Mecklenburg-Vorpommern, Deutschland

Richter an Fabians Vater gerichtet: «Ich flehe Sie fast an»

05.05.2026 - 19:32:17 | dpa.de

Google-Suchen, KI, ein Überwachungsvideo und Handyauswertungen – der Prozess um den getöteten achtjährigen Fabian wartet mit Ermittlungsdetails auf, überzeugt aber einen wichtigen Zeugen nicht.

  • Die Mutter des ermordeten Achtjährigen (r) zeigte sich erneut gefasst im Prozess. - Foto: Bernd Wüstneck/dpa
    Die Mutter des ermordeten Achtjährigen (r) zeigte sich erneut gefasst im Prozess. - Foto: Bernd Wüstneck/dpa
  • Oberstaatsanwalt Harald Nowack (r.) zeigte sich teils irritiert vom Verhalten von Fabians Vater. - Foto: Bernd Wüstneck/dpa
    Oberstaatsanwalt Harald Nowack (r.) zeigte sich teils irritiert vom Verhalten von Fabians Vater. - Foto: Bernd Wüstneck/dpa
Die Mutter des ermordeten Achtjährigen (r) zeigte sich erneut gefasst im Prozess. - Foto: Bernd Wüstneck/dpa Oberstaatsanwalt Harald Nowack (r.) zeigte sich teils irritiert vom Verhalten von Fabians Vater. - Foto: Bernd Wüstneck/dpa

Mit verschränkten Armen dreht sich die Angeklagte im Gerichtssaal 2.002 des Landgerichts Rostock auf ihrem Drehstuhl hin und her. Gerade gibt das Gericht Einblick in die Ermittlungsergebnisse der Staatsanwaltschaft Rostock, die sie beschuldigt den achtjährigen Fabian aus Güstrow ermordet zu haben.

Da ist das Video einer Überwachungskamera, das während der Verhandlung abgespielt wird. Es zeigt den Wagen der Angeklagten binnen weniger Minuten zweimal unweit Fabians Adresse am Vormittag des 10. Oktobers 2025. 

Im entsprechenden Zeitraum wurde Auswertungen zufolge nach zuvor permanenter Aktivität das Display von Fabians Handy deaktiviert. Es wurde demnach erst wieder am Nachmittag angeschaltet, als seine Mutter nach Hause kam, dort das Handy, aber nicht den Jungen auffand. 

Außerdem wird das Foto eines Waldweges gezeigt, das am Vormittag des mutmaßlichen Tattages mit dem Handy der 30-Jährigen gemacht wurde und auch ihren Hund zeigt. Laut Ermittlern befindet sich der Weg unweit des späteren Fundortes von Fabians Leiche.

Auffällige Internet-Suchen

Die Angeklagte schweigt vor Gericht bislang zu den Vorwürfen. Die Staatsanwaltschaft wirft der Deutschen vor, den Jungen am 10. Oktober vergangenen Jahres mit einem Messer getötet zu haben. Das Tatmotiv soll mit dem Ende der mehrjährigen Beziehung zusammenhängen, die sie zu Fabians Vater hatte, und die er im August 2025 beendete.

Den Ermittlungen zufolge wurde mit dem Account der Angeklagten am Tag des Verschwindens frühzeitig nach Stichworten wie «Polizei» oder auch «Person vermisst» im Internet gesucht. Den Ausführungen des Gerichts zufolge passierte dies schon, bevor Fabians Vater ihr mitteilte, dass sein Sohn vermisst wird.

Über den Account der 30-jährigen Beschuldigten wurde demnach ferner am Tag nach Verschwinden des Jungen mit Stichworten gesucht wie «fressen Wildschweine tote Menschen».

Vater glaubt an Unschuld der Angeklagten

Mittlerweile sind beide nach Aussage des Vaters wieder ein Paar. Er habe die Frau, für die bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung gilt, regelmäßig in der Untersuchungshaft besucht. Und er sagt: «Ich glaub' an ihre Unschuld.»

Im Gericht werden auch Audionachrichten der Angeklagten abgespielt, in denen sie einem Bekannten vorschlägt, unter anderem bei Klein Upahl südwestlich von Güstrow nach dem damals noch vermissten Jungen zu suchen. Schlussendlich wurde die Leiche unweit des Ortes gefunden. Den Fund hatte die Beschuldigte der Polizei gemeldet.

Der dritte Verhandlungstag im Prozess um Fabians Tod ist eine Marathonsitzung – einziger Zeuge: der Vater des Jungen. Seine Befragung hatte bereits am zweiten Verhandlungstag vergangene Woche begonnen.

Anhand der im Prozess präsentierten Nachrichten wird deutlich, wie der Vater und die Angeklagte auch nach der Trennung vom Sommer 2025 ausgiebig die Probleme der Beziehung diskutierten. «Sie drehen die Beziehung hin und her», sagt der Vorsitzende Richter Holger Schütt.

«Angst davor, die Wahrheit zu erfahren?»

Dabei ging es wiederholt auch um das angespannte Verhältnis der Beschuldigten zur Familie von Fabians Vater. Demnach störte sie, dass er für Absprachen den Sohn betreffend Kontakt mit der Mutter hielt. Bereits kurz vor Fabians Verschwinden hatten sich der Vater und die Angeklagte zeitweise wieder angenähert.

Der Vater relativiert auf Nachfrage Chat- und Audionachrichten oder auch eigene vorhergehende Aussagen, die zuungunsten der Beschuldigten ausgelegt werden könnten.

Oberstaatsanwalt Harald Nowack zeigt sich vom zurückhaltenden Engagement des Vaters im Verfahren irritiert, der sich anders als Fabians Mutter nicht als Nebenklägerin anwaltlich vertreten lässt. Er hatte bislang nach eigener Aussage keine direkte Akteneinsicht und bezieht seine Informationen nur aus den Medien oder von Dritten. «Haben Sie Angst davor, die Wahrheit zu erfahren?», fragt Nowack ihn.

Auch Richter Schütt wird angesichts der teilweisen zurückhaltenden Aussagen des Zeugen deutlich: «Ich flehe Sie fast an, das ist Ihr Sohn, nicht meiner.»

Trauerrede per ChatGPT

Deutliche Emotionen zeigt die Beschuldigte kaum. Auch Fabians Mutter gibt sich bewusst gefasst, aufrecht sitzend den Blick nach vorn gerichtet mit den Händen auf dem Tisch.

Tränen fließen bei der Beschuldigten, als es um den Tod eines Pferdes vor wenigen Jahren geht. Dieses kannte sie laut Fabians Vater seit ihrer Jugend und bestritt mit ihm erfolgreich Turniere. Bei den entsprechenden Schilderungen muss die Angeklagte zum Taschentuch greifen.

Gegen Ende des langen Prozesstages liest Rechtsanwalt Thomas Löcker eine berührende Trauerrede für Fabian vor, wohl in dem Versuch, die Beschuldigte als einfühlsamen Menschen darzustellen. Sie hatte die Rede für den Vater verfasst, nachdem dieser vor der Beerdigung um Hilfe gebeten hatte. Allerdings verweist Richter Schütt später auf die Auswertung des Handys der Frau. Demnach stammten die Formulierungen nur zum Teil von ihr. Sie fütterte damit die Künstliche Intelligenz von ChatGPT, die letztlich die Rede verfasste.

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