Deutschland, Baden-WĂŒrttemberg

Wie Fans AttentÀter feiern - und welche Gefahren das birgt

Veröffentlicht am: 04.09.2026 um 04:15 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

AttentÀtern wird in sozialen Netzwerken gehuldigt. Eine Studie zeigt, wie leicht MinderjÀhrige an solche Inhalte kommen. Warum das die Gefahr weiterer Gewalttaten erhöht, und was man dagegen tun kann.

  • Eine Fanszene feiert AmoklĂ€ufer und AttentĂ€ter im Netz. (Symbolbild) - Bild: Sebastian Kahnert/dpa
    Eine Fanszene feiert AmoklÀufer und AttentÀter im Netz. (Symbolbild) - Bild: Sebastian Kahnert/dpa
  • Auf TikTok kursieren entsprechende Videos. (Symbolbild) - Bild: Monika Skolimowska/dpa
    Auf TikTok kursieren entsprechende Videos. (Symbolbild) - Bild: Monika Skolimowska/dpa
  • Die Landesanstalt fĂŒr Kommunikation Baden-WĂŒrttemberg hat das PhĂ€nomen untersucht. (Archivbild) - Bild: Marco Krefting/dpa
    Die Landesanstalt fĂŒr Kommunikation Baden-WĂŒrttemberg hat das PhĂ€nomen untersucht. (Archivbild) - Bild: Marco Krefting/dpa
  • Die Fachleute sehen VerstĂ¶ĂŸe gegen Jugendschutz. (Symbolbild) - Bild: Jan Woitas/dpa
    Die Fachleute sehen VerstĂ¶ĂŸe gegen Jugendschutz. (Symbolbild) - Bild: Jan Woitas/dpa
  • Manche Kommentare haben auch strafrechtliche Relevanz. (Symbolbild) - Bild: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
    Manche Kommentare haben auch strafrechtliche Relevanz. (Symbolbild) - Bild: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Eine Fanszene feiert AmoklĂ€ufer und AttentĂ€ter im Netz. (Symbolbild) - Bild: Sebastian Kahnert/dpa Auf TikTok kursieren entsprechende Videos. (Symbolbild) - Bild: Monika Skolimowska/dpa Die Landesanstalt fĂŒr Kommunikation Baden-WĂŒrttemberg hat das PhĂ€nomen untersucht. (Archivbild) - Bild: Marco Krefting/dpa Die Fachleute sehen VerstĂ¶ĂŸe gegen Jugendschutz. (Symbolbild) - Bild: Jan Woitas/dpa Manche Kommentare haben auch strafrechtliche Relevanz. (Symbolbild) - Bild: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Ob AmoklĂ€ufe in Schulen, rassistische oder antisemitische Attentate: Im Grunde kann man die Uhr danach stellen, wann solche VorfĂ€lle im Netz debattiert werden. Da gibt es nicht nur Entsetzen oder Anteilnahme fĂŒr Opfer und Hinterbliebene. Eine sogenannte Fanszene feiert die TĂ€ter. Die Landesanstalt fĂŒr Kommunikation Baden-WĂŒrttemberg (LFK) hat sich das PhĂ€nomen im Rahmen einer Schwerpunktanalyse genauer angeschaut.

Was ist die «AttentÀter-Fanszene»?

Auf sozialen Netzwerken kursieren Inhalte, die AttentÀtern oder AmoklÀufern huldigen. Nutzer und Nutzerinnen heroisieren sie, suggerieren romantische oder freundschaftliche Beziehungen zu ihnen oder verherrlichen, verharmlosen oder billigen ihre Taten. 

Mit Blick auf Rechtsterroristen hĂ€lt der Verfassungsschutz Baden-WĂŒrttemberg fest, dass Online-Akteure der «AttentĂ€ter-Fanszene» oft recht jung seien. «Dennoch weisen sie eine extreme GewaltaffinitĂ€t auf, wodurch sie innerhalb der Szene sowohl sich selbst als auch andere Personen immer weiter radikalisieren.»

Wie gefÀhrlich ist das?

Zum einen werden Menschen laut Verfassungsschutz im Extremfall dazu motiviert, Gewaltfantasien umzusetzen. «Die AttentĂ€ter-Fanszene gilt dabei auch deshalb als besonders gefĂ€hrlich, weil sie sich selbst verstĂ€rkt», heißt es Ă€hnlich in der LFK-Schwerpunktanalyse. Jede Gewalttat könne zu einer neuen Welle an Fan-Inhalten fĂŒhren. 

Zum anderen können derartige Darstellungen und Kommentare gegen Jugendschutzrecht verstoßen, wie die fĂŒr den Jugendmedienschutz im Internet zustĂ€ndige LFK betont. Werden Straftaten gebilligt, könnte das außerdem strafrechtlich relevant sein.

Wie sehen solche Inhalte aus?

Ganz unterschiedlich: Es gibt KI-generierte Videos, in denen TĂ€ter tanzend gezeigt werden, wĂ€hrend die Anzahl der ermordeten Opfer eingeblendet wird (Rampage-Dance-Videos). Es gibt Gameplay-Videos, in denen AnschlĂ€ge oder AmoklĂ€ufe nachgespielt werden. «Ziel ist dabei oft, die eigentliche Tat zu ĂŒbertrumpfen», sagt ein LFK-Experte. So gehe es etwa beim nachgestellten Anschlag auf die Synagoge von Halle (Saale) darum, anders als der echte TĂ€ter in das GebĂ€ude zu gelangen und dort zu töten.

