Palliativarzt, Patienten

Berliner Palliativarzt soll acht Patienten getötet haben

28.11.2024 - 13:30:33 | dpa.de

Ein Arzt in Berlin wird verhaftet, weil er vier Patienten getötet haben soll. Inzwischen geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass es mindestens doppelt so viele Opfer gibt.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Mordes gegen einen Palliativmediziner. (Symbolbild) - Foto: Fabian Sommer/dpa

Der Fall nimmt eine grĂ¶ĂŸere Dimension an als zunĂ€chst gedacht: Ein bereits inhaftierter Berliner Palliativmediziner soll mindestens acht Menschen getötet haben - doppelt so viele wie zunĂ€chst angenommen. Davon geht die Staatsanwaltschaft Berlin inzwischen aus und ermittelt wegen Mordes, wie Behördensprecher Sebastian BĂŒchner mitteilte.

Zuvor wurden Unterlagen von weiteren Patienten des Arztes ausgewertet sowie zwei weitere Leichen ausgegraben und von der Gerichtsmedizin untersucht. Danach geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass der 40-JĂ€hrige auch fĂŒr den Tod von zwei Frauen im Alter von 70 und 61 Jahren sowie von zwei 70 und 83 Jahre alten MĂ€nnern verantwortlich ist. Er soll den Betroffenen jeweils ein «Gemisch verschiedener Medikamente» verabreicht haben.

Arzt seit Sommer in Untersuchungshaft 

Der Mediziner sitzt seit Anfang August in Untersuchungshaft. UrsprĂŒnglich stand er im Verdacht, vier Patientinnen im Alter zwischen 72 und 94 Jahren in deren Wohnungen getötet zu haben. Anschließend soll er dort Feuer gelegt haben, um die Taten zu vertuschen. Die Ermittlungen erfolgten zunĂ€chst wegen Totschlags und Brandstiftung.

Inzwischen geht die Staatsanwaltschaft jedoch von Mord aus. Nach derzeitigem Stand der Ermittlungen soll der Beschuldigte kein anderes Motiv als das der Tötung der Opfer gehabt haben, wie Sprecher BĂŒchner mitteilte. Damit sei das Mordmerkmal der «Mordlust» erfĂŒllt.

Anhaltspunkte fĂŒr weitere Taten? 

Der Haftbefehl gegen den Mediziner ist laut Staatsanwaltschaft von einem Ermittlungsrichter entsprechend erweitert worden. Der 40-JĂ€hrige hat sich laut BĂŒchner bislang nicht zu den VorwĂŒrfen geĂ€ußert.

Bereits nach der Verhaftung des Mannes im Sommer hieß es, es werde geprĂŒft, ob es weitere mögliche Taten gebe. Auch jetzt dauert die PrĂŒfung an, ob es Anhaltspunkte fĂŒr weitere Taten gibt, hieß es von der Staatsanwaltschaft. DafĂŒr sei bereits vor einigen Wochen eine eigene Ermittlungsgruppe eingerichtet worden.

Der Mediziner soll die Taten im Rahmen seiner TĂ€tigkeit fĂŒr einen Pflegedienst begangen haben. PalliativĂ€rzte begleiten schwerstkranke Menschen, um deren Schmerzen zu lindern. Die betroffenen Patienten befanden sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft zum Tatzeitpunkt nicht in einer akuten Sterbephase. ZunĂ€chst ging es um vier FĂ€lle im Zeitraum von 11. Juni und 24. Juli 2024.

FĂŒr Ermittlungen weitere Leichen exhumiert

Im Rahmen weiterer Ermittlungen stießen Polizei und Staatsanwaltschaft dann auf vier weitere FĂ€lle, die Fragen aufwarfen. Um diese zu klĂ€ren, erfolgte in zwei FĂ€llen eine Exhumierung der Leichen. Man spricht von einer Exhumierung, wenn das Grab eines Verstorbenen nach der Bestattung geöffnet und der Leichnam freigelegt wird.

Unter anderem aufgrund der Ergebnisse von gerichtsmedizinischen Untersuchungen geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass der Arzt auch fĂŒr den Tod einer 70-JĂ€hrigen am 24. Juni 2022 in Berlin-Tempelhof verantwortlich ist. Dieser Patientin soll er ein Medikamenten-Gemisch verabreicht und anschließend ein Feuer gelegt haben, um die Tat zu vertuschen.

