«Anatomie eines Falls» rÀumt beim EuropÀischen Filmpreis ab
09.12.2023 - 23:14:55 | dpa.deDie Schuldfrage zieht sich wie ein roter Faden durch «Anatomie eines Falls»: War es ein Unfall, ein Suizid - oder doch Mord? Der komplexe Justizthriller von Justine Triet ĂŒber eine selbstbestimmte Autorin unter Mordverdacht hat bei dem EuropĂ€ischen Filmpreis am Samstagabend in Berlin gleich in fĂŒnf Kategorien abgerĂ€umt. Der Film wurde als bester europĂ€ischer Film des Jahres geehrt, zudem erhielt er TrophĂ€en fĂŒr die Regie, das Drehbuch und den Schnitt.
Zu den groĂen Gewinnerinnen zĂ€hlte auch die Schauspielerin Sandra HĂŒller (45), die in «Anatomie eines Falls» eine Schriftstellerin verkörpert und dafĂŒr den Preis als beste Darstellerin gewann. In ihrer Rede bedankte sich die in Suhl (ThĂŒringen) geborene Schauspielerin - und rief das Publikum zu Schweigesekunden fĂŒr Frieden in der Welt auf. «Da wir heute Abend so viele sind (...), wĂŒrde ich gerne ein paar Augenblicke mit euch schweigen», sagte HĂŒller. Im Saal wurde es ganz still, danach gab es viel Applaus.
Roth sieht HĂŒller als GlĂŒcksfall fĂŒr Filmbranche
Kulturstaatsministerin Claudia Roth bezeichnete HĂŒller als «besonderen GlĂŒcksfall fĂŒr die deutsche Filmbranche». Sie sei «eine Ausnahmeschauspielerin, die es versteht, ganz unterschiedliche Rollen facettenreich und mit groĂer IntensitĂ€t auszufĂŒllen», sagte die GrĂŒnen-Politikerin am Sonntag in einer Mitteilung. «Sie lotet alle Untiefen der dargestellten Charaktere bis zum ĂuĂersten aus.»
Nach den Erfolgen in Cannes, wo Triets «Anatomie eines Falls» und Jonathan Glazers ebenfalls mit HĂŒller besetzter «The Zone of Interest» ausgezeichnet worden waren, sprach Roth von einem «hochverdienten Preis fĂŒr diese Schauspielerin des Jahres».
Die 45-JĂ€hrige, die in Leipzig lebt, war gleich zweimal als beste Darstellerin nominiert (auch fĂŒr das Drama «The Zone of Interest»). Sie setzte sich unter anderem gegen ihre deutsche Kollegin Leonie Benesch («Das Lehrerzimmer») und die Finnin Alma Pöysti aus der Tragikomödie «Fallende BlĂ€tter» durch. HĂŒller hatte bereits 2016 die TrophĂ€e als beste Darstellerin fĂŒr die Tragikomödie «Toni Erdmann» bekommen.
In «Anatomie eines Falls» geht es um die Schriftstellerin Sandra, die mit ihrem Mann Samuel und ihrem fast blinden Sohn Daniel in den französischen Alpen lebt. Als Samuel tot vor dem Chalet gefunden wird, sieht alles nach einem ĂŒblen Sturz aus. Doch es dauert nicht lange, bis Sandra verdĂ€chtigt wird, ihren Mann umgebracht zu haben und sich dafĂŒr vor Gericht verantworten muss. HĂŒller spielt eine undurchsichtige Frau, die die Zuschauer bis zum Schluss ĂŒber ihre BeweggrĂŒnde rĂ€tseln lĂ€sst. Das komplexe Drama thematisiert dabei auch die Konflikte des Paars und lĂ€sst einen immer wieder an seiner EinschĂ€tzung zweifeln, ob Sandra nun schuldig ist oder nicht.
Das Filmteam ist zudem im GesprĂ€ch fĂŒr das Oscar-Rennen - auch HĂŒller als Hauptdarstellerin. Das Branchenmagazin «The Hollywood Reporter» stellte Anfang September sogar schon die Frage: «Sandra HĂŒller, Schauspielerin des Jahres?»
Mads Mikkelsen als bester Darsteller gekĂŒrt
Als den besten europĂ€ischen Darsteller kĂŒrten die Mitglieder der EuropĂ€ischen Filmakademie den DĂ€nen Mads Mikkelsen fĂŒr seine Rolle im Film «Bastarden». Der 58-JĂ€hrige bedankte sich per Video fĂŒr den Preis. In der Kategorie war unter anderem auch der deutsche Schauspieler Christian Friedel (44) vorgeschlagen, der in «The Zone of Interest» den Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höà darstellt.
Als bester Dokumentarfilm setzte sich «Smoke Sauna Sisterhood» durch, der mehrere Frauen in einer Rauchsauna in Estland portrÀtiert. Statt einer Dankesrede wollte die Regisseurin Anna Hints ein Lied singen.
Der EuropĂ€ische Filmpreis zĂ€hlt zu den renommiertesten Auszeichnungen der Branche. Die rund 4600 Mitglieder der Filmakademie konnten in etlichen Kategorien ĂŒber PreistrĂ€gerinnen und PreistrĂ€ger abstimmen, Ă€hnlich wie bei den Oscars in den USA.
Die britische Schauspielerin Vanessa Redgrave («Blow Up») wurde fĂŒr ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Der ungarische Filmregisseur BĂ©la Tarr («SĂĄtĂĄntangó») erhielt einen Ehrenpreis. Der Auftritt des 68-JĂ€hrigen sorgte fĂŒr Begeisterung. Die spanische Regisseurin Isabel Coixet («Das geheime Leben der Worte») wurde fĂŒr ihre Verdienste um das Weltkino prĂ€miert, den Preis nahm sie sichtlich gerĂŒhrt entgegen. Einige Gewinner standen schon vor der mehrstĂŒndigen Gala fest: «The Zone of Interest» etwa bekam einen Preis fĂŒr den besten Sound.
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