzes" in Calw erstmals greifbar. Die Stadt Calw wird als erste Kommune in Deutschland ein eigenes Fadennetz knüpfen.

Im Rathaus, in der Kulturapotheke, im Mode Schaber am Marktplatz, im Bauzentrum Kömpf, im TSV Sportzentrum sowie in allen Bürgerbüros und Ortsverwaltungen entstehen sogenannte öffentliche Fadensammelstellen: Bürgerinnen und Bürger sind aufgerufen, dort abgeschnittene Schnüre, Bindfäden und Wollreste abzugeben. Was sonst in Schubladen, Kellern oder Garagen liegen bleibt oder im Abfall landet, wird zum Baumaterial für das "Analoge Fadennetz Calw".

Folgt der Digitalisierung die Analogisierung?

Mit dieser Frage beschäftigen sich die Zwillingsbrüder Frank und Patrik Riklin vom St. Galler Atelier für Sonderaufgaben schon seit Jahren. Ihr Konzept des "Analogen Fadennetzes" setzt dem Trend zu Entpersonalisierung, Unverbindlichkeit und sozialer Isolation eine provokant einfache Idee entgegen. "Je digitaler die Welt, desto größer die Gefahr der Zombifizierung - desto mehr sollten wir gleichberechtigt ins Analoge investieren", so die Künstler. Die "Analogisierung" verstehe sich allerdings nicht als Kampfansage an neue Technologien, sondern als kreative Ergänzung und Rückbesinnung auf das Greifbare. Ein verbindendes Netz aus gewöhnlicher Schnur, das reale Begegnungen stiftet und Nachbarn wieder näher zusammenbringt.

Nach dem Auftakt beginnt nun das eigentliche Experiment: die schrittweise Verfädelisierung der Stadt. Der Clou dabei ist, dass die Verlegung des "Analogen Fadennetzes" nicht zentral organisiert wird. Vielmehr soll sie aus der Bevölkerung heraus entstehen. Die Riklin-Brüder geben den künstlerischen Impuls und eine einfache Anleitung für den Verlegungsprozess. Den Rest übernehmen im Idealfall die Calwerinnen und Calwer selbst. Das Prinzip: Wer eine Fadenrolle erhält, verlegt ein Stück Faden, gibt die Rolle weiter und verbindet seinen Faden mit dem Faden des Nachbarn. Aus Nachbarn werden Fadenkomplizen, aus einzelnen Fadenstücken entsteht nach und nach ein gemeinsames Fadennetzwerk.

Etappe 1: Sammeln November 2026 bis Januar 2027

Am Anfang braucht es vor allem eines: möglichst viel Faden. Bei kollektiven Fadenjagden ziehen die Riklin-Brüder, das Calwer Kernteam und weitere Freiwillige durch die Stadtteile und Quartiere, klingeln an Haustüren und sammeln übrig gebliebene Schnüre. Gesucht sind insbesondere Naturbindfäden, Packschnüre und andere robuste Fadenreste, kein Nähfaden. Das Material kann jederzeit in den öffentlichen Fadensammelstellen abgegeben werden.Damit aus den gesammelten Fadenresten ein verlegbares Netzwerk wird, müssen sie anschließend auf handliche Fadenrollen aufgewickelt werden. Die Rollen bilden das Ausgangsmaterial für die nächste Etappe.

Etappe 2: Verlegen November 2026 bis Mai 2027

Hier wird es spannend: 13 nummerierte Fadenrollen werden auf die 13 Calwer Stadtteile verteilt. Jede Rolle erhält eine Anleitung mit dem Verlegungsprinzip sowie den wichtigsten Sicherheitsregeln. Von dort aus sollen die Rollen von Haushalt zu Haushalt weitergegeben werden. Wer eine Rolle erhält, schneidet ein Stück Faden ab, verlegt es von der eigenen Wohnung aus in Richtung Nachbarschaft und verbindet es mit dem nächsten Haushalt. Wichtig dabei: Der Faden soll tatsächlich bis in die jeweilige Wohnung reichen - nicht nur bis zur Grundstücksgrenze oder zum Gartenzaun. Wie das funktioniert, zeigt ein Erklärvideo auf der Projektwebseite.

Das Prinzip dahinter ist ein Schneeballeffekt. Dabei sind Fantasie und Eigeninitiative gefragt. Was tun, wenn die Rolle leer ist? Wenn niemand zu Hause ist? Solche Herausforderungen gehören zum Experiment. Die Faden-Hotline auf www.analoges-fadennetz.de bietet Unterstützung, nimmt Fragen

und Lösungsideen entgegen und macht gute Einfälle über die Fadenpost sichtbar. Wer noch keine Fadenrolle erhalten hat, kann übrigens selbst eine herstellen: Fadenreste zusammenknoten und auf einen Stock, einen Ast oder einen alten Besenstiel wickeln. Die selbst gemachte Rolle wird online registriert und erhält eine eigene Nummer. So entstehen unabhängig von den 13 Ausgangsrollen weitere Fadenrollen, die den Vernetzungsprozess beschleunigen.

