Stromausfall nach Brand in Umspannwerk - linksextreme TĂ€ter?
08.06.2026 - 14:14:08 | dpa.deDer nĂ€chtliche Brand in einem Umspannwerk in Reutlingen, der einen groĂflĂ€chigen Stromausfall in der Region auslöste, könnte nach EinschĂ€tzung aus Sicherheitskreisen gezielt gelegt worden sein. Die Vorgehensweise deute auf linksextremistische TĂ€ter hin und weise Parallelen etwa zu entsprechenden Taten in Berlin auf, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur. Hinweise auf einen möglichen Drahtzieher im Ausland gebe es nicht.
«Dem Landesamt fĂŒr Verfassungsschutz Baden-WĂŒrttemberg liegen derzeit keine weiterfĂŒhrenden Erkenntnisse zur mutmaĂlichen Brandstiftung in Reutlingen vor», teilt eine Sprecherin der Behörde mit. «Bislang wurden noch keine Bekennerschreiben veröffentlicht.» Die Polizei ermittelt in alle Richtungen.
In der Nacht hatte es im Umspannwerk Reutlingen-West gebrannt, so dass dieses ausfiel und eine weitere Anlage in Mitleidenschaft zog.Â
Ausgerechnet der Chef der Stadtwerke wird zum Augenzeugen. Er sei um 1.40 Uhr aufgewacht und habe gesehen, dass der Strom weg sei, schildert Jens Balcerek am Vormittag danach. «Ich bin dann auf den Balkon gegangen und hab dann nur filmen können von vier Kilometern Entfernung, wie das Umspannwerk abgebrannt ist.»
Die Folgen: Zehntausende Menschen sind zunĂ€chst ohne Strom, auch ein Krankenhaus ist betroffen. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur entstand durch den Brand und den Stromausfall ein Schaden von mehreren Millionen Euro.Â
Ursachenforschung auf Hochtouren
Laut dem Netzbetreiber Netze BW gibt es Hinweise auf Brandstiftung. Es seien drei Brandstellen gefunden worden, auĂerdem seien der Zaun und das GelĂ€nde vor der Anlage beschĂ€digt, sagt ein Sprecher am Morgen.Â
BestĂ€tigt ist ein Anschlag bislang jedoch nicht. Die Polizei ermittelt. Auch das Landeskriminalamt Baden-WĂŒrttemberg ist eingebunden.Â
«Wir beziehen ein, ob es eventuell ein technischer Defekt sein könnte oder eine Brandlegung, eventuell fahrlĂ€ssig oder auch vorsĂ€tzlich», sagt Tina Rempfer vom PolizeiprĂ€sidium Reutlingen. Oberster Schwerpunkt der Spezialisten vor Ort sei die Ursachenforschung. Auch ein BrandmittelspĂŒrhund ist auf dem GelĂ€nde. Er könnte erschnĂŒffeln, ob Brandbeschleuniger benutzt wurde.Â
Auf der Plattform X kursiert ein Video, das den nÀchtlichen Vorfall zeigen soll - aufgenommen wohl aus einer benachbarten Gemeinde. Zu sehen sind unter anderem Lichtblitze, zu hören sind ExplosionsgerÀusche.
In der Nacht seien knapp 200 KrĂ€fte der Feuerwehren im Einsatz gewesen, sagt Vize-Feuerwehrchef Matthias Hertler. Am Vormittag seien noch etwa halb so viele EinsatzkrĂ€fte mit den Folgen befasst. Der Brand sei seit etwa 5.00 Uhr gelöscht. Gegen 4.45 Uhr sei eine auĂergewöhnliche Einsatzeinlage ausgerufen worden.
