Gitter durchgesÀgt und weg: Filmreifer Ausbruch in Duisburg
Veröffentlicht am: 30.08.2026 um 15:24 Uhr | dpa, AD HOC NEWSGitterstab durchgesĂ€gt, Fenster aufgedrĂŒckt und dann an der Fassade hoch in die Freiheit geklettert: Am frĂŒhen Sonntagmorgen ist in der JVA Duisburg-Hamborn ein 35 Jahre alter Untersuchungsgefangener mit einem hollywoodreifen Ausbruch entkommen. Die Zelle war im dritten Stock, das Dach ist ĂŒber dem vierten Stock.Â
Von dem Mann gab es bis zum frĂŒhen Nachmittag keine Spur, wie ein Sprecher der Duisburger Polizei bestĂ€tigte. Die Fahndung laufe. Die Polizei veröffentlichte am Nachmittag einen Fahndungsaufruf. Demnach ist der HĂ€ftling 1,75 Meter groĂ und schlank. Er trĂ€gt am rechten Oberarm eine auffĂ€llige TĂ€towierung - den Kopf einer Frau. Er habe sich mehrfach mit teils falschen Personalien ausgewiesen.
Der Mann ist kein Gewaltverbrecher. Der Serbe saĂ wegen DiebstahlsvorwĂŒrfen seit dem 10. Februar in Untersuchungshaft. Ende Mai sei er wegen zwei WohnungseinbrĂŒchen mit hohem Schaden zu einer sechsjĂ€hrigen Haftstrafe verurteilt worden, die noch nicht rechtskrĂ€ftig ist, teilten die Behörden mit.
Allerdings sei durchaus kriminelle Energie vorhanden, heiĂt es aus Justizkreisen: Der Mann soll bei seinen EinbrĂŒchen nicht nur wertvollen Schmuck, sondern auch mehr als 200.000 Euro Bargeld gestohlen haben - das erklĂ€rt auch die relative hohe Haftstrafe.
HĂ€ftling hatte ein «raffiniertes Versteck» - fĂŒr Werkzeug?
Nach dem Ausbruch stellte sich auĂerdem heraus: Der HĂ€ftling hatte in seiner Zelle vor dem Ausbruch ein Versteck im Boden angelegt - möglicherweise fĂŒr Werkzeug. «Ein raffiniertes Versteck», sagte ein Sprecher des Justizministeriums. Der Hohlraum unter dem Linoleumboden nahe einer Zellenwand sei offensichtlich bei Zellenkontrollen nicht aufgefallen, jetzt aber entdeckt worden. Werkzeug habe sich in dem Hohlraum nicht befunden.Â
Die Ermittler nehmen mittlerweile sicher an, dass der HĂ€ftling einen Gitterstab vor dem Fenster seiner Zelle zum Innenhof durchgesĂ€gt habe - und das höchstwahrscheinlich ĂŒber einen lĂ€ngeren Zeitraum. Um die Feinvergitterung vor dem Fenster aufzudrĂŒcken, habe er dann vor dem Ausbruch den Zellentisch als Hebel eingesetzt, sagte der Sprecher.
 Dann habe er sich offensichtlich durch den schmalen Spalt gezwĂ€ngt und sei ĂŒber die Fassade auf der Innenseite aufs Dach und danach auf der AuĂenseite auf unbekannte Weise heruntergeklettert. Die Haftanstalt liegt mitten in der Stadt und ist auĂerhalb nicht durch eine zusĂ€tzliche Mauer gesichert.
Ausbruch setzt Minister Limbach unter Druck
Der spektakulĂ€re Ausbruch setzt NRW-Justizminister Benjamin Limbach (BĂŒndnis 90/Die GrĂŒnen) unter Druck. Limbach steht ohnehin in der Kritik - unter anderem nach KorruptionsvorwĂŒrfen gegen JVA-Bedienstete, ĂŒber die er zu spĂ€t informiert haben soll.Â
«Ein Gitterstab verschwindet nicht von allein. Justizminister Limbach muss erklÀren, wie der Mann an das nötige Werkzeug gelangen konnte», wetterte die oppositionelle SPD-Landtagsfraktion nach dem Ausbruch. Sie bezweifele, dass Limbach noch in der Lage sei, SicherheitsmÀngel im NRW-Strafvollzug rechtzeitig zu beheben, erklÀrte die SPD-Abgeordnete Sonja Bongers.
Der Minister bemĂŒhte sich dagegen, HandlungsstĂ€rke zu zeigen. Er informierte sehr schnell und von sich aus am Sonntagmorgen ĂŒber den Ausbruch und schickte sofort einen Sicherheitsexperten des Ministeriums fĂŒr Ermittlungen in die Anstalt. «Wir werden lĂŒckenlos aufklĂ€ren, wie diese SicherheitslĂŒcke entstehen konnte, um aus den Ergebnissen umgehend die notwendigen Konsequenzen zu ziehen», sagte der Minister.
Schon lange kein klassischer Ausbruch mehr
Klassische AusbrĂŒche aus geschlossenen GefĂ€ngnissen sind in Nordrhein-Westfalen Ă€uĂerst selten und laut Ministerium seit Jahren nicht mehr vorgekommen - mit Ausnahme eines Falls Mitte Juni vergangenen Jahres in der JVA Bielefeld-Senne, als ein HĂ€ftling erst ein knapp drei Meter hohes Rolltor und dann noch eine Mauer ĂŒberwand. Der Fall wurde aber offiziell nicht als Ausbruch, sondern als «Entweichung» aus dem offenen Vollzug gewertet.
Solche «Entweichungen» oder verspĂ€tete RĂŒckkehr etwa nach Ausgang oder Freigang kommen immer mal wieder vor. 2024 habe es 174 solcher FĂ€lle gegeben - aber eben keinen klassischen Ausbruch, sagte der Justizsprecher. «Wir haben grundsĂ€tzlich einen sehr ausbruchsicheren Strafvollzug, wie man an den Zahlen sieht», sagte er.
36 Haftanstalten mit etwa 18.000 HaftplÀtzen gibt es laut Ministerium im einwohnerstÀrksten Bundesland, dazu 5 Jugendarrestanstalten. Inhaftiert seien aktuell rund 15.000 Menschen. Die Zahl der HaftplÀtze reiche also aus.
Warum konnte er so gut klettern?
In der Duisburger JVA stellen sich viele vor allem die Frage, wie der HĂ€ftling an der Fassade hoch und in schwindelnder Höhe um die Dachsicherung herum aufs Dach gelangen konnte - und all das mitten in der Nacht.Â
Vielleicht hat er ja besondere KletterqualitĂ€ten wie der 2025 entflohene HĂ€ftling in Bielefeld-Senne. Dieser war nĂ€mlich ein Parkour-Sportler, der das Ăberwinden von Hindernissen im stĂ€dtischen Raum gewohnt war, wie das NRW-Innenministerium nach der Flucht in einem vertraulichen Papier berichtete.