BeschÀftigte von Hospiz erkennen verdÀchtigen Arzt

Im Januar 2024 soll er dann einem 70-JĂ€hrigen in Neukölln «ein tödliches Gemisch verschiedener Medikamente ohne medizinische Indikation hierfĂŒr verabreicht haben, um den GeschĂ€digten zu töten», so die Staatsanwaltschaft. Am 4. April soll er in Schöneberg eine 61 Jahre alte Patientin auf die gleiche Weise in ihrer Wohnung getötet haben. 

Ende April soll der Arzt dann in einem Hospiz der DRK-Kliniken Köpenick einen 83-JĂ€hrigen mit einem Medikamenten-Mix getötet haben. Von der Einrichtung hieß es, BeschĂ€ftigte hĂ€tten den Mediziner im Sommer in den Medienberichten ĂŒber dessen Verhaftung erkannt. Die Polizei sei sofort informiert worden, teilte eine Sprecherin mit. «Seitdem arbeiten wir eng mit allen ermittelnden Behörden zusammen.»

Pflegedienst zeigt sich erschĂŒttert ĂŒber VorfĂ€lle

Ausgelöst wurden die Ermittlungen seinerzeit durch die BrĂ€nde, die der Mediziner gelegt haben soll, um die Tötung der Patienten zu verdecken. Die Polizei ermittelte zunĂ€chst wegen Brandstiftung mit Todesfolge. Dabei geriet dann zunehmend der Arzt in den Fokus. Dazu beigetragen haben laut Staatsanwaltschaft Hinweise des Pflegedienstes, fĂŒr den der Beschuldigte gearbeitet hat.

Mitarbeiter des Pflegedienstes zeigten sich - wie bereits nach Bekanntwerden der ersten VorwĂŒrfe - zutiefst erschĂŒttert. «Der gesamte Sachverhalt ist fĂŒr uns weiterhin unbegreiflich. Wir waren erschĂŒttert ĂŒber das Ausmaß der Ermittlungen und sind es auch angesichts der aktuellen Erkenntnisse», teilte die GeschĂ€ftsfĂŒhrung mit. Die vollstĂ€ndige AufklĂ€rung habe PrioritĂ€t, hieß es damals. «Wir haben intensiven Anteil an der AufklĂ€rung der HergĂ€nge und kooperieren weiterhin bestmöglich mit der Staatsanwaltschaft.»

Stiftung Patientenschutz: FÀlle schwer aufzudecken 

Aus Sicht der Deutschen Stiftung Patientenschutz ist es in der ambulanten Pflege und Medizin schwierig, solche FĂ€lle aufzudecken. «Denn Krankheit und Tod gehören zum Alltag», erklĂ€rte Stiftungsvorstand Eugen Brysch. «TĂ€ter frĂŒhzeitig am Muster zu erkennen, ist im mobilen Bereich sehr eingeschrĂ€nkt möglich. Selbst KĂŒnstliche Intelligenz versagt, da es keine standardisierte Digitalisierung der Medikamentenabgabe und der Einsatzzeiten gibt», erklĂ€rte Brysch. Wichtig sei es, in allen LĂ€ndern Schwerpunktstaatsanwaltschaften und zentrale Ermittlungsgruppen fĂŒr Delikte in Pflege und Medizin einzurichten.

Mordserie in Niedersachsen 

In der Vergangenheit gab es immer wieder TodesfĂ€lle in Kliniken oder Pflegeeinrichtungen, die fĂŒr Schlagzeilen sorgten. Im Jahr 2007 wurde eine ehemalige Krankenschwester der Berliner CharitĂ© wegen fĂŒnffachen Mordes an schwer kranken Patienten zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Frau brachte ihre Opfer mit Medikamenten um.

Eine Mordserie in Niedersachsen dĂŒrfte die wohl grĂ¶ĂŸte der deutschen Nachkriegsgeschichte sein: Ex-Pfleger Niels Högel wurde 2019 wegen 85 Morden zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Motiv fĂŒr die Taten blieb unklar. Es sei ihm um die «Gier nach Spannung» gegangen, so das Gericht damals. Zuvor war Högel bereits wegen weiterer Morde verurteilt worden.

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