Bevölkerung Deutschlands schrumpft bis 2045 – diese Regionen wachsen
Veröffentlicht am: 06.10.2026 um 13:31 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Deutschlands Bevölkerung wird einer Studie zufolge bis 2045 von derzeit 83,3 Millionen auf 81,8 Millionen Menschen zurückgehen.
Mehrheit der Regionen dürfte schrumpfen
Das geht aus der Studie „Demografische Lage der Nation“ hervor, die das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung gemeinsam mit der Wüstenrot-Stiftung vorgestellt hat. Demnach müssen gut zwei Drittel der 400 Kreise und kreisfreien Städte mit einem Rückgang rechnen. Auch 184 Regionen, die vor wenigen Jahren noch gewachsen seien, dürften künftig schrumpfen.
„Die entscheidende Frage sei nicht, ob Deutschland wachse oder schrumpfe, sondern wo“, sagte Catherina Hinz, Direktorin des Berlin-Instituts. Wirtschaftlich starke Regionen mit hohen Einnahmen und vielen Arbeitsplätzen zögen Menschen an. Schwächere Landesteile kämpften dagegen mit Abwanderung und müssten ihre Daseinsvorsorge mit weniger Arbeitskräften organisieren.
26 Indikatoren für die Bewertung
Für die Untersuchung wurden die 400 Kreise und kreisfreien Städte zum fünften Mal verglichen. In das Bewertungssystem fließen 26 Indikatoren aus den Bereichen Demografie, Wirtschaft, Bildung und soziale Bedingungen ein.
Gute Voraussetzungen bieten den Studienautoren zufolge Arbeitsplätze mit guten Bedingungen und Einkommen, ausreichend Arbeitskräfte, finanziell leistungsfähige Kommunen, Betreuungsangebote für Familien und eine funktionierende Mobilität. Mit wenigen Ausnahmen gebe es überall mehr Sterbefälle als Geburten. Deshalb entschieden vor allem Zu- und Wegzüge über das Bevölkerungswachstum einzelner Regionen.
Metropolen und Umland mit Wachstum
Für Leipzig, Berlin, Hamburg, Frankfurt am Main, München, Nürnberg, Düsseldorf, Potsdam und Dresden wird teils deutliches Wachstum erwartet. Essen, Dortmund und Stuttgart müssten dagegen mit einem Bevölkerungsrückgang rechnen. Auch zahlreiche Umlandregionen von Großstädten dürften wachsen, weil Familien mit Kindern eher dorthin zögen, während junge Menschen häufiger in die Metropolen wechselten.
Zu den schwächsten Regionen zählen laut Studie unter anderem der Kreis Elbe-Elster, Lüchow-Dannenberg und der Kyffhäuserkreis. Ländlich bedeute jedoch nicht automatisch schwach: Unter den 100 letztplatzierten Regionen finden sich auch Bremen, Duisburg, Lübeck, Salzgitter und Kaiserslautern.
Ostdeutschland besonders unterschiedlich
12 der 20 Kreise und kreisfreien Städte mit den schwächsten Gesamtbewertungen liegen in Ostdeutschland. 2019 waren es fünf. Der größte erwartete Gewinner und die größten Verlierer bei der Bevölkerungsentwicklung liegen ebenfalls im Osten: Für Dahme-Spreewald wird bis 2045 ein Plus von 17 Prozent prognostiziert, für Suhl und Sonneberg jeweils ein Minus von 30 Prozent.
Auch im Westen sind die Aussichten uneinheitlich. Das Saarland, Südniedersachsen und Südwestfalen dürften weiter an Bevölkerung verlieren, während viele Kreise in Baden-Württemberg und Bayern wachsen könnten.
Erwerbsbevölkerung nimmt ab
Unter den Bundesländern setzt sich Bayern bei der Bewertung weiter ab: 18 der 20 bestplatzierten Kreise und kreisfreien Städte liegen dort. Als Gründe nennen die Autoren eine starke Wirtschaft sowie eine vergleichsweise hohe Beschäftigung von Frauen, Menschen ohne deutschen Pass und älteren Menschen.
Bundesweit soll die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter bis 2045 um 4,7 Prozent schrumpfen. In Thüringen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und dem Saarland wird ein Rückgang von 12 bis 18 Prozent erwartet. Die Teilhabe am Arbeitsmarkt werde deshalb zum Standortfaktor, der Wettbewerb um Arbeitskräfte zu einer zentralen demografischen Herausforderung.
Demografischer Wandel ist regional
Der erwartete Rückgang um rund 1,5 Millionen Menschen bis 2045 beschreibt keinen gleichmäßigen Prozess. Entscheidend sind Wanderungsbewegungen: Regionen mit Arbeitsplätzen, Bildungsangeboten, guter Verkehrsanbindung und ausreichenden Betreuungsmöglichkeiten können Einwohner gewinnen, während strukturschwache Räume zusätzlich durch Abwanderung belastet werden.
Für Kommunen bedeutet das eine doppelte Herausforderung. Wachsende Städte und ihre Umlandkreise müssen Wohnraum, Schulen, Kitas und Verkehr ausbauen. Schrumpfende Regionen müssen dagegen Infrastruktur, medizinische Versorgung und öffentliche Dienstleistungen mit weniger Einnahmen und weniger Personal aufrechterhalten. Die Anpassung betrifft damit nicht nur die Bevölkerungszahl, sondern die gesamte Organisation des Alltags.
Arbeitskräfte werden zum Engpass
Besonders relevant ist die Entwicklung im erwerbsfähigen Alter. Wenn die Babyboomer in den Ruhestand wechseln, verschärft sich der Wettbewerb um Beschäftigte unabhängig davon, ob eine Region insgesamt wächst. Höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen, Menschen ohne deutschen Pass und älteren Beschäftigten kann die Folgen abmildern; zugleich gewinnen qualifizierte Zuwanderung, Weiterbildung und bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf an Bedeutung.
Für Bürgerinnen und Bürger zeigt sich der Wandel vor allem regional: Wohnungsangebote und Arbeitsplätze können in wachsenden Gebieten knapper werden, während in schrumpfenden Kreisen Schulen, Buslinien oder medizinische Angebote unter Anpassungsdruck geraten. Die Studie macht damit sichtbar, dass demografische Politik vor allem vor Ort entschieden wird.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Der Bericht stelle die Studie in den Zusammenhang mit der unterschiedlichen Entwicklung deutscher Regionen. Er hebe hervor, dass Großstädte und ihre Umlandgebiete weiter wachsen könnten, während ländliche Räume Einwohner und Infrastruktur verlören; zugleich verweise er auf politische Handlungsmöglichkeiten durch Einwanderungs-, Bildungs-, Arbeitsmarkt- und Infrastrukturpolitik. Die dpa-Meldung bestätige die regionale Spreizung mit konkreten Prognosen und Rankingdaten, während der Bericht den Schwerpunkt stärker auf die Folgen für abgehängte Dörfer und politische Gestaltungsoptionen lege.
Übergreifend bestätige der Bericht den Befund einer wachsenden Kluft zwischen prosperierenden Ballungsräumen und strukturschwachen Regionen. Offen bleibe dort vor allem, wie die angekündigten Empfehlungen der Studie praktisch umgesetzt und finanziert werden könnten.