OB Keck: «Das ist eine prekĂ€re Situation» Â
Am Morgen sind Teile der Kernstadt wieder mit Strom versorgt, darunter auch das Krankenhaus. Aber diverse Stadtteile und umliegende Gemeinden seien nach wie vor ohne Strom, sagt OberbĂŒrgermeister Thomas Keck (SPD) bei einer Pressekonferenz am Mittag. Darunter seien der gröĂte Stadtbezirk Betzingen mit mehr als 11.000 Einwohnern und der Stadtbezirk Ohmenhausen mit etwa 5.000 Einwohnern sowie ein Industriegebiet. In ganz Reutlingen leben gut 117.000 Menschen. 7.600 Haushalte seien ohne Strom, sagt der Rathauschef bei der Pressekonferenz. Rund 30.000 Menschen seien betroffen. «Das ist eine prekĂ€re Situation», sagt Keck. «Sowas hat man Gott sei Dank nicht alle Tag.»
Am Nachmittag wurden ein groĂer Teil der Privathaushalte in Betzingen und Ohmenhausen wieder an die Stromversorgung angeschlossen, wie eine Sprecherin der Stadt Reutlingen mitteilte. Auch Schulen und KindergĂ€rten seien dort wieder mit Strom versorgt. «Noch nicht wieder an die Stromversorgung angeschlossen sind die betroffenen Unternehmen in diesem Gebiet. Hier wird mit Hochdruck an einer Lösung gearbeitet.»
Noch ist unklar, wann wieder alle Haushalte mit Strom versorgt werden. Die Behörden rechnen aber wohl nicht allzu bald damit. FĂŒr die Nacht solle ein Notfalltreffpunkt eingerichtet werden, sagt Finanz- und WirtschaftsbĂŒrgermeister Roland Wintzen, der den Verwaltungsstab leitet. Dort sollen Menschen zum Beispiel ihr Handy aufladen oder Babynahrung erwĂ€rmen können. Ziel sei es, die EinschrĂ€nkungen fĂŒr die Menschen so gering wie möglich zu halten.
FĂŒr einige Kitas werde fĂŒr Dienstag eine Notbetreuung organisiert, sagte Wintzen. Informationen dazu sowie zu weiteren Themen gibt es im Laufe des Tages auf den Internetseiten der Stadt.
Netze BW und die Fairnetz GmbH, der Strom- und Gasnetzbetreiber in der Region Reutlingen, teilen sich das Umspannwerk den Angaben nach. Dem Sprecher zufolge leistet Netze BW Amtshilfe beim Wiederaufbau der Stromversorgung.Â
Erinnerungen an Berliner BrandanschlĂ€geÂ
Der Vorfall erinnert an zwei mutmaĂlich linksextremistische BrandanschlĂ€ge auf die Stromversorgung in Berlin. Nach dem Anschlag am 9. September 2025 auf zwei Strommasten waren zeitweise rund 50.000 Privathaushalte und rund 2.000 Gewerbebetriebe vom Stromausfall betroffen. Der Ausfall dauerte rund 60 Stunden, erst am Nachmittag des 11. September waren wieder alle Haushalte am Netz.Â
Beim zweiten Anschlag am 3. Januar wurden fĂŒnf Hoch- und zehn Mittelspannungskabel auf einer KabelbrĂŒcke zerstört. Erst am 7. Januar und damit nach rund 100 Stunden war die Stromversorgung wieder fĂŒr alle Betroffenen hergestellt. Damals herrschte eisige KĂ€lte und es lag Schnee - und der Stromausfall sorgte auch dafĂŒr, dass viele Zentralheizungen nicht mehr liefen. Tausende Berliner flĂŒchteten zu Freunden, Bekannten und in Hotels.Â
In der Hauptstadt lĂ€uft seit den beiden AnschlĂ€gen eine intensive Debatte ĂŒber mehr Sicherheit fĂŒr die Stromversorgung. Das Land Berlin hat das Ziel ausgegeben, bis in die 2030er Jahre alle Stromkabel in Berlin unterirdisch zu verlegen. Derzeit gilt das fĂŒr 99 Prozent. Der Netzbetreiber Stromnetz Berlin investiert dieses Jahr einen zweistelligen Millionenbetrag in Sicherheitstechnik und Wachschutz, um weitere Angriffe auf die kritische Infrastruktur zu verhindern. Zudem wird daran gearbeitet, mehr georedundante Leitungen zu verlegen - also Kabel mit derselben Aufgabe an einem anderen Ort.
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