Lebenswichtige Wiederbelebung: Mit Herzdruckmassage und einfacher Anleitung Leben retten
Veröffentlicht am: 20.09.2026 um 06:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWSBei einem Herz-Kreislauf-Stillstand zählen Sekunden – denn ohne sofortige Herzdruckmassage durch Umstehende sind die Überlebenschancen eines Betroffenen drastisch vermindert.
Herzstillstand außerhalb von Kliniken häufig tödlich
Jedes Jahr erleiden in Deutschland bis zu knapp 140.000 Menschen außerhalb eines Krankenhauses einen Herz-Kreislauf-Stillstand. Viele könnten gerettet werden, wenn Angehörige, Freunde oder Kollegen sofort und richtig reagieren, doch bislang überlebt nur gut jeder zehnte Betroffene. Der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Rats für Wiederbelebung, Bernd Böttiger, warnt, das bloße Warten auf den Rettungsdienst komme für Patienten fast einem Todesurteil gleich. Bereits nach wenigen Sekunden wird ein Mensch bewusstlos, nach drei bis fünf Minuten beginnt das Gehirn unwiederbringlich abzusterben.
Rettungsdienst braucht Zeit – Laien müssen handeln
In den meisten Bundesländern wird eine Eintreffzeit des Rettungsdienstes von 10 bis 15 Minuten angestrebt, die insbesondere im ländlichen Raum häufig überschritten wird. Um diese Lücke zu schließen, ist die Hilfe durch Laien entscheidend. Die Symptome eines Herz-Kreislauf-Stillstands sind laut Deutschem Herzzentrum der Berliner Charité deutlich: Bewusstlosigkeit und das Fehlen einer normalen Atmung, wobei auch eine unregelmäßige Atmung oder Schnappatmung als unnormal gilt.
Prüfen, rufen, drücken: einfache Schritte mit großer Wirkung
Als Grundsatz gilt daher: Prüfen, rufen, drücken. Wer einen Menschen leblos zusammenbrechen sieht, soll zu ihm gehen, nachsehen, ihn schütteln und laut ansprechen. Reagiert der Betroffene nicht, folgt der Notruf unter 112. Danach beginnt die Herzdruckmassage: Mit beiden Handballen auf der Mitte des Brustkorbs wird der Oberkörper fünf bis sechs Zentimeter tief eingedrückt, und zwar etwa zweimal pro Sekunde – im Takt bekannter Lieder wie „Stayin’ Alive“ oder „Atemlos durch die Nacht“.
Keine Zeit verlieren mit Pulsfühlen oder Beatmung
Frühere Empfehlungen wie das längere Prüfen der Atmung, das Fühlen des Pulses oder eine Mund-zu-Mund-Beatmung gelten heute als zu zeitaufwendig. Böttiger betont, dass auch das Holen eines Defibrillators wertvolle Zeit kosten kann: Jede Sekunde Verzögerung der Herzdruckmassage verschlechtere die Überlebenschance. Zwei Drittel der Betroffenen eines Herz-Kreislauf-Stillstands sind Männer, im Schnitt etwas über 65 Jahre alt; häufige Ursachen sind Herzinfarkt oder Herzrhythmusstörungen.
Herznotfälle meist zu Hause – aber Hilfe bleibt aus
Rund 70 Prozent der Vorfälle ereignen sich in den eigenen vier Wänden. In knapp der Hälfte der Fälle sind andere Menschen in der Nähe, die mit einer Wiederbelebung beginnen könnten. Laut Bundesgesundheitsministerium setzen jedoch nur in 55,4 Prozent der Fälle Laien eine Reanimation in Gang. Sofortiges Handeln verdoppelt bis verdreifacht die Überlebenschancen; bis zu 10.000 Menschenleben könnten jährlich zusätzlich gerettet werden, wenn mehr Menschen sich eine Herzdruckmassage zutrauten.
