Elfriede Jelinek, 80. Geburtstag

Elfriede Jelinek wird 80: Neues Stück feiert in Düsseldorf Premiere

Veröffentlicht am: 20.10.2026 um 05:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Die Literaturnobelpreisträgerin wird 80 und bleibt dem öffentlichen Leben fern. Auf Bühnen und im Kino ist ihr Werk dennoch stark präsent, unter anderem mit einer Uraufführung in Düsseldorf und einer Vampir-Komödie.

Jelineks Werke bleiben international präsent

  • Am Düsseldorfer Schauspielhaus wird „Ein Übertritt“ am 22. Oktober uraufgeführt.
  • Jelineks Werke wurden bislang in 54 Sprachen übersetzt.
  • Der Literaturnobelpreis wurde ihr 2004 für Romane und Dramen verliehen.
Die Autorin meidet seit Jahren Interviews und Auftritte. (Archivbild) - Bild: Roland Schlager/APA/EPA/dpa

Elfriede Jelinek bleibt mit 80 auf Bühnen präsent

Die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek wird an diesem Dienstag 80 Jahre alt und meidet weiterhin die Öffentlichkeit. Ihre Texte sind zugleich auf deutschsprachigen Bühnen stark präsent, darunter mit der Uraufführung von „Ein Übertritt“ am 22. Oktober in Düsseldorf.

„Ein Übertritt“ behandelt Krieg und deutsche Identität

Das Stück wird am Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführt und entstand zum 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs im Vorjahr. Jelinek verbindet darin Fragen von Krieg und Frieden mit Menschlichkeit, Unmenschlichkeit und deutscher Identität.

In der laufenden Saison kommen mehr als ein Dutzend neue Inszenierungen ihrer Stücke auf die Bühne. Die Produktionen entstehen vor allem in Deutschland und Österreich, außerdem in Frankreich und Tschechien; Jelineks Werke wurden bislang in 54 Sprachen übersetzt.

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Eine Sprache zwischen Literatur und Musik

Jelineks Bühnenwerke verzichten häufig auf eine klassische Handlung und klar definierte Figuren. Regisseur Jossi Wieler beschreibt ihre Texte als eigenständige „Sprachmusik“, die in Geschichte, Philosophie, Literatur und Musik des Abendlandes hineinhört, ohne immer gefällig zu klingen.

Ihre Stoffe greifen aktuelle und globale Themen auf. „Unter Tieren“ setzt sich ausgehend vom Zusammenbruch der Signa-Immobiliengruppe und weiteren Wirtschaftsskandalen mit Verbindungen zwischen Finanzwelt, Gewalt und industrieller Tierhaltung auseinander. Zuvor behandelte Jelinek in „Sonne / Luft / Asche“ den Klimawandel und den Tod ihres 2022 verstorbenen Ehemanns Gottfried Hüngsberg.

Vom Orgelstudium zur Nobelpreisträgerin

Jelinek wurde in Wien musikalisch ausgebildet und mit 13 Jahren am Konservatorium aufgenommen. Während ihres Orgelstudiums wandte sie sich dem Schreiben zu.

Mit dem Roman „Die Liebhaberinnen“ gelang ihr 1975 der Durchbruch. „Die Klavierspielerin“ von 1983 wurde 2001 von Michael Haneke mit Isabelle Huppert verfilmt; im Roman „Lust“ von 1989 setzte Jelinek ihre Auseinandersetzung mit Sexualität, Gewalt und Macht fort.

Der Nobelpreis brachte internationale Aufmerksamkeit

2004 erhielt Jelinek den Literaturnobelpreis für den „musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen“. Wegen einer Angststörung reiste sie nicht zur Preisverleihung nach Stockholm.

Auch zu ihrem 80. Geburtstag sind nach Angaben ihres Verlags keine Interviews und öffentlichen Auftritte geplant. Ihre öffentliche Wirkung bleibt dennoch groß: Die Wiener Stadt kauft Teile ihres literarischen Archivs für 600.000 Euro an, was von der FPÖ angesichts öffentlicher Sparmaßnahmen kritisiert wurde.

Jelinek zwischen Provokation und Popkultur

Jelineks Texte über Sexualität, Gewalt und Macht stießen immer wieder auf Ablehnung. Zugleich hat sie sich für die Aufarbeitung der NS-Zeit eingesetzt und klar gegen die FPÖ positioniert.

Für einen leichteren Zugang sorgt Ende Oktober Ulrike Ottingers Vampir-Horrorkomödie „Die Blutgräfin“. Jelinek wirkte am Drehbuch mit; zum Ensemble gehören Isabelle Huppert, Lars Eidinger und Tom Neuwirth alias Conchita Wurst.

Elfriede Jelineks 80. Geburtstag fällt in eine Phase, in der ihre Texte zugleich auf Bühnen und in öffentlichen Debatten präsent bleiben. Ihre Stücke greifen politische und gesellschaftliche Konflikte auf, ohne sie in konventionelle Handlungen oder klar gezeichnete Figuren zu übersetzen.

Der Schwerpunkt liegt häufig auf Sprache als Machtinstrument. Jelinek verbindet historische Erinnerung, Geschlechterverhältnisse, wirtschaftliche Interessen, Umweltfragen und rechte Politik. Dadurch entstehen Texte, die aktuelle Ereignisse aufnehmen und sie mit länger wirkenden gesellschaftlichen Strukturen verknüpfen.

Neue Bühnen und alte Konflikte

Die Uraufführung von „Ein Übertritt“ am Düsseldorfer Schauspielhaus steht exemplarisch für diese Arbeitsweise. Das Stück entstand zum 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs und richtet den Blick auf Krieg, Frieden, Menschlichkeit und deutsche Identität. Dass Jelineks Werke in zahlreichen Ländern und Sprachen aufgeführt werden, zeigt zugleich ihre anhaltende internationale Bedeutung.

Für das Publikum bleibt der Zugang anspruchsvoll, weil Jelinek weniger eine fortlaufende Handlung als sprachliche Bewegungen, Stimmen und Assoziationen entwickelt. Gerade diese Form ermöglicht es den Inszenierungen, politische Zusammenhänge offenzulegen, verlangt aber eine aktive und geduldige Rezeption.

Öffentliche Abwesenheit, kulturelle Präsenz

Jelineks Rückzug aus der Öffentlichkeit steht ihrer Wirkung nicht entgegen. Der Nobelpreis von 2004 machte ihre Literatur weltweit bekannt; auf den Bühnen wird sie weiterhin regelmäßig neu gelesen. Mit dem Kinofilm „Die Blutgräfin“ reicht ihr Einfluss zudem bis in ein populäreres, filmisches Genre. Damit bleibt die Autorin präsent, obwohl sie selbst kaum öffentlich auftritt.

Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen

Frankfurter Rundschau: „Elfriede Jelinek wird 80“ (19.10.2026)

Der Beitrag würdige Jelinek als weiterhin radikale Autorin und stelle ihre Auseinandersetzung mit Faschismus, Kapitalismus, Erinnerung und Macht in den Mittelpunkt. Anders als die dpa-Meldung konzentriere er sich stärker auf die politische Ästhetik und die historischen Linien ihres Schreibens.

Beide Beiträge betonten Jelineks anhaltende Präsenz trotz ihres Rückzugs aus der Öffentlichkeit. Der Schwerpunkt liege jedoch einmal auf dem bevorstehenden Bühnen- und Filmangebot, einmal auf der gesellschaftskritischen Wirkung ihrer Sprache.

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