Vierfach-Mord an Tankstelle erschĂŒttert Italien
Veröffentlicht am: 03.06.2026 um 12:21 Uhr | dpa.deEs sind Bilder einer Ăberwachungskamera, wie sie ĂŒberall auf der Welt in Tankstellen hĂ€ngen. Und es sind Bilder von seltener BrutalitĂ€t. Zwei MĂ€nner, die mit dem Tankstutzen Benzin in einen Minivan pumpen - nicht in den Tank, sondern ins Innere hinein. Dann setzen sie das Auto in Brand und halten von auĂen die TĂŒren zu. Man sieht voller Entsetzen, wie der Fiat Ulisse mĂ€chtig hin und her schwankt, weil sich die verbliebenen Insassen zu befreien versuchen. Vergebens. Dann rennen die beiden anderen in höchster Eile weg.
Das ist die Szene, wie sie sich am helllichten Tag nahe der 3.000-Einwohner-Gemeinde Amendolara abgespielt hat, an einer Tankstelle an der vielbefahrenen StaatsstraĂe 106, im tiefen SĂŒden. FĂŒr vier MĂ€nner in dem Auto kommt jede Hilfe zu spĂ€t: Ismat, Fazal, Waseem und Safi. Alle vier aus Afghanistan und Pakistan. Alle vier als Erntehelfer auf den Erdbeerfeldern in der Umgebung beschĂ€ftigt, zu Billigstlöhnen und unter Bedingungen, die man kaum als human beschreiben kann. Alle vier bei lebendigem Leib verbrannt.
Schlimme Arbeitsbedingungen lÀngst bekannt
In den italienischen Fernseh-Nachrichten laufen die Bilder seit Montag rauf und runter. Das ganze Land ist entsetzt ĂŒber den Vierfach-Mord. Bei vielen regt sich auch wieder einmal das schlechte Gewissen, dass Einwanderer in ihrem Land so beschĂ€ftigt werden. Denn dass vor allem in Italiens SĂŒden, wo in groĂem Stil Obst und GemĂŒse angebaut wird, die Arbeitsbedingungen mancherorts unmenschlich sind, weiĂ man lĂ€ngst. Was dort geerntet wird, landet ĂŒbrigens oft auch in deutschen SupermĂ€rkten.
In der Gegend um Amendalora, zwischen Spitze und Absatz des italienischen Stiefels, werden vor allem Orangen, Mandarinen und Erdbeeren angebaut. Hier weiĂ jeder, wie Migranten auf den Feldern behandelt werden. Viele von ihnen kommen aus LĂ€ndern wie Indien, Pakistan, Bangladesch oder Afghanistan. Der Stundenlohn betrĂ€gt hĂ€ufig nicht mehr als drei Euro. Alles in allem, so wird geschĂ€tzt, arbeiten in Italiens Landwirtschaft mehr als 200.000 Menschen unter solchen Bedingungen.Â
Viele sprechen von moderner Sklaverei
Viele nennen das moderne Sklaverei. Manche sprechen auch von einer «Landarbeiter-Mafia», die streng organisiert ist und Verbindungen zur 'Ndrangheta hat, Italiens mĂ€chtigster Verbrecherorganisation, die in Kalabrien beheimatet ist. Um die Anwerbung der auslĂ€ndischen Billigstlöhner, deren Unterbringung und die finanziellen Angelegenheiten kĂŒmmern sich sogenannte Capos: hĂ€ufig ebenfalls Migranten, die es in der Hierarchie etwas nach oben geschafft haben.Â
So war das offensichtlich auch bei dem Vierfach-Mord. Anhand der Bilder der Ăberwachungskameras konnten als mutmaĂliche TĂ€ter zwei MĂ€nner aus Pakistan identifiziert werden, die nun in Untersuchungshaft sitzen. Belastet werden die beiden auch vom einzigen Ăberlebenden: Taj Alamyar, 35 Jahre alt, aus Afghanistan und seit ein paar Monaten in Italien. Er saĂ ebenfalls im Auto, konnte aber das Heckfenster zertrĂŒmmern und sich nach drauĂen retten.
«Mund halten oder Ihr werdet umgebracht»
Mit schweren Brandwunden an den HĂ€nden berichtet Alamyar, dass er zusammen mit den anderen auf einem Matratzenlager in einem kleinen Bauernhaus in der NĂ€he untergebracht gewesen sei, zu einem Tageslohn von 45 Euro. Eigentlich. Aber: «Wir haben jeden Tag unsere Bezahlung verlangt. Aber sie haben immer eine Ausrede gefunden. Und fĂŒr die Fahrt zur Arbeit fĂŒnf Euro von uns verlangt. FĂŒnf Euro hin, fĂŒnf Euro zurĂŒck. Zu Hause bekamen wir Brot und Kartoffeln, sonst nichts.»Â
Am Morgen der Tat habe es wieder Streit gegeben. «Sie haben eine Pistole auf uns gerichtet: "Mund halten oder Ihr werdet umgebracht."» Dann sei es wieder auf die Felder gegangen. Auf der RĂŒckfahrt sei es erneut zu einem Wortgefecht gekommen, bis die Capos an der Tankstelle angehalten hĂ€tten. «Sie wollten uns eine Lektion erteilen. Sie wollen den Landarbeitern hier in der Region klarmachen, dass Befehle nicht diskutiert werden.»
Bischof: «Genug mit dem bequemen Schweigen»Â
Das ist augenblicklich auch die Vermutung der Ermittler: dass ein Exempel statuiert werden sollte. In den vergangenen Monaten standen schon mehrfach Autos in Brand, mit denen Landarbeiter transportiert wurden. GeprĂŒft wird jetzt auch, ob es sich beim Tod von vier indischen Erntehelfern vergangenes Jahr tatsĂ€chlich um einen Verkehrsunfall handelt.
Nach dem Entsetzen ĂŒber den Vierfach-Mord geht es nun jedoch auch darum, welche Konsequenzen gezogen werden mĂŒssen. Ein Bischof aus Kalabrien, Francesco Savino, verlangt: «Genug mit dem bequemen Schweigen. Genug mit der schĂ€bigen Angewohnheit, es fĂŒr normal zu halten, dass MĂ€nner von weit her bei uns wie Leichen ohne Geschichten sterben.» In Italien gibt es gegen ausbeuterische Methoden in der Landwirtschaft zwar ein Gesetz. Es drohen hohe Geldstrafen und bis zu acht Jahre Haft. Aber mit der Umsetzung ist es nach vielfacher Meinung nicht weit her.
Bestseller-Autor Saviano mit wenig Hoffnung
Der Bestseller-Autor Roberto Saviano («Gomorrha»), der sich schon lĂ€nger mit den ZustĂ€nden in Italiens Landwirtschaft beschĂ€ftigt, sagt: «Verantwortlich sind die groĂen Einzelhandelsketten. Die Marken, die wir alle kennen und zu Preisen kaufen, die es unmöglich machen, einen angemessenen Lohn zu bezahlen.» So funktioniere das System seit vielen Jahren, sagte Saviano der Tageszeitung «La Stampa». «Bis jemand stirbt. Dann wird eine Kommission eingerichtet. Und dann wird es wieder still.»
