«Ein Moment blinder Wut» - Prozess um Tod von Zugbegleiter
24.06.2026 - 14:04:35 | dpa.deDas tonlose Video aus dem Zug ist kaum zu ertragen. Man sieht den Angeklagten, wie er den Schaffner attackiert. Die Faustschläge kommen schnell und hart, sie treffen den 36 Jahre alten Zugbegleiter an Kinn, Brust und vor allem am Kopf. Es dauert nur kurz, dann sackt der Mann in Uniform bewusstlos zusammen. Zwei Tage später ist er tot.
Als die Tat von Anfang Februar aus den Überwachungskameras zu sehen ist, hört man lautes Schluchzen im Landgericht Zweibrücken. Jemand springt auf und schreit «Hurensohn», mehrere Zuschauer verlassen den Raum, andere weinen.
Schläge, schnell und hart
Der mutmaßliche Täter sitzt regungslos auf der Anklagebank im Gerichtssaal 4, in dem sich das Publikum hinter einer großen Glaswand befindet. Gerade hat hier der Prozess gegen den 26-Jährigen begonnen, der nach der Tat in Rheinland-Pfalz wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt ist.
Der Grieche soll den Schaffner bei einer Fahrscheinkontrolle bei Landstuhl so heftig geschlagen haben, dass dieser im Krankenhaus in Homburg (Saarland) an einer Hirnblutung starb. Der Fall löste bundesweit eine Debatte über mangelnde Sicherheit im Bahnverkehr aus: Wären zwei Schaffner besser - und würden dann solche Attacken verhindert?
Nach Angaben der Bundesregierung wurden 2025 rund 2.690 Angriffe auf Beschäftigte der Deutschen Bahn von der Bundespolizei aufgenommen - das waren rund elf Prozent mehr als 2024.
«I'm a boxer. I'm a fighter»
Die im Landgericht verhandelte Tat geschah Anfang Februar in einem Regionalexpress, der von Landstuhl nach Homburg unterwegs war. Der Schaffner hatte den Angeklagten aufgefordert, sein Ticket zu zeigen. Er hatte aber keinen Fahrschein und wollte sich nicht ausweisen.
Daraufhin wurde er aufgefordert, den Zug zu verlassen. Das habe den Mann so verärgert, dass er gewalttätig wurde, wie es in der Anklage heißt. Der Staatsanwaltschaft zufolge soll er gedroht haben: «I'm a boxer. I'm a fighter» («Ich bin ein Boxer, ich bin ein Kämpfer»).
Für die Familie des Opfers ist es ein schwerer Gang. Viele Angehörige sind gekommen: darunter sein Vater, seine vier Brüder, Cousins, Tanten und Onkel. Es sei sehr wichtig, Serkan ein Gesicht zu geben, sagt Eray Çalar, ein Bruder.
In den Händen hält die Familie aus Ludwigshafen mit Fotos bedruckte Leinwände, darauf das Opfer. «Wir wollen zeigen, dass Serkan Çalar hier ist, dass er mit uns gekommen ist. Seine Seele ist hier», sagt Bruder Ismail. In den Prozess gehe man mit gemischten Gefühlen. Den mutmaßlichen Täter sehe man zum ersten Mal. Sie tragen Schwarz, haben Buttons angesteckt. Darauf steht: «Serkan - Einer von uns.» Auch Bahn-Mitarbeiter sind gekommen.
Großer Zuschauerandrang
Während die Staatsanwaltschaft den 26-Jährigen wegen Mordes angeklagt hatte, wertet das Landgericht die Tat als Körperverletzung mit Todesfolge. Es gebe derzeit keine Gründe für einen Tötungsvorsatz, heißt es. Wenn sich das im Laufe des Prozesses ändere, werde man einen rechtlichen Hinweis erteilen.
Der Zuschauerandrang ist groß. So groß, dass nicht alle Einlass finden. Als der Angeklagte in Handschellen hineingeführt wird, kommen aus dem Publikum Zwischenrufe: «Schäm dich», «Drecksmörder». Es klingt eher von Schmerz gezeichnet als aggressiv. Familienangehörige halten ein Porträt von Serkan Çalar in Richtung des Angeklagten. «Es ist heute ein schwerer Tag», sagt ein Cousin des Opfers. Den Angeklagten zu sehen, sei bedrückend.
Angeklagter entschuldigt sich
Am ersten Tag beantwortet Ioanni V., der zuletzt in Luxemburg wohnte, Fragen zur Person auf Griechisch. Über seine Dolmetscherin sagt er, er habe zwei Tage nach der Festnahme erfahren, dass der Zugbegleiter gestorben sei. «Er konnte nicht glauben, dass es wahr ist.» Er habe danach 20 Tage lang nichts gegessen und in der Untersuchungshaft auch Suizidgedanken gehabt.
Er bittet die Angehörigen um Verzeihung. «Aus der Tiefe meines Herzens möchte ich eine große Entschuldigung aussprechen für eine nicht zu entschuldigende Tat und einen Moment blinder Wut», erklärt er über seine Verteidigerin, die eine entsprechende Mitteilung verliest.
Es sei ihm bewusst, dass seine Worte das Geschehen nicht rückgängig machen könnten. «Ich übernehme die volle persönliche Verantwortung», so der 26-Jährige. «Auch wenn ich weiß, dass meine Worte Ihren Schmerz nicht erleichtern können, möchte ich mich noch einmal entschuldigen.»
Der Angeklagte - in weißem Hemd und dunklem Sakko, die Haare zum Dutt gebunden - gibt ruhig und kontrolliert Auskunft. Er habe Business studiert, sei einige Zeit in England gewesen und habe zuletzt in der Buchhaltung gearbeitet. Kampfsport wie Boxen habe er nie betrieben, beteuert er.
Wann ein Urteil fallen könnte
Der Anwalt der Familie sieht das anders. In dem Video sehe man «Schläge mit Boxerfahrung», sagt Yalç?n Tekino?lu. Der Angeklagte habe gewusst, dass seine Schläge tödlich sein könnten. Auf die Einlassung reagiert er mit Skepsis. «Das war für mich keine aufrichtige Entschuldigung. Es war überhaupt gar keine Entschuldigung.» Die Worte seien «komplett ichbezogen».
Es sei «ein großes Anliegen der Familie», an dem Prozess teilzunehmen. Kein Urteil, kein Gericht könne Serkan Çalar zurückbringen. Aber die Angehörigen hoffen, dass von diesem Prozess «ein Signal ausgeht», dass Gewalt gegen Mitarbeiter im öffentlichen Raum aufhöre. Laut Anwalt gab es zwölf Schläge.
Am Mittag sagt der Vater aus. Als ihn die Nachricht vom Tod seines Sohnes erreichte, habe er einen Herzinfarkt erlitten, schildert Erdal Çalar. Ein Kind zu verlieren, sei das Schlimmste. Sein Sohn habe als Alleinerziehender seine eigenen beiden Söhne, zehn und zwölf Jahre alt, großgezogen. «Was sollen sie schon sagen? Sie haben ihren Vater verloren.» Als «es» passiert sei, habe er Geburtstag gehabt, sagt Erdal Çalar mit tonloser Stimme. «Für mich gibt es keinen Geburtstag mehr.»
Insgesamt sind acht Verhandlungstage geplant. Mit einem Urteil wäre dann am 9. Juli zu rechnen.