Telefonische Anleitung soll Hürden senken
Eine repräsentative Umfrage der ADAC Stiftung zeigt, dass sich nur 23 Prozent der über 60-Jährigen mit Wiederbelebung auskennen, obwohl Notfälle häufig gerade ältere Menschen im Umfeld treffen. Auch bei Jüngeren liegt der letzte Erste-Hilfe-Kurs oft lange zurück, etwa aus der Zeit des Führerscheins, was Unsicherheit verstärkt. Mit der Aussicht auf telefonische Anleitung durch die Leitstelle steigt die Bereitschaft zur Reanimation den Angaben zufolge von 64 auf 83 Prozent. Dennoch ist die sogenannte Telefonreanimation in Deutschland noch nicht flächendeckend verfügbar und soll im Zuge einer Notfallreform gesetzlich verankert werden.
Reanimationsunterricht an Schulen gefordert
Um die Kenntnisse in der Bevölkerung langfristig zu stärken, setzt der Deutsche Rat für Wiederbelebung verstärkt auf Kinder und Jugendliche. Gemeinsam mit Hilfsorganisationen und der Weltgesundheitsorganisation WHO wird gefordert, dass alle Schülerinnen und Schüler ab der siebten Klasse jährlich zwei Stunden Reanimation im Unterricht üben. Laut ADAC Stiftung unterstützen mehr als vier Fünftel der Befragten diesen Ansatz.
Bundesländer setzen Vorgaben unterschiedlich um
Bisher haben jedoch nur sechs Bundesländer Wiederbelebung verpflichtend in die Lehrpläne aufgenommen: Hessen, Saarland, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Bayern und Nordrhein-Westfalen. Selbst dort hapert es nach Angaben aus der Meldung an der konsequenten Umsetzung und insbesondere an der jährlichen Wiederholung der Kurse. Fachleute sehen darin ein Hindernis auf dem Weg zu einer breiten Routine in der Bevölkerung.
Routine schafft Sicherheit – Beispiel aus Nürnberg
Wie wichtig regelmäßiges Üben ist, zeigt das Beispiel von Rebekka K., die aufgrund ihres Berufs jährlich an Schulungen zur Wiederbelebung teilnimmt. Als sie an einem Sommertag im Nürnberger Stadtpark sah, wie ein etwa 60-jähriger Mann plötzlich zusammenbrach, begann sie nach kurzer Lageeinschätzung sofort mit der Herzdruckmassage. Sie berichtet, nur durch das häufige Training an Übungspuppen habe sie den Mut und die Sicherheit gehabt, ohne Zögern zu reagieren.
Handeln statt zögern – auch wenn der Einsatz erfolglos bleibt
Der Mann im Nürnberger Stadtpark überlebte den Notfall trotz aller Bemühungen nicht. Dennoch sieht die Ersthelferin ihren Einsatz als richtig und notwendig. Sie habe alles versucht und die Abläufe korrekt umgesetzt; es sei „nichts zu machen“ gewesen. Die Geschichte unterstreicht, dass auch ein erfolgloser Reanimationsversuch besser ist als Untätigkeit – und dass jede geübte Hand im Ernstfall ein entscheidender Faktor sein kann.
Hohe Relevanz für die öffentliche Gesundheit
Herz-Kreislauf-Stillstände gehören in Deutschland zu den häufigsten akuten Todesursachen, und der in der Meldung genannte Umfang von bis zu 140.000 Betroffenen jährlich verdeutlicht die Größenordnung des Problems. Viele dieser Notfälle ereignen sich zu Hause im familiären Umfeld, in dem professionelle Helfer zunächst fehlen. Damit entscheidet das Verhalten von Angehörigen, Freunden oder Kollegen oft über Leben und Tod. Die klare Botschaft lautet: Ohne sofortige Herzdruckmassage sinkt die Überlebenschance dramatisch, während entschlossenes Handeln sie deutlich erhöhen kann.
Strukturelle Defizite im Rettungssystem
Die in der Meldung genannten Zielzeiten von 10 bis 15 Minuten für den Rettungsdienst zeigen, dass ein alleiniger Fokus auf professionelle Hilfe nicht ausreicht. Gerade in ländlichen Regionen können Anfahrtswege länger sein, sodass die kritische Phase von drei bis fünf Minuten ohne Sauerstoffversorgung regelmäßig überschritten wird. Vor diesem Hintergrund erhält die Forderung nach einer gesetzlich verankerten Telefonreanimation besondere Bedeutung: Wenn Leitstellen Laien systematisch anleiten, kann dies vorhandene Hemmungen verringern und den Zeitraum bis zum Eintreffen von Notärzten