Syphilis-Zahlen steigen: Wenn es unten plötzlich juckt
16.11.2023 - 08:22:16 | dpa.de
Ein Kratzen im Hals, und schon bricht bei vielen Panik aus. Es wird Tee gekocht, Halstabletten besorgt, der Hausarzt kontaktiert. Doch wenn es um intime Beschwerden geht - ein Jucken oder Brennen unterhalb der GĂŒrtellinie - herrscht oft unangenehmes Schweigen. Es scheint, als ob die leisen SOS-Signale unserer Intimzone in der Scham versickern, bevor sie rechtzeitig die Arztpraxis erreichen.
Die Deutsche STI-Gesellschaft berichtet von zunehmenden FĂ€llen sexuell ĂŒbertragbarer Infektionen (STIs) in Deutschland, insbesondere der Syphilis. «Insgesamt kann man sagen, dass Syphilis seit dem Jahr 2000 zunimmt. Damals waren es noch 800 FĂ€lle, heute sind es ĂŒber 8000», erklĂ€rt Norbert Brockmeyer, PrĂ€sident der STI-Gesellschaft.
Syphilis Ă€uĂert sich durch AusschlĂ€ge und im SpĂ€tstadium durch schwere SchĂ€den an Organen und am Nervensystem.
In den USA sind auch Babys von Syphilis betroffen
Das Robert-Koch-Institut (RKI) verzeichnet einen Anstieg der gemeldeten Syphilis-FÀlle von 5330 im Jahr 2013 auf 8309 im Jahr 2022 und bei Hepatitis B von 715 auf 16.635 FÀlle. Die Zahl der HIV-Neuinfektionen blieb mit rund 1800 FÀllen jÀhrlich stabil.
In den USA zeichnet sich bei Syphilis ein Ă€hnlicher Trend ab. Die Gesundheitsbehörde CDC meldete kĂŒrzlich einen starken Anstieg der SyphilisfĂ€lle bei Neugeborenen. Ăber 3700 Babys waren letztes Jahr betroffen, mehr als zehnmal so viele wie vor zehn Jahren und ein 32-prozentiger Anstieg gegenĂŒber 2021. Die CDC betont, dass 90 Prozent dieser FĂ€lle durch Tests und Behandlungen der MĂŒtter wĂ€hrend der Schwangerschaft vermeidbar gewesen wĂ€ren.
Sexkontakte werden durch soziale Medien leichter
Brockmeyer fĂŒhrt den Anstieg der STI-FĂ€lle in Deutschland auf die leichtere KnĂŒpfung von Sexkontakten durch digitale Medien zurĂŒck. Obwohl die Kondomnutzung stabil sei, steige die Rate an STIs sowohl bei hetero- als auch homo- und bisexuellen Menschen.
«Man kann Sexkontakte ĂŒber den digitalen Weg erreichen. Dadurch ist die Möglichkeit geschaffen worden, schneller Sexualkontakte zu knĂŒpfen», erklĂ€rt Brockmeyer.
Silke Klumb von der Deutschen Aidshilfe bemerkt, dass die HĂ€ufigkeit bestimmter STIs von der Gruppe abhĂ€ngt, beeinflusst durch Sexualverhalten, Partnerzahl und TesthĂ€ufigkeit. Beispielsweise sei die Zahl der HIV-Diagnosen in Deutschland, besonders unter schwulen und bisexuellen MĂ€nnern, seit 2007 rĂŒcklĂ€ufig.
Vorbeugende Medikamente - Segen und Fluch zugleich
Bei der PrÀvention sind unterschiedliche Strategien gefragt. Einen weitreichenden Schutz vor STIs bieten Kondome. Gegen manche Erreger wie Hepatitis B gibt es eine Impfung.
Menschen, die einen STI-Verdacht hegen, sollten sich testen lassen, um den Erreger nicht weiter zu verbreiten. Zudem gibt es bestimmte Medikamente wie Doxy-PrEP, ein Antibiotikum zur Vorbeugung bestimmter STIs wie Chlamydien und Syphilis, die Personen mit hĂ€ufigen ungeschĂŒtzten Sexualkontakten nehmen können.
Auch zur Vorbeugung von HIV-Infektionen kann eine sogenannte PrĂ€-Expositionsprophylaxe (PrEP)» eingenommen werden. HĂ€ufig werde dadurch aber auf das Kondom verzichtet und damit steige das Risiko fĂŒr andere STIs erneut. Silke Klumb warnt vor der breiten Nutzung von Doxy-PrEP unter anderem aufgrund von Kosten und Nebenwirkungen.
Experten fordern mehr AufklÀrung im Swingerbereich
Brockmeyer betont die Notwendigkeit von AufklĂ€rung in allen Altersgruppen. «Auch bei den Ălteren haben wir Luft nach oben.» Er verweist darauf, dass die höchsten Raten an STIs wie etwa Chlamydien in jĂŒngeren Jahren auftreten, betont jedoch, dass auch bei den ĂŒber 55- bis 60-JĂ€hrigen hohe Raten vorhanden sind.
«Die meisten STIs machen zu 80 Prozent keine Symptome», sagt Brockmeyer. Dadurch gehen viele Betroffene nicht zum Arzt. Wichtig seien praktische Lösungen wie Home-Tests fĂŒr HIV oder Kits zur Selbstentnahme von Proben, die ĂŒber Online-Shops und GesundheitsĂ€mter zugĂ€nglich gemacht werden sollten. «Im Swingerbereich, sowohl im schwulen als auch im heterosexuellen Bereich, muss mehr an AufklĂ€rung laufen.»
Viele schÀtzen ihr persönliches Risiko zu gering ein
Bei STIs treten hÀufig MissverstÀndnisse und Mythen auf. Dadurch schÀtzen viele Menschen ihr persönliches Risiko, eine STI zu bekommen, deutlich geringer ein, als es tatsÀchlich ist.
«Obwohl die Chlamydien-Infektion die hĂ€ufigste bakterielle STI in der Gruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist, schĂ€tzen nur acht Prozent der Befragten ihr Risiko als (absolut) wahrscheinlich ein», betont Johannes Breuer von der Bundeszentrale fĂŒr gesundheitliche AufklĂ€rung (BZgA).
Die Enttabuisierung von STIs und Bewusstseinsschaffung seien daher essenziell. «Alle Menschen sollen das Wissen und die Möglichkeit haben, gut fĂŒr sich und ihre sexuelle Gesundheit zu sorgen. Dazu gehören unterstĂŒtzende Angebote zur Gesundheitsförderung und PrĂ€vention.»
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