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«Alchemised»: Wenn Fanfiction zum Bestseller wird

19.12.2025 - 07:00:08 | dpa.de

Fanfiction ist beliebt und mischt den Buchhandel auf. Ein Beispiel ist das Fantasy-Epos «Alchemised», das auf einer «Harry Potter»-Weiterdrehe beruht. Wie werden solche Geschichten zu Bestsellern?

  • «Alchemised» von SenLinYu stand mehrere Wochen auf Platz 1 der Bestseller-Liste. - Foto: Jens Kalaene/dpa
  • «Alchemised» beruht ursprĂŒnglich auf einer Fanfiction, die umgearbeitet wurde, nun besteht der Roman als eigenstĂ€ndiges Werk. - Foto: Jens Kalaene/dpa
  • Der Roman ist beliebt bei vielen Leserinnen und Lesern. - Foto: Jens Kalaene/dpa
«Alchemised» von SenLinYu stand mehrere Wochen auf Platz 1 der Bestseller-Liste. - Foto: Jens Kalaene/dpa «Alchemised» beruht ursprĂŒnglich auf einer Fanfiction, die umgearbeitet wurde, nun besteht der Roman als eigenstĂ€ndiges Werk. - Foto: Jens Kalaene/dpa Der Roman ist beliebt bei vielen Leserinnen und Lesern. - Foto: Jens Kalaene/dpa

Es stand vier Wochen in Folge an der Spitze der «Spiegel»-Bestseller-Liste, zeitweise vor Autoren-GrĂ¶ĂŸen wie Ken Follett, und auch danach hielt es sich dort teils in den oberen RĂ€ngen. Das dĂŒstere Fantasy-Epos «Alchemised» von SenLinYu dĂŒrfte zu einem der beliebtesten Titel des Jahres 2025 auf Plattformen wie Tiktok gehören.

Das Besondere daran: Die Autoren-Karriere von SenLinYu startete schon lange vor ihrem ersten Roman. Denn «Alchemised» basiert ursprĂŒnglich auf einer populĂ€ren Fanfiction der Schriftstellerin, die in einer dĂŒsteren «Harry Potter»-Welt angesiedelt ist. FĂŒr die Veröffentlichung des Buchs wurde die Geschichte wiederum umgeschrieben.

Fanfiction hat Sprung in Mainstream geschafft

Mit Fanfiction sind Geschichten gemeint, die Fans ĂŒber bestehende Figuren oder Welten etwa aus BĂŒchern, Musik oder Filmen schreiben. Der Erfolg von SenLinYu ist ein gutes Beispiel dafĂŒr, wie aus solchen Geschichten Bestseller werden.

Denn: Fanfiction ist lĂ€ngst im Mainstream angekommen. Auf Online-Plattformen wie «Archive of Our Own» oder «Wattpad» sind Millionen von Nutzerinnen und Nutzern aktiv. Dort sind frei zugĂ€nglich Geschichten ĂŒber alle möglichen Figuren aus bekannten Werken wie eben den «Harry-Potter»-Romanen zu finden.

Fanfiction kann dabei auch den Weg in den kommerziellen Buchhandel finden. Ein prominentes Beispiel ist die Reihe «Shades of Grey». Die Sado-Maso-Trilogie der britischen Autorin E.L. James entstand in Anlehnung an die Vampir-Saga «Twilight». Und auch die «After»-Serie von Anna Todd war ursprĂŒnglich eine Fanfiction ĂŒber Popstar Harry Styles, bevor sie ĂŒberarbeitet wurde.

Beliebtheit von Fanfiction verÀndert den Buchmarkt

Aus Sicht von Anne Deckbar, Doktorandin an der UniversitĂ€t Siegen, wird Fanfiction immer populĂ€rer. Befeuert werde diese Entwicklung durch die sozialen Medien, etwa mit dem Hashtag Booktok auf Tiktok. «Ich denke, dass diese PopularitĂ€t auch ein StĂŒck weit den Markt verĂ€ndert», sagt sie. 

Autoren wie SenLinYu hĂ€tten eine andere Ausgangsposition, weil sie bereits eine große Öffentlichkeit erreicht hĂ€tten. «Die Verlage springen sozusagen auf die PopularitĂ€t auf», erklĂ€rt die Forscherin, die derzeit an ihrer Dissertation zu Fanpraktiken arbeitet. Zu «Alchemised» findet man weltweit aktuell rund 51.000 Tiktok-Videos von Leserinnen und Lesern, die unter anderem den mehr als 1.200 Seiten starken Roman bewerten. 

