Wie Popstar Charli XCX als «Brat» die Musikwelt aufmischt
Veröffentlicht am: 24.07.2026 um 10:47 Uhr | dpa.deKürzlich sorgte Madonna für Spekulationen unter Fans, als sie auf Instagram schrieb: «If your Dance floor feels dead/ Maybe you're playing the wrong music». Auf Deutsch: «Wenn sich deine Tanzfläche tot anfühlt, spielst du vielleicht die falsche Musik». Sofort waren sich einige sicher: Die Sängerin, die gerade einen Nachfolger ihres gehypten Albums «Confessions on a Dance Floor» nachgelegt hat, teilt gegen Popstar-Kollegin Charli XCX aus, die zuvor in einem neuen Song den Tod des «Dancefloors» ausgerufen hatte.
Doch ob Madonna nun wirklich auf die britische Sängerin angespielt hat oder nicht: Charli XCX dürften solche Gerüchte vermutlich sogar in die Karten spielen. Es gibt wohl kaum einen Popstar, der das Spiel von Selbstinszenierung zwischen Internet-Hype, Ironie und künstlerischem Anspruch so beherrscht wie die 33-Jährige.
Ein ungewöhnlicher Popstar
Mit ihrem 2024 erschienenen Album «Brat» hat Charli XCX einen Sommer lang die Pop- und Internetkultur geprägt. Gleichzeitig wirkt sie mit ihrer coolen Art manchmal wie ein Anti-Popstar fernab des Hochglanz-Glamours à la Taylor Swift. Sie inszeniert sich als exzessives Partygirl, kommentiert dieses Image aber immer wieder auf einer Meta-Ebene selbst, hat sogar in einem Film darüber mitgespielt.
Jetzt hat die Sängerin ihre neue Platte «Music, Fashion, Film» herausgebracht. Passenderweise versammelt sie auf dem Albumcover den Musiker John Cale, Designer Marc Jacobs und Regie-Größe Martin Scorsese, wohl eine Anspielung auf ihre Interessen fernab der Popmusik. Doch dazu später mehr.
Charli XCX ist Anfang der 2010er Jahre mit Hits wie «Break the Rules» und «Boom Clap» bekanntgeworden Zuletzt stand sie vor allem für einen Mix aus Hyperpop und tanzbarem Electro. «Music, Fashion, Film» hingegen klingt wie ein bewusster Stilwechsel: deutlich gitarrenlastiger, roher und rockiger.
Charli XCX als das «menschgewordene Internet»
Doch das überrascht nicht. Es reiht sich ein in eine Gewohnheit der Sängerin, ihren Sound neu zu erfinden. Der «Spiegel» schrieb vor zwei Jahren, Charli XCX sei seit dem Anfang ihrer Karriere das «menschgewordene Internet», sie beherrsche die Kunst, «das Netz ins echte Leben zu übersetzen und für sich zu nutzen».
Wie sehr das zutrifft, zeigt der Trubel rund um das «Brat»-Album. Kurzer Rückblick: Die Britin, die mit dem Schlagzeuger George Daniel der Band The 1975 verheiratet ist, hatte damals mit dem Titel ihres sechsten Studioalbums einen Trend ausgelöst.
Wie Charli XCX «Brat» zum Leben erweckte und wieder beerdigte
«Brat» bedeutet so viel wie «Göre». Die Idee dahinter: Machen, was man will, egal, was andere denken. Eine Art Gegentrend zur übertriebenen «Clean-Girl-Ästhetik». In einem BBC-Interview sagte sie dazu, man brauche eigentlich nur ein Top ohne BH, ein Feuerzeug und eine Packung Zigaretten, um «Brat» zu sein.
Der Begriff wurde in ihrer Heimat Großbritannien damals vom Collins Dictionary zum Wort des Jahres gekürt. Das giftgrüne Cover wurde zum Vorbild für Memes und Mode. Sogar das Team um die damalige US-Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris sprang auf die virale Welle auf.
Natürlich hätte Charli XCX, die mit bürgerlichem Namen Charlotte Emma Aitchison heißt, den «Brat»-Sommer einfach noch weiter laufenlassen können. Stattdessen inszenierte sie das Ende des Hypes gleich selbst. In der selbstironischen Satire «The Moment», in der sie eine überzeichnete Version von sich spielt, erklärte sie «Brat» dieses Jahr für beendet.
Dem «Rolling Stone»-Magazin sagte sie, es sei für sie kreativ nicht befriedigend, zweimal dasselbe zu machen. «Alle meine Alben spielen mit Gegensätzen». Sie stünden im Widerspruch zueinander. Genau das sei das verbindende Element.
Worum es im neuen Album geht
«Music, Fashion, Film» steht mit elf Songs inhaltlich nicht unbedingt im Widerspruch zum Vorgänger, es ist eher eine Reflexion über den «Brat»-Hype und stellt die Frage: Wer ist Charli XCX eigentlich wirklich?
Im Song «I'm Afraid» thematisiert sie ihre Unsicherheiten und ihre Angst vor dem Scheitern als Künstlerin und Ehefrau. In «Camera» fragt sie sich, ob sie überhaupt Musik machen möchte und sie «dumm» ist, wenn sie mit bald 34 Jahren versucht, Schauspielerin zu werden. Doch es gibt auch wieder selbstironische Brüche. In dem eingängigsten Song des Albums «Wink Wink» verspricht die Musikerin mit einem Augenzwinkern, kein «bad girl» mehr zu sein und spielt auf ihr «Brat»-Partygirl-Image an.
Zwar erklärte die Sängerin im «Rolling Stone»-Interview, sie habe nie behauptet, ein Rockalbum zu machen, dennoch bringt die neue Platte unbestreitbar einen rockigen Sound mit Drums und verzerrten Gitarren mit. Wie zum Beispiel «Rock Music», jener Song, der auch Madonnas Instagram-Post inspiriert haben könnte. Das Musikvideo spielt mit Rock-'n'-Roll-Klischees. Charli XCX wirft etwa einen Fernseher aus dem Fenster.
Dort beschwört sie auch das Ende der Tanzfläche: «I think the dance floor is dead/ So now we're making rock music» («Ich denke, die Tanzfläche ist tot, also machen wir jetzt Rockmusik»). Dem «Rolling Stone» sagte sie, die vieldiskutierte Zeile befasse sich sehr viel mit ihrer Beziehung zu «Brat» und ihrer persönlichen Erfahrung mit dem Album, sei aber nicht als Kritik an Dance-Musik gemeint.
«Music, Fashion, Film» klingt wie ein Selbstporträt
Der Albumtitel «Music, Fashion, Film» klingt jedenfalls wie eine Art Selbstporträt und beschreibt ziemlich treffend das, was die Künstlerin abseits ihrer Musik interessant macht. Sie ist nicht nur eine versierte Songwriterin, die unter anderem Songs für Camila Cabello und Selena Gomez geschrieben hat oder den Soundtrack zum Film «Wuthering Heights» beisteuerte.
Sie ist auch leidenschaftliche Cineastin, etwa ein Fan des deutschen Filmemachers Werner Herzog und aktive Nutzerin der Plattform Letterboxd, bei der man Filme bewerten kann. Beim Thema Mode redet sie ebenfalls gerne mit. Ihre eigenwilligen, edgy Outfits sind für viele ein Stil-Vorbild.
Apropos Mode: Die Gerüchte um einen Streit zwischen dem Popstar und Madonna haben sich übrigens wieder erledigt. Bei einer Modenschau bei der Paris Fashion Week saßen die beiden nebeneinander - und umarmten sich herzlich.