Um zu verhindern, dass Videos schnell gefunden und gelöscht werden, nutzen Ersteller solcher Inhalte demnach Umschreibungen, Emojis oder abgewandelte Schreibweisen (Algospeak). TĂ€ter wĂŒrden beispielsweise als «Schauspieler» bezeichnet, Hashtags suggerierten ein fiktives Geschehen, und in Texten stehe in Bezug auf die Opfer-Zahl, dass TĂ€ter soundsoviele «Umarmungen»/«Geschenke» verteilt hĂ€tten. 

Welche konkreten Beispiele gibt es?

Im Juli hatte ein 16-JĂ€hriger zwei SchĂŒlerinnen an einem Gymnasium im oberbayerischen Schongau mit einem Messer schwer verletzt. Laut Ermittlern soll der Kroate in sozialen Netzwerken AmoklĂ€ufe verherrlicht haben. Im Zusammenhang mit einem tödlichen Schwertangriff auf eine 17-JĂ€hrige im schwedischen Fagersta im August steht das ebenfalls im Raum.

Was hat die LFK untersucht?

Die LFK untersuchte, wie einfach MinderjÀhrige auf TikTok mit solchen Inhalten in Kontakt kommen können. Sie legte nach eigenen Angaben einen Account mit einem Nutzeralter von 16 Jahren an und simulierte dem Algorithmus ein Interesse an entsprechendem Material. Die Behörde habe sich gezielt TikTok ausgesucht, weil dort besonders viele Kinder und Jugendliche unterwegs seien.

Was ist dabei herausgekommen?

Mehr als ein FĂŒnftel der auf der For-You-Page ausgespielten Videos habe nach dem «Training» des Algorithmus unterstĂŒtzend auf AttentĂ€ter oder AmoklĂ€ufer Bezug genommen. Zudem stellte die LFK etwa fest, dass bei Eingabe ins Suchfeld zu Vornamen hĂ€ufig Nachnamen von TĂ€tern oder Begriffe aus der Szene vorgeschlagen wĂŒrden. 

In der Desktop-Version gebe es von TikTok automatisch generierte KI-Zusammenfassungen, die die verzerrenden Darstellungen und Wortwahl aus Beschreibungen der User aufgreifen - und das Ganze auch mal weitertreiben etwa mit der Frage, was ein «Actor» als NÀchstes tun solle. 

Regte die LFK zunĂ€chst ĂŒber User-Meldungen ein Entfernen an, seien diese Inhalte - bis auf zwei Ausnahmen - erst nach den darauffolgenden Meldungen ĂŒber ein gesondertes Meldeportal fĂŒr Behörden entfernt worden. Selbst wenn problematische Inhalte gelöscht seien, tauchten sie rasch in Ă€hnlicher Form oder auf anderen Accounts wieder auf. 

Was sagt TikTok dazu?

Das Unternehmen reagierte auf eine Anfrage der Deutschen Presse-Agentur zunĂ€chst nicht. In frĂŒheren Stellungnahmen, in denen es etwa um Hatespeech, Extremismus und Radikalisierung geht, distanziert sich TikTok von der Verbreitung hasserfĂŒllter Ideologien. GewalttĂ€tige oder hasserfĂŒllte Akteure zu fördern, sei verboten. Das Gros gemeldeter Inhalte werde binnen 24 Stunden entfernt. Viele auch, bevor sie ĂŒberhaupt gemeldet wĂŒrden. 

Ist TikTok das einzige soziale Netzwerk, auf dem AttentÀter gefeiert werden?

Nein. Anfang des Jahres haben das Landeskriminalamt Baden-WĂŒrttemberg und die Generalstaatsanwaltschaften Stuttgart und MĂŒnchen nach eigenen Angaben die weltweit erste kriminologische Studie zur deutschen «Terrorgramszene» vorgestellt. Es gehe um ein rechtsextremistisches Netzwerk, das vor allem ĂŒber den Messenger-Dienst Telegram terroristische Gewalt befĂŒrworte und propagiere. «AnschlĂ€ge und Amoktaten werden verherrlicht, und es wird zur Nachahmung aufgerufen», hieß es. 

Was passiert nun?

Die LFK hat ihre Erkenntnisse den zustĂ€ndigen Behörden auf europĂ€ischer Ebene ĂŒbergeben, damit die EuropĂ€ische Kommission mögliche VerstĂ¶ĂŸe prĂŒfen und in Verfahren gegen TikTok einbinden kann. Ferner ist sie mit Strafverfolgungsbehörden wie dem Bundeskriminalamt im Austausch.

Was tun?

Die LFK fordert unter anderem, dass TÀter-Namen und Ausweichbegriffe bei der Suche konsequent gesperrt und keine KI-Zusammenfassungen erstellt werden. Ferner sollte die Moderation verbessert und schneller auf User-Hinweise reagiert werden. 

Um die Gefahr einer Identifikation mit den TĂ€tern zu reduzieren und keine Nachahmungstaten zu befeuern, empfehlen die Fachleute, in Berichten ĂŒber Taten nicht zu stark auf die schiere Anzahl der Toten zu fokussieren, Tatmotive nicht unzulĂ€ssig zu vereinfachen und weder die Namen der TĂ€ter zu nennen noch Fotos von ihnen zu zeigen.

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