Wie bei SenLinYu alles begann

Wie hat alles bei SenLinYu angefangen? Vor einigen Jahren habe sie das GefĂŒhl gehabt, sich in ihrer Rolle als Mutter von zwei kleinen Kindern zu verlieren, erzĂ€hlt die Autorin der Deutschen Presse-Agentur. «Ich fĂŒhlte mich, als wĂŒrde ich in dieser Rolle verschwinden und als wĂ€re von mir als Person nicht mehr viel ĂŒbrig, um ĂŒberhaupt noch zu atmen oder irgendetwas anderes zu tun».

SenLinYu, in den USA aufgewachsen, verrÀt sowohl ihren richtigen Namen als auch ihr Alter nicht öffentlich. Sie identifiziert sich als non-binÀr, also weder nur dem weiblichen noch mÀnnlichen Geschlecht zugehörig, findet es aber okay, mit dem weiblichen Pronomen «sie» angesprochen zu werden. 

Fangemeinde bei «Manacled» wurde immer grĂ¶ĂŸer

2018 verfasste sie auf der Internetseite «Archive of Our Own» dann hÀppchenweise Kapitel ihrer dystopischen Geschichte «Manacled». Diese ist von der Fantasy-Zauberer-Reihe «Harry Potter» von J. K. Rowling und Margaret Atwoods Roman «Der Report der Magd» inspiriert. Eine alternative, dunkle «Harry Potter»-Welt, in der Voldemort gesiegt hat.

Die Fangemeinde wuchs und wuchs. Nachdem «Manacled» große PopularitĂ€t erlangt hatte und das Werk zudem illegal auf anderen Plattformen verkauft wurde, entschloss sich die Autorin, die Geschichte von «Archive of Our Own» zu entfernen. Stattdessen veröffentlichte sie Ende September eine neue, eigenstĂ€ndige Version: «Alchemised» (im Deutschen erschienen beim Forever Verlag).

Einige Motive aus «Manacled» hat SenLinYu ĂŒbertragen, etwa Fragen rund um Moral und Krieg oder die Auseinandersetzung mit Gut und Böse. «Alchemised» enthĂ€lt aber keine erkennbaren BezĂŒge zur «Harry Potter»-Welt mehr und funktioniert als eigenstĂ€ndiges Werk.

Davon handelt «Alchemised»

Das Buch erzÀhlt von einer ehemaligen WiderstandskÀmpferin namens Helena Marino, die nach einem brutalen Krieg in Gefangenschaft gerÀt. Ein mÀchtiger Vertreter des neuen Regimes, der sogenannte High Reeve Kaine Ferron, soll mit alchemistischen Methoden ihre verlorenen Kriegserinnerungen an den Tag bringen. Dabei entwickelt sich eine komplizierte Liebesgeschichte. 

Beim traditionellen Verlegen von Fanfiction, sagt Forscherin Deckbar, werde sehr darauf geachtet, dass es keine Copyright-BrĂŒche gibt, die Geschichte weit genug von den ursprĂŒnglichen Figuren liegt, und keine allzu eindeutigen Parallelen auftauchen. NatĂŒrlich berge eine Buchveröffentlichung die Gefahr, dass Fans wegen der Kommerzialisierung abspringen. Denn Fanfiction folge dem Grundsatzgedanken, dass es fĂŒr alle frei zugĂ€nglich sein solle und nicht kommerziell vertrieben werde. 

PlĂ€ne fĂŒr Verfilmung

SenLinYu sagt, sie habe ursprĂŒnglich nie vorgehabt, «Manacled» neu zu veröffentlichen oder es zu verkaufen. Doch als die Geschichte in den sozialen Medien viral ging, seien auch viele Menschen außerhalb von Fan-Foren neugierig geworden. 

«Sie wollten sie nicht online lesen. Sie wollten sie nicht auf einer Website lesen. Sie wollten ein Buch, ein physisches Buch mit dieser Geschichte». Die Autorin hĂ€lt den Hype immer noch fĂŒr surreal. Und er könnte noch weitergehen: Es gibt inzwischen PlĂ€ne, die Geschichte auf die Leinwand zu bringen.

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