Deutscher Buchpreis 2026: Shida Bazyar gewinnt mit «Die Lücken»
Veröffentlicht am: 05.10.2026 um 19:32 Uhr | dpa, AD HOC NEWSShida Bazyar erhält für ihren Roman «Die Lücken» den Deutschen Buchpreis 2026.
Jury würdigt Roman gegen Gleichgültigkeit
Die Jury begründet die Auszeichnung mit der Darstellung fast hundert Jahre ambivalenten deutschen Lebens anhand einzelner Figurenschicksale. Bazyar wähle überzeugende literarische Strategien, der Roman sei ein «Roman gegen Gleichgültigkeit».
Die 1988 in Rheinland-Pfalz geborene Autorin siedelt die Handlung im fiktiven Hunsrück-Ort Heimesbach an, der an ihren Geburtsort angelehnt ist. Die Ich-Erzählerin ist nach einem Verkehrsunfall tot und wird von «Göttern» an den Ort zurückgeschickt, an den sie als zehnjähriges Mädchen mit ihrer älteren Schwester und ihren Eltern als Flüchtlingsfamilie kam.
Geschichte von Verfolgung und Verdrängung
Der rund 500 Seiten lange Roman erzählt von jüdischen Familien, NS-Profiteuren sowie kurdischen und iranischen Menschen, die in Deutschland Schutz und Zuflucht suchen. Dabei bringt Bazyar verschwiegene Kapitel deutscher Vergangenheit zur Sprache und thematisiert Lügen, Rassismus und Verdrängung.
In ihrer Dankesrede im Frankfurter Römer sagte Bazyar, es falle ihr nicht leicht, richtige Freude zu empfinden, weil ihr Buch von Menschen handle, die verfolgt, terrorisiert und ermordet worden seien. Die Freude und Wertschätzung sollten deshalb den Menschen gelten, um die es in dem Roman gehe.
Warnung vor Antisemitismus und Rassismus
Bazyar wies auf antisemitische und rassistische Straftaten auf dem Höchststand hin. Zudem sagte sie, es gebe derzeit keine Minderheit in Deutschland, die keine große Sorge habe. Zum Abschluss ihrer Rede zitierte sie Hannah Arendt: «Das Problem an 1933 war doch nicht, was unsere Feinde gemacht haben, sondern was unsere Freunde gemacht haben.»
Sechs Romane auf der Shortlist
Die Jury lobte den Wechsel der Sprache zwischen den Zeitebenen, die kaleidoskopische Struktur sowie die Verbindung von fiktiven und dokumentarischen Elementen. Neben Bazyar waren Franziska Gänsler mit «Orca», Valeria Gordeev mit «Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle», Elias Hirschl mit «Schleifen», Peggy Mädler mit «Selbstregulierung des Herzens» und Dana Vowinckel mit «Anton und Alma» nominiert.
Die Jury hatte 205 Titel geprüft, zunächst 20 Bücher für die Longlist und anschließend sechs für die Shortlist ausgewählt. Bazyar erhält 25.000 Euro, die übrigen Shortlist-Autorinnen und -Autoren jeweils 2.500 Euro.
Weitere Auszeichnung im November
Am 7. November soll Bazyar für «Die Lücken» außerdem den Wilhelm Raabe-Literaturpreis erhalten. Der von Deutschlandfunk und der Stadt Braunschweig gestiftete Preis ist mit 30.000 Euro dotiert. Im vergangenen Jahr hatte Dorothee Elmiger den Deutschen Buchpreis für «Die Holländerinnen» gewonnen.
Literarische Auszeichnung in aufgeheizter Debatte
Der Deutsche Buchpreis gehört zu den sichtbarsten Literaturpreisen im deutschsprachigen Raum. Die Auszeichnung lenkt deshalb besondere Aufmerksamkeit auf einen Roman, der deutsche Geschichte nicht als abgeschlossene Vergangenheit erzählt, sondern Verbindungen zwischen NS-Verbrechen, Familienerinnerungen, Migration und gegenwärtiger Ausgrenzung herstellt.
Bazyar verbindet dabei einen konkreten Schauplatz im Hunsrück mit einem Zeitraum von rund hundert Jahren. Die Perspektive einer toten Erzählerin erlaubt es, historische Ebenen zu verschränken und Verantwortung nicht nur bei offen handelnden Tätern, sondern auch bei Mitläufern, Profiteuren und schweigenden Beobachtern zu untersuchen. Das macht den Roman zugleich zu einem historischen und gesellschaftspolitischen Text.
Bedeutung über den Literaturbetrieb hinaus
Die Preisverleihung fällt in eine Zeit, in der Antisemitismus und Rassismus in Deutschland erneut zentrale gesellschaftliche Konfliktfelder sind. Bazyars Rede stellt die Auszeichnung ausdrücklich in diesen Zusammenhang und richtet den Blick auf die Sorgen von Minderheiten. Für Leserinnen und Leser liegt die Bedeutung des Romans damit nicht nur in seiner literarischen Form, sondern auch in der Frage, wie Erinnerung, Zugehörigkeit und Verantwortung heute verhandelt werden.
Mit dem Preis erhält zudem ein historisch komplexer, transnational erzählter Roman eine große öffentliche Reichweite. Die 37.500 Euro Preisgeld und die bevorstehende weitere Auszeichnung mit dem Wilhelm Raabe-Literaturpreis unterstreichen die Resonanz des Buches im Literaturbetrieb.