Die Beteiligungsmöglichkeiten sind vielfältig: Fadenjäger sammeln Material, Fadenelfen und Fadenboten bringen Fäden und Rollen dorthin, wo sie gebraucht werden, Fadenaufwickler stellen neue Rollen her. Fadenverleger helfen beim sicheren Verlegen über Straßen und öffentliche Wege, - wo möglich durch bestehende Leerrohre - oder unterstützen Menschen, die den Faden nicht selbst verlegen können. Fädelifest-Organisatoren bringen die Nachbarschaft bei einer Portion "Calwer Fädeli-Suppe" zusammen, Fadennetz-Kommunikatoren verbreiten die Idee und erzählen ihre Erlebnisse weiter. Kurz: Jede und jeder kann auf eigene Weise Komplize werden.

Das Ziel ist ambitioniert: Bis Ende 2026 sollen bereits 30 Prozent der rund 11.000 Calwer Haushalte miteinander verfädelt sein. Bis Mai 2027 soll das Netzwerk möglichst flächendeckend durch alle 13 Stadtteile gewachsen sein.

Etappe 3: Feiern Juni 2027

Im Juni 2027 soll Calw sein "Analoges Fadennetz" mit einem grossen Volksfadenfest auf dem Marktplatz feiern. Im Mittelpunkt stehen das gemeinsame Erleben, Diskutieren und Präsentieren des entstandenen Gemeinschaftskunstwerks. Was hat das Fädeli mit den Calwerinnen und Calwern gemacht? Welche unüblichen Begegnungen sind entstanden? Was bleibt von der gemeinsamen Aktion? Und wie lässt sich der Fädeli-Geist über das Projekt hinaus weitertragen?

Ob das Vorhaben tatsächlich gelingt, ist bewusst offen. Die Riklin-Brüder geben einen Impuls, aber keine Erfolgsgarantie. Sollte der Funke nicht überspringen, ist auch ein Scheitern oder ein Projektabbruch Teil des künstlerischen Experiments. Denn bereits die gemeinsame Auseinandersetzung mit der Frage nach Sinn oder Unsinn eines solchen Vorhabens kann Sinn stiften. Das "Analoge Fadennetz" ist damit nicht nur ein Netzwerk aus Fäden, sondern vor allem ein Experiment, was eine Stadtgemeinschaft aus eigener Kraft zustande bringen kann. Die Kunst der Riklin-Brüder ist dabei eine Option, keine Mission.

Termine

Mittwoch, 4. November 2026, 13-16 Uhr

Startschuss zur Fadenjagd im Stadtkern

Treffpunkt: Rathaus

Dienstag, 10. November 2026, 18.30 Uhr

Öffentliche Informationsveranstaltung zum Analogen Fadennetz

Forum am Schießberg

Mittwoch, 11. November 2026, 13-16 Uhr

Kollektive Fadenjagd und Fadenverlegung in Stammheim

Treffpunkt: Bürgerbüro

Dienstag, 17. November 2026, 18 Uhr

Workshop: Ein Jahr gegen die Einsamkeit

Haus auf dem Wimberg, Anmeldung: info@demil-calw.de

Mittwoch, 18. November 2026, 13-16 Uhr

Kollektive Fadenjagd und Fadenverlegung in Wimberg

Treffpunkt: Bürgerbüro

Weitere Fadenjagden, Mitmachaktionen und Veranstaltungen werden laufend auf www.analoges-fadennetz.de bekanntgegeben.

Falls Sie an Pressefotos interessiert sind, haben Sie die Wahl zwischen Bildern, die Sie im Anhang oder unter diesem Swisstransfer-Link (hohe Auflösung) kostenlos verwenden können.

Zu den Künstlern:

Hinter dem Projekt stehen die international bekannten Konzept- und Aktionskünstler Frank und Patrik Riklin (52) aus St. Gallen. In ihrem Atelier für Sonderaufgaben widmen sich die Zwillingsbrüder seit über 25 Jahren der Frage, wie sich das Potenzial der Kunst erweitern lässt, wenn sie den Museumskontext verlässt und direkt ins gesellschaftliche Leben eingreift. Wo liegt die Schnittstelle zwischen Kunst und Alltag, Wirtschaft und Gesellschaft? Wie verändert sich die Rolle des Künstlers, wenn Kunst dort platziert wird, wo man sie am wenigsten erwartet?

Frank und Patrik Riklin inszenieren sich als Akteure zwischen Kunst, Gesellschaft und Ökonomie. Ihr Credo: Kunst muss nicht funktionieren, sie muss wirken. Dafür haben sie die Disziplin "Artonomie" erfunden. Die Künstler kooperieren mit öffentlichen Institutionen sowie mit Unternehmen und entwickeln Ideen, die neue Wirklichkeiten schaffen. Auf diese Weise schaffen sie nicht nur eine Unabhängigkeit von der klassischen Kunstfinanzierung, sondern provozieren außerdem Unsicherheit über Charakteristika ihrer Profession. Sie eröffnen damit neue Wirkungsfelder.

Mit den Werken "Null Stern Hotel" (2008/2016/2022), "BIGNIK" (fortlaufend seit 2012) und "Fliegen retten in Deppendorf" (2012) erlangten sie internationale Bekanntheit als Konzept- und Aktionskünstler.

www.sonderaufgaben.ch

Für Fragen wenden Sie sich bitte an:

Frank & Patrik Riklin, Atelier für Sonderaufgaben, 0041 78 732 63 14, info@sonderaufgaben.ch
Florian Kling, Oberbürgermeister der Stadt Calw, 0049 7051 167-100, fkling@calw.de
Bianca Rousek, Pressesprecherin der Stadt Calw, 0049 7051 167-104, brousek@calw.de

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