Deutschland, Justiz

Justiz im Verborgenen? Urteile fĂŒr BĂŒrger kaum zugĂ€nglich

05.01.2026 - 04:30:05 | dpa.de

«Im Namen des Volkes» – so steht es in jedem Gerichtsurteil. Doch nur die wenigstens davon kann das Volk selbst nachlesen. Eine Initiative will das Ă€ndern und das Vertrauen in den Rechtsstaat stĂ€rken.

SchĂ€tzungen zufolge werden nur etwa ein bis drei Prozent aller in Deutschland gesprochenen Gerichtsurteile der Öffentlichkeit zugĂ€nglich gemacht. (Symbolbild) - Foto: Stephanie Pilick/dpa
SchĂ€tzungen zufolge werden nur etwa ein bis drei Prozent aller in Deutschland gesprochenen Gerichtsurteile der Öffentlichkeit zugĂ€nglich gemacht. (Symbolbild) - Foto: Stephanie Pilick/dpa

Jedes Jahr werden in Deutschland Hunderttausende Gerichtsurteile gesprochen. Nur die wenigsten davon sind den BĂŒrgern zugĂ€nglich - obwohl sie «im Namen des Volkes» verkĂŒndet werden. Stattdessen landen die Entscheidungen in den Archiven und werden schließlich nach einigen Jahren vernichtet. SchĂ€tzungen zufolge werden nur etwa ein bis drei Prozent aller in Deutschland gesprochenen Gerichtsurteile der Öffentlichkeit zugĂ€nglich gemacht. Bei den Amtsgerichten sind es sogar nur 0,1 Prozent, wie aus einer Langzeituntersuchung im Zeitraum von 2011 bis 2020 hervorgeht.

Die Kampagne «OffeneUrteile» will das nun Ă€ndern und eine Million Gerichtsurteile öffentlich machen. Interessierte BĂŒrger können ĂŒber die Plattform www.offeneurteile.de die Veröffentlichung spezifischer Urteile anfragen. Hinter der Aktion stecken Organisationen und Unternehmen wie der Verein «openjur», die KI-Rechercheplattform «Anita», die Internetplattform «FragDenStaat» und die NGO «Transparency International Deutschland».

Die Idee: Mehr Urteile machen die Rechtsprechung verlÀsslicher

Die Idee dahinter: Je mehr Urteile öffentlich sind, umso vergleichbarer sind die FĂ€lle und umso verlĂ€sslicher die Rechtsprechung. Denn Gerichte stĂŒtzen ihre Entscheidungen in der Regel nicht nur auf das geschriebene Gesetz, sondern auf andere Urteile, etwa aus höheren Instanzen.

Mehr veröffentlichte Urteile könnten dafĂŒr sorgen, dass Richter sich an Ă€hnlichen FĂ€llen orientieren, sagte Kampagnensprecher Til Bußmann-Welsch, der auch die KI-Rechercheplattform Anita betreibt, dem Magazin «beck-aktuell» im November. Gerichtsverfahren wĂŒrden dadurch schneller und die BĂŒrger kĂ€men einfacher zu ihrem Recht.

Ähnlich sieht es die DĂŒsseldorfer RechtsanwĂ€ltin und Legal-Tech-Expertin Anja Topoll. Frei zugĂ€ngliche Urteile könnten dazu beitragen, Legal-Tech-Innovationen zu beflĂŒgeln und Richter zu entlasten. «Wir reden stĂ€ndig von Digitalisierung und KI im Rechtswesen, aber solange nur ein Prozent aller Urteile veröffentlicht werden, arbeiten wir mit Blindflugdaten.» Der Staat sitze auf Wissen im Namen des Volkes und nutze es nicht.

Die Veröffentlichung von Urteilen ist fĂŒr die ohnehin ĂŒberlasteten Gerichte allerdings mit Aufwand verbunden. Denn die Urteile mĂŒssen zunĂ€chst anonymisiert und fĂŒr die Herausgabe an die Öffentlichkeit vorbereitet werden. In Hessen und Baden-WĂŒrttemberg soll kĂŒnftig die neue KĂŒnstliche Intelligenz (KI) «Jano» Justizangestellten dabei helfen. 

