Leben“, MDR-Dokumentation

„Zug ins Leben“: MDR-Dokumentation ĂŒber die Befreiung der SS-Geiseln bei Farsleben

02.05.2025 - 11:21:03 | presseportal.de

Leipzig - In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs, vor achtzig Jahren, ereignet sich in der NĂ€he des Dorfes Farsleben nördlich von Magdeburg ein Wunder: Am 12. April 1945 kommt hier ein Todeszug zum Stehen, darin eingepfercht 2500 jĂŒdische HĂ€ftlinge, darunter viele Frauen und Kinder, die aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen kommen. Ihre Rettung beleuchtet die neue MDR-Dokumentation „Zug ins Leben – Die Befreiung der SS-Geiseln”. Nur einige Fotos dokumentierten diese Befreiungsaktion. Bis 2023 durch einen Zufall Aufnahmen aus dem amerikanischen Nationalarchiv auftauchen, die eindeutig dem gestrandeten Zug in Farsleben zuzuordnen sind. Zu sehen ist die ARD History-Doku schon jetzt in der ARD Mediathek und am 6. Mai um 22.10 Uhr im MDR-Fernsehen.

„Zug ins Leben“: MDR-Dokumentation ĂŒber die Befreiung der SS-Geiseln bei Farsleben - Bild: presseportal.de
„Zug ins Leben“: MDR-Dokumentation ĂŒber die Befreiung der SS-Geiseln bei Farsleben - Bild: presseportal.de

Als sich die britischen und amerikanischen Truppen dem KZ Bergen-Belsen nĂ€hern, schickt die SS drei ZĂŒge mit HĂ€ftlingen los, mit dem Ziel Theresienstadt. Nur einer der drei Transporte triff dort ein. Die beiden anderen fahren tagelang umher. Einer wird nach zwei Wochen in SĂŒdbrandenburg durch die sowjetische Armee befreit, er wird spĂ€ter der „verlorene Zug“ genannt. Den anderen, der bei Farsleben zum Halten kommt, nennt man den „gestrandeten Zug“. Die HĂ€ftlinge darin kommen aus Ungarn, den Niederlanden, Polen und Griechenland. Die SS hatte sie ursprĂŒnglich als Geiseln eingeplant, die gegen gefangene Deutsche ausgetauscht werden sollten. Doch die heranrĂŒckenden alliierten Truppen versperren den Weg und die SS-Leute machen sich aus dem Staub. Am Mittag des 13. April erreicht eine Einheit der 743. Amerikanischen Panzerdivision den Zug.

„Als wir merkten, dass es Amerikaner waren, waren wir erleichtert. Viele weinten, auch meine Mutter”, erinnert sich Peter Lantos, damals fĂŒnf Jahre alt. Ein amerikanischer Offizier hat die bewegenden Momente der Befreiung fotografiert. Lange Zeit galten diese Fotos als einzige Bildquelle. Sie dokumentieren eine Episode des Krieges, die im Bewusstsein der Öffentlichkeit in Vergessenheit geriet.

Sensationsfund im amerikanischen Nationalarchiv

Vor zwei Jahren entdeckt Susanne Oehme vom Museum Wolmirstedt im amerikanischen Nationalarchiv in Washington schließlich einen vier Minuten langen Film von der Befreiung, vermutlich angefertigt von einem Filmteam der amerikanischen Armee. Auf den Bildern sind Menschen zu sehen, die unglĂ€ubig in die Kamera schauen und es kaum zu fassen scheinen, dass sie in letzter Sekunde dem Tod entronnen sind. Ausgezehrt und bis auf die Knochen abgemagert. MĂ€nner zerquetschen LĂ€use zwischen den Fingern. Manche hatten es nicht geschafft, auch Tote sind auf den Bildern zu sehen. Die Soldaten versorgen die Überlebenden mit Nahrung und bringen sie in den wenige Kilometer entfernten Ort Hillersleben, wo sie in einer ehemaligen Kaserne und den WohnhĂ€usern der Heeresversuchsanstalt untergebracht werden. Viele der entkrĂ€fteten Menschen sterben in den nĂ€chsten Tagen, ausgezehrt von den Strapazen oder an Typhus. Sie werden auf einem jĂŒdischen Friedhof in Hillersleben begraben.

Von der Verschleierung und Wiederentdeckung der historischen Wahrheit

Im September 1945 zerstreuen sich die jĂŒdischen Überlebenden in alle Winde, wandern nach PalĂ€stina aus, in die USA oder die alte Heimat. Doch damit ist die Geschichte nicht zu Ende. In die Kaserne ziehen nach dem Abzug der Amerikaner im Juli 1945 sowjetische Soldaten ein. Aus dem jĂŒdischen Friedhof wird ein Sportplatz. Das Kasernenareal ist nun eingezĂ€unt und fĂŒr die Öffentlichkeit nicht mehr zugĂ€nglich.

Teilweise sind bis zu 30.000 sowjetische Soldaten in Hillersleben stationiert, was dem Ort den Spitznamen „Klein Moskau“ einbringt. Weil im Lauf der Zeit immer wieder Angehörige die GrĂ€ber ihrer 1945 gestorbenen Verwandten besuchen wollen, greift die DDR 1984 zu einem Trick und verschleiert die Rettung durch die verfeindeten Amerikaner. Auf dem Friedhof in Hillersleben wird ein Gedenkstein aufgestellt. Darauf die Inschrift: „Hier ruhen 32 unbekannte jĂŒdische KZ-HĂ€ftlinge, die auf dem Todesmarsch von Bergen-Belsen von den Faschisten ermordet wurden und im April 1945 hier ihre letzte RuhestĂ€tte fanden.“

Erst nach dem Mauerfall holen der Historiker Klaus-Peter Keweloh aus Hillersleben und sein Sohn Daniel die historische Wahrheit ans Licht. Sie halten den Kontakt zu Überlebenden wie Peter Lantos und fĂŒhren die Kinder der ehemaligen Zuginsassen zu den authentischen Orten. Diese kommen in der MDR-Dokumentation zu Wort, ebenso wie der junge Filmemacher Robert Hirschmann, der einen Kurzfilm ĂŒber die damaligen Ereignisse produziert hat und die Studentin Johanna MĂŒcke. Schon als SchĂŒlerin am Gymnasium in Wolmirstedt hat sie sich mit der Geschichte des Zuges beschĂ€ftigt, hat Briefe und Interviews von den Überlebenden ĂŒbersetzt.

MDR-Themenschwerpunkt „Die Welt zwischen Krieg und Frieden“

Vor 80 Jahren endete der Zweite Weltkrieg, seit nunmehr drei Jahren fĂŒhrt Russland gegen die Ukraine einen Krieg, der nach wie vor auch die Menschen in Mitteldeutschland beschĂ€ftigt. Mit seinem Themenschwerpunkt „Die Welt zwischen Krieg und Frieden“ blickt der MDR 2025 zurĂŒck und thematisiert dabei die drĂ€ngenden Fragen der Gegenwart: Welche Lehren ziehen wir als Gesellschaft aus der Geschichte? „Zug ins Leben – Die Befreiung der SS-Geiseln” ist Teil dieses Programm-Schwerpunkts.

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