BetÀubt, vergewaltigt und gefilmt - Was treibt TÀter an?
Veröffentlicht am: 17.08.2026 um 07:00 Uhr | dpa.deSie betĂ€uben die Frauen heimlich, vergewaltigen sie und filmen ihre Opfer, um sich daran spĂ€ter zu ergötzen oder die Taten im Netz zu verbreiten. Der Missbrauchsskandal der Französin GisĂšle Pelicot hat weltweit fĂŒr Entsetzen gesorgt - lĂ€ngst ist klar, dass es sich um keinen Einzelfall handelt. In Berlin steht derzeit ein 68-JĂ€hriger vor Gericht, der sich nach den Ermittlungen an insgesamt 58 Frauen vergangen haben soll. Die Opfer erfuhren erst im Rahmen der Ermittlungen, was ihnen angetan wurde.
Doch was treibt die TĂ€ter an? Geht es möglicherweise um eine spezifische Form von Ausbeutung und Macht? «Im Prinzip geht es bei jeder Vergewaltigung ganz maĂgeblich um Macht und nicht um sexuelle Befriedigung», sagt Kriminologin Daniela Klimke, Professorin an der Polizeiakademie Niedersachsen.
Bei Taten, bei denen Frauen betĂ€ubt, vergewaltigt und gefilmt werden, komme eine besonders weitreichende Form der Kontrolle hinzu: «Durch die Sedierung kann die Frau die Tat weder abwehren noch wĂ€hrenddessen wahrnehmen und sich hĂ€ufig anschlieĂend auch nicht daran erinnern», so Klimke.Â
TĂ€ter besitzt besonderes WissenÂ
«Der TĂ€ter verfĂŒgt damit ĂŒber sie und ihren Körper und zusĂ€tzlich ĂŒber Aufnahmen der Tat. Er besitzt ein Wissen und Bilder, ĂŒber die die betroffene Frau selbst zunĂ€chst nicht verfĂŒgt.» Das Filmen fĂŒge der sexualisierten Gewalt eine weitere Dimension hinzu. «Der TĂ€ter kann die Aufnahmen spĂ€ter erneut betrachten, archivieren oder weitergeben. Dadurch wird die Tat ĂŒber den eigentlichen Tatzeitpunkt hinaus verlĂ€ngert», erklĂ€rt Klimke.
In digitalen TÀtergemeinschaften könnten die Aufnahmen zudem eine TrophÀenfunktion annehmen. «Sie können dort als Beleg der Tat und als Mittel sozialer Anerkennung dienen», erlÀuterte die Kriminologin und Soziologin mit sexualwissenschaftlichem Forschungsschwerpunkt.
Wenig Forschung zu dem Thema
Klimke leitet seit dessen GrĂŒndung im Jahr 2021 das Institut fĂŒr KriminalitĂ€ts- und Sicherheitsforschung. Sie forscht zu Somnophilie, dem sexuellen Interesse an schlafenden beziehungsweise bewusstlosen Personen, und zu den ĂbergĂ€ngen zwischen gemeinsam vereinbarten Praktiken und sexualisierter Gewalt. Auslöser war nach ihren Angaben der Fall Pelicot. «Obwohl inzwischen eine Reihe solcher FĂ€lle öffentlich bekanntgeworden ist, gibt es dazu bislang nur sehr wenig empirische Forschung», erklĂ€rt Klimke.Â
Laut Kriminalstatistik registrierte die Polizei im Jahr 2025 bundesweit 14.454 FĂ€lle von Vergewaltigung, sexueller Nötigung oder sexuellen Ăbergriffen im besonders schweren Fall. Im Vergleich zum Vorjahr war das eine Steigung von 8,5 Prozent. Die TĂ€ter stammen laut Bundeskriminalamt (BKA) meist aus dem sozialen Nahfeld, sind also Freunde, Bekannte, Partner oder Ex-Partner. Viele Taten werden allerdings gar nicht erst angezeigt.
Angaben dazu, in wie vielen VergewaltigungsfĂ€llen beispielsweise K.-o.-Tropfen eingesetzt werden, liefert die Statistik nicht. Es gibt jedoch Untersuchungen, bei denen Erfahrungen mit solchen Tropfen abgefragt werden, etwa die BKA-Studie Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag (LeSuBiA).Â
Foren und Pornoplattformen untersucht
Kriminologin Klimke begann im vergangenen Jahr sich mit Communitys zu befassen, in denen sich Menschen ĂŒber entsprechende sexuelle Interessen, Fantasien und Praktiken austauschen. DafĂŒr untersuchte sie nach eigenen Angaben unter anderem BeitrĂ€ge auf Plattformen und analysierte Darstellungen und Suchergebnisse.