Regionale Unterschiede bei Verurteilungen

Aus verschiedenen Studien wisse man, dass es in der Justiz regionale Unterschiede etwa in der Strafzumessung gebe, sagte Bußmann-Welsch «beck-aktuell». So könne es etwa dazu kommen, dass der Ladendieb in Regensburg stĂ€rker und hĂ€rter bestraft werde als in Hamburg. 

BĂŒrger mit Rechtskenntnis oder Mitteln fĂŒr einen Rechtsbeistand hĂ€tten es wesentlich leichter, ihre Rechte zu kennen und durchzusetzen, betonte Bußmann-Welsch auf Nachfrage der dpa. Gerade im KI-Zeitalter könne der kostenlose Zugang zu Gerichtsentscheidungen diese LĂŒcke aber verkleinern.

Urteile teilweise nur in kostenpflichtigen Portalen zugÀnglich

Die wenigen Urteile, die schon veröffentlicht sind, kann man teilweise nur in kostenpflichtigen Portale nachlesen. Kritiker sehen dadurch vor allem einkommensschwache BĂŒrger im Nachteil. So auch der MitgrĂŒnder des gemeinnĂŒtzigen Unternehmens Accice (Access to Justice), Quint Haidar Aly. «Die soziale Kluft in unserer Gesellschaft gilt auch fĂŒr unser Rechtssystem», sagte der 26-JĂ€hrige der dpa.

Es brauche erst eine Initiative von in Teilen kommerziellen Unternehmen, damit ĂŒberhaupt ĂŒber den Zugang von einkommensschwachen Personen zur Justiz gesprochen werde. Das Unternehmen Accice ist nach eigenen Angaben im Bereich Demokratie und Rechstaatlichkeit aktiv und setzt sich fĂŒr den Rechtszugang von marginalisierten Menschen ein.

Es braucht Entscheidungen in verstÀndlicher Sprache

Aber können juristische Laien durch die LektĂŒre von einzelnen Gerichtsurteilen Ableitungen fĂŒr ihren eigenen Rechtsfall treffen? Der PrĂ€sident des Oberlandesgerichts Karlsruhe, Jörg MĂŒller, ist da skeptisch. FĂŒr sie könnten mehr veröffentlichte Urteile nach MĂŒllers Ansicht sogar hinderlich sein: Etwa dann, wenn Urteile veröffentlicht werden, die in zweiter Instanz wieder aufgehoben wurden. Damit das Recht fĂŒr den BĂŒrger zugĂ€nglicher sein könne, brauche dieser zunĂ€chst ein systematisches VerstĂ€ndnis des Rechts «und weniger das Wissen um Einzelfallentscheidungen», sagte MĂŒller der dpa. Außerdem brauche es die ĂŒbersetzte Vermittlung exemplarischer Entscheidungen in verstĂ€ndlicher Sprache. 

Dennoch erkennt MĂŒller den systemischen Wert der Transparenz: Eine quantitative Auswertung aller veröffentlichten Urteile könne Hinweise liefern, «wo tendenziell eher harte und wo eher milde Strafen verhĂ€ngt werden», sagte der Jurist. Dies könne zu einer Diskussion in der Justiz und letztlich zu einer Angleichung fĂŒhren.

KI könnte Freispruch-Quote ermitteln

Und gerade in Zeiten von KI tun sich ganz neue Möglichkeiten auf, wie MĂŒller erklĂ€rt: «Man könnte also per KI fragen, in wie vielen FĂ€llen von SchimmelschĂ€den am Ende der Mieter wegen mangelhafter LĂŒftung haften musste oder wie hoch die Freispruch-Quote in Norddeutschland im Vergleich zu SĂŒddeutschland ausfĂ€llt.» Eine solche Datenbasis könne auch genutzt werden, um generative KI nachzutrainieren, «damit juristische Fragen mit höherer Wahrscheinlichkeit richtig beantwortet werden könnten.»

Experten warnen allerdings auch davor, dass KI diskriminierende Tendenzen in den Trainingsdaten verstĂ€rken könnte. «Dieses Risiko besteht», sagte MĂŒller. Aus den USA etwa sei ein Fall bekannt, wo KI bei Bewerbungen die vorhandene rassistische Diskriminierung verstĂ€rkt habe. «Aber umgekehrt könnten wir auch unsere eigene, menschliche Urteilspraxis darauf prĂŒfen, ob und welche Diskriminierung darin enthalten ist und dagegen steuern. Diese Chance sollten wir nutzen.»

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