Mit Herz und HÀnden - Metzger lernt GebÀrdensprache
17.06.2026 - 04:00:24 | dpa.deMetzger Yevgeniy Klibanov liebt es, sich mit seinen Kunden zu unterhalten, wenn er Wurst in Scheiben schneidet oder Fleisch abwiegt. Dann lĂ€chelt er ĂŒber das ganze Gesicht und holt weit mit den Armen aus. Bei zwei seiner Stammkunden ging das jedoch lange Zeit nicht: Die beiden MĂ€nner sind gehörlos. Deshalb lernt der 39-JĂ€hrige in seiner Freizeit seit etwa einem Jahr GebĂ€rdensprache.Â
Um die 95 Wörter und Begriffe beherrsche er mittlerweile, sagt Klibanov. «Ich bin noch in der Lernphase», gibt er zu. Aber fĂŒr kleine GesprĂ€che etwa ĂŒber das Wetter oder die Familie reiche es.Â
«Wir lachen gemeinsam»
Welchen groĂen Unterschied das macht, sieht man, als Hedi Doudeche an die Fleischtheke in dem NĂŒrnberger E-Center tritt. Freudestrahlend begrĂŒĂt er den Metzgermeister mit einigen GebĂ€rden. Der 73-JĂ€hrige ist einer der beiden gehörlosen Stammkunden und wohnt ganz in der NĂ€he des Supermarkts im Stadtteil Röthenbach - drei HĂ€user von Klibanovs Haus entfernt.Â
Dank der GebĂ€rdensprache hĂ€tten sich die beiden nun auch etwas zu erzĂ€hlen, wenn sie sich zufĂ€llig auf der StraĂe trĂ€fen, sagt Klibanov. «Wir reden miteinander, wir lachen gemeinsam. Dadurch bekommt man nĂ€heren Kontakt.»Â
Etwa 80.000 gehörlose Menschen leben nach Angaben des Deutschen Gehörlosen-Bunds in Deutschland. In Bayern sind es dem Landesverband zufolge rund 10.000. Gleichzeitig gebe es im Freistaat nur etwa 200 qualifizierte GebĂ€rdensprachdolmetscherinnen und -dolmetscher, die diese etwa bei BehördengĂ€ngen und Arztbesuchen begleiten könnten, sagt Verbandsexperte Daniel BĂŒter. Das zeige, wie groĂ die Barrieren im Alltag seien.Â
«Echte Teilhabe auf Augenhöhe»
«Einkaufen ist glĂŒcklicherweise ein Alltagsbereich, der mit sehr wenig direkter Kommunikation auskommt», ergĂ€nzt BĂŒter. Dass Klibanov die GebĂ€rdensprache lernt, findet er trotzdem sehr wertvoll. «Es ist ein groĂartiges Beispiel fĂŒr echte Teilhabe auf Augenhöhe. Ein solcher persönlicher Austausch nimmt den alltĂ€glichen Druck heraus und schafft eine Willkommenskultur», sagt BĂŒter. In Deutschland sei so ein Engagement im Vergleich zu anderen LĂ€ndern wie den USA leider eher selten.Â
Die GebĂ€rdensprache hat sich der Metzger mit Hilfe einer App beigebracht. Wenn abends seine sechs und acht Jahre alten Kinder schliefen, fahre er in seinen Schrebergarten, trinke Kaffee und ĂŒbe, erzĂ€hlt er. DemnĂ€chst will er auĂerdem einen Kurs am Bildungszentrum besuchen. Im Moment lerne er aber vor allem beim Umgang mit seinen gehörlosen Kunden.Â
Etwas falsch machen könne man nicht, wenn man GebĂ€rdensprache per App lerne, sagt BĂŒter. Es gebe mittlerweile gute Apps, um einen ersten Wortschatz zu erwerben und einzelne Vokabeln zu lernen. «Allerdings kann keine App das persönliche GesprĂ€ch und den echten Kontakt ersetzen.» Wer die GebĂ€rdensprache flieĂend lernen wolle, brauche direkten Kontakt zu Gehörlosen und solle professionelle Kurse besuchen.Â
GebĂ€rdensprache hat nach Angaben des deutschen Gehörlosenbunds ein umfassendes Vokabular und eine eigenstĂ€ndige Grammatik, die anderen Regeln folgt als die von gesprochenen Sprachen. Eine Herausforderung fĂŒr Klibanov, aber nichts, das ihn abschrecken wĂŒrde, sagt er. «Irgendwie baue ich mir das zusammen, wenn ich was sagen will.»
Als er 2001 als Jugendlicher mit seiner Familie aus Usbekistan nach Deutschland gekommen sei, sei es auch nicht anders gewesen. Da habe er sich die Sprache Wort fĂŒr Wort erschlossen und keine Angst davor gehabt, Fehler zu machen. «Es hat immer funktioniert. Ich bin da ganz locker.»
Spickzettel unter der Theke
Und wenn der 39-JĂ€hrige doch mal nicht weiterweiĂ, hat er ja seinen Spickzettel unter der Theke. Auf diesem hat er sich die wichtigsten Begriffe aufgeschrieben wie BegrĂŒĂung, Verabschiedung, Fleischsorten, Wochentage. Doch als Doudeche beide HĂ€nde mit abgespreizten Daumen und kleinen Finger an den Kopf fĂŒhrt, weiĂ Klibanov sofort, was er meint. «Rind? Habe ich nicht», sagt er mit Blick auf die Fleischwurst. Stattdessen bietet er ihm Leberwurst an.Â
Bei GebĂ€rdensprache sei es wie bei einer Fremdsprache, erlĂ€utert BĂŒter. Wie schnell jemand diese lerne, hĂ€nge stark von persönlichen Faktoren ab: «Bringt man eine visuelle Sprachbegabung mit? Ist man mimisch ausdrucksstark?», zĂ€hlt er zum Beispiel auf. «Manche Menschen haben ein natĂŒrliches GespĂŒr fĂŒr die visuelle Koordination von HĂ€nden, Körper und GesichtszĂŒgen, wĂ€hrend andere sich diese ungewohnte Ausdrucksweise mĂŒhsamer erarbeiten mĂŒssen.»
Ob Klibanov ein Talent dafĂŒr hat, Sprachen zu lernen? «Naja», sagt er und zĂ€hlt auf: «Deutsch, Russisch, ein bisschen Englisch - und jetzt GebĂ€rdensprache.» Dann lacht er und zuckt mit den Schultern. Ob Talent oder nicht - das spielt fĂŒr Klibanov keine Rolle. Er legt einfach los.
