Gewalt, Praxen

Gewalt in Praxen - «GefĂŒhl von Hilflosigkeit und Ohnmacht»

Veröffentlicht am: 13.08.2024 um 14:30 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Manche Patienten rasten aus, wenn sie in der Praxis nicht sofort behandelt werden - und werden teils sogar gewalttĂ€tig. Ärzte klagen ĂŒber massive Belastungen. Das hat Auswirkungen auf die Branche.

  • Statt im Wartezimmer auf den Termin zu warten, rasten manche Patienten aus. (Archivbild) - Bild: Sebastian Christoph Gollnow/dpa
    Statt im Wartezimmer auf den Termin zu warten, rasten manche Patienten aus. (Archivbild) - Bild: Sebastian Christoph Gollnow/dpa
  • KassenĂ€rzte: PrimĂ€rsystem nicht fĂŒr alle sinnvoll. (Archivbild) - Bild: Britta Pedersen/dpa
    KassenĂ€rzte: PrimĂ€rsystem nicht fĂŒr alle sinnvoll. (Archivbild) - Bild: Britta Pedersen/dpa
Statt im Wartezimmer auf den Termin zu warten, rasten manche Patienten aus. (Archivbild) - Bild: Sebastian Christoph Gollnow/dpa KassenĂ€rzte: PrimĂ€rsystem nicht fĂŒr alle sinnvoll. (Archivbild) - Bild: Britta Pedersen/dpa

Ärzte beobachten immer mehr Gewalt in Arztpraxen. «Insgesamt ist eine Verrohung im Umgang mit medizinischem Personal zu verzeichnen», heißt es von der BundesĂ€rztekammer. Der Chef der KassenĂ€rztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, spricht in der «Neuen OsnabrĂŒcker Zeitung» von verbaler und physischer Gewalt: «Offene Aggression und ein extrem forderndes Verhalten haben deutlich zugenommen». Die raue Situation trage «zweifellos» zum FachkrĂ€ftemangel in den Praxen bei, kommentierte der Verband der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte. 

Wie angespannt ist die Lage?

Bundesweite Zahlen zu der Problematik gebe es nicht, hieß es auf dpa-Anfrage von der BundesĂ€rztekammer. Zuletzt hatte die Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL) im Mai eine Umfrage unter ihren Mitgliedern zu deren Erfahrungen mit Gewalt im Ă€rztlichen Alltag veröffentlicht. Innerhalb nur weniger Tage meldeten sich demnach 4.513 Ärztinnen und Ärzte - rund zehn Prozent der Kammermitglieder - zurĂŒck. 

Mehr als die HĂ€lfte (2.917) davon hĂ€tten auf die Frage: «Haben Sie in der Vergangenheit in ihrem Ă€rztlichen Alltag Gewalt erfahren mĂŒssen?» mit «Ja» geantwortet. 1.339 FĂ€lle seien dabei allein in Arztpraxen gemeldet worden. Der PrĂ€sident der ÄKWL, Hans-Albert Gehle, sprach von einer spĂŒrbaren und dauerhaften Zunahme von Gewaltereignissen und massiver Belastung der Betroffenen.

«Dass sich Patienten nicht benehmen können und eine schrĂ€ge EinschĂ€tzung der eigenen Behandlungsdringlichkeit haben, ist ein Nationen-ĂŒbergreifendes PhĂ€nomen. Was sich allerdings auch hĂ€uft: Da ist einer krank, und sechs Leute kommen als Begleitung mit in die Praxis oder die Notaufnahme und machen Radau. Das ist bemerkenswert und extrem unangenehm», sagte Gassen der «Neuen OsnabrĂŒcker Zeitung». Gassen forderte deutliche Strafen: «Es braucht in solchen FĂ€llen deutliche und schnelle Strafen. Sonst kommt die Botschaft bei einigen Menschen nicht an.» 

Buschmann will Strafrecht leicht verschÀrfen

Justizminister Marco Buschmann (FDP) will mit einer leichten VerschĂ€rfung des Strafrechts unter anderem RettungskrĂ€fte besser vor Anfeindungen und Gewalt schĂŒtzen. Die - noch nicht beschlossene - Anpassung mĂŒsse auf die Arztpraxen ausgeweitet werden, forderte der KassenĂ€rzte-Chef. 

«Ob wir solche besonderen Situationen vergleichbar auch in den Arztpraxen haben und somit ein vergleichbares Rechtsgut betroffen ist, wĂŒrde ich gerne mit Herrn Gassen persönlich besprechen», kommentierte Buschmann im GesprĂ€ch mit der «Neuen OsnabrĂŒcker Zeitung». Niedergelassene Ärzte und ihre Mitarbeiter seien unverzichtbar fĂŒr den sozialen Rechtsstaat. «SelbstverstĂ€ndlich mĂŒssen niedergelassene Ärzte sich nicht alles bieten lassen: Wer in eine Arztpraxis geht, dort Menschen bedroht, beleidigt, sie mit Gewalt angeht oder das Hausrecht verletzt, macht sich schon heute strafbar», so Buschmann.

Lauterbach: «Uns droht so schon ein massiver Arztmangel»

Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sprach sich in einem Post auf der Plattform X fĂŒr eine stĂ€rkere Bestrafung bei Gewalt oder Gewaltandrohungen gegen Ärzte und Ärztinnen sowie PflegekrĂ€fte aus. «Uns droht so schon ein ganz massiver Arztmangel, Praxen können nicht wieder besetzt werden», schrieb er. Mit dem Justizminister arbeite er an dem Gesetz zur StrafverschĂ€rfung. 

Die BundesĂ€rztekammer unterstĂŒtzt das Vorhaben. Straftaten gegen diese Berufsgruppen mĂŒssten aber nicht nur schĂ€rfer bestraft, sondern auch effektiv verfolgt und aufgeklĂ€rt werden, forderte die Kammer in einer jĂŒngst veröffentlichten Stellungnahme zum Referentenentwurf. «Wir brauchen dringend AufklĂ€rungskampagnen, die deutlich machen, dass diese Menschen Retter und Helfer sind», hieß es auf Anfrage. Auch der Verband der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte sprach sich fĂŒr die angekĂŒndigte StrafverschĂ€rfung aus.

Fortbildungen und Deeskalations-Seminare

Um FĂ€lle zu melden, hĂ€tten einige Ärztekammern fĂŒr Betroffene bereits eine spezielle Meldeadresse eingerichtet, es gebe auch Fortbildungen zum Thema. Die LandesĂ€rztekammer Hessen etwa habe einen Meldebogen eingefĂŒhrt. «Die aktuellen Ergebnisse des Meldebogens verdeutlichen, dass dringlichster Bedarf in der Ärzteschaft sowie bei den Medizinischen Fachangestellten besteht, dem GefĂŒhl von Hilflosigkeit und Ohnmacht durch z.B. Deeskalations-Seminare entgegenzuwirken», hieß es auf der Website. 

Warum aber ist die Gewaltbereitschaft in Arztpraxen teils hoch? «Gerade in Stress- und Notsituationen, in denen das persönliche Wohlbefinden als eingeschrĂ€nkt wahrgenommen wird, kann der Mensch dann mit Wut und AggressivitĂ€t reagieren», kommentiert der Psychologe Michael Wiens. «Emotionen haben immer eine Signalfunktion, dass bestimmte BedĂŒrfnisse nicht erfĂŒllt sind.»

Disclaimer...

de | unterhaltung | 65610455 |