Bildmaterial zur Somnophilie sei auch auf gĂ€ngigen Pornoplattformen zu finden. Es gebe durchaus Formen solcher Sexualpraktiken, die vorher vereinbart und in ihren Grenzen festgelegt wĂŒrden, so Klimke. «Zur sexualisierten Gewalt wird es, wenn eine solche Zustimmung nicht vorliegt oder die vereinbarten Grenzen ĂŒberschritten werden.»
Im Fall von Pelicot, war es ihr damaliger Ehemann, der sie ĂŒber knapp zehn Jahre mit Medikamenten betĂ€ubt, missbraucht und Dutzenden Fremden zur Vergewaltigung angeboten hatte. Neben ihrem Ex-Mann wurden 50 MittĂ€ter im Jahr 2024 zu langen Haftstrafen verurteilt. Pelicot setzte sich seinerzeit fĂŒr ein öffentliches Verfahren ein, «damit die Scham die Seite wechselt». Den TĂ€tern wirft die 73-JĂ€hrige vor, bewusst eine regungslose, nicht einwilligungsfĂ€hige Frau sexuell missbraucht beziehungsweise vergewaltigt zu haben.Â
«Pelicot ist kein Einzelfall», betonte Richter Markus Koppenleitner im April, als das Landgericht MĂŒnchen I einen Studenten aus China zu elf Jahren und drei Monaten Haft verurteilte. Er hatte seine Freundin mit Narkosemitteln betĂ€ubt, vergewaltigt und dabei gefilmt. «Das ist kein chinesisches und auch kein französisches PhĂ€nomen, sondern auch ein PhĂ€nomen in Deutschland und letztlich auch weltweit.»
Internationale Ermittlungen zu Online-Netzwerk
Wie recht er hat, zeigen internationale Ermittlungen: Anfang Juli gingen Fahnder gezielt gegen Online-Netzwerke von MĂ€nnern vor, die ihre Partnerinnen betĂ€uben, sexuell missbrauchen und Aufnahmen des Missbrauchs ins Netz stellen. 156 mutmaĂliche Opfer und TĂ€ter seien identifiziert worden, teilte Europol in Den Haag mit. An dem «Projekt Medusa» waren maĂgeblich das Bundeskriminalamt (BKA) und das Hamburger Landeskriminalamt beteiligt.
In Berlin beschĂ€ftigt mit dem Prozess gegen den 68-JĂ€hrigen binnen weniger Wochen erneut eine Vergewaltigungs-Serie das Landgericht. Erst im Juli ist ein 32-JĂ€hriger aus China zu fĂŒnf Jahren Haft verurteilt worden, der nach Ăberzeugung der Richter einem Missbrauchs-Netzwerk angehörte. Der inzwischen promovierter Mediziner gab laut Urteil in einer Chatgruppe medizinische RatschlĂ€ge zur Sedierung von Opfern.
Bereits zum dritten Mal seit 2025 soll sich ab dem 9. November in Berlin ein Mann vor Gericht verantworten, der die hilflose Lage bewusstloser Frauen ausgenutzt und sexuelle Ăbergriffe gefilmt haben soll. Der heute 39-JĂ€hrige wurde zunĂ€chst wegen der Vergewaltigung einer bewusstlosen Abiturientin verurteilt. In dem Verfahren sorgte das Gericht damals dafĂŒr, dass ein Handy des Angeklagten durch die Polizei vollstĂ€ndig ausgewertet wurde - in der Folge wurden weitere Taten aufgedeckt.
Vernetzung hinterlÀsst digitale Spuren
Laut Oberstaatsanwalt Sebastian BĂŒchner, Leiter einer Abteilung fĂŒr Sexualdelikte, hat der Fall Pelicot in Berlin nicht zu einer Zuname von Anzeigen gefĂŒhrt. Allerdings sei eine höhere Sensibilisierung zu beobachten. Zudem gelte: Wenn den Ermittlern der Einstieg in eine Chat-Gruppe gelungen ist, können sie schnell auf weitere VerdĂ€chtige und mutmaĂliche Opfer stoĂen.Â
Bislang sei nicht bekannt, ob es eine Zunahme solcher Taten gebe, sagt Kriminiologin Klimke. Sie wĂŒrden aber sichtbarer, weil Plattformen und einschlĂ€gige Chats ganze Netzwerke offengelegt hĂ€tten. Zugleich hinterlasse diese Vernetzung digitale Spuren. «Wir mĂŒssen deshalb damit rechnen, dass noch weitere FĂ€lle bekannt werden - nicht zwingend, weil die Taten neu sind, sondern weil diese Netzwerke jetzt systematisch ausgeleuchtet werden.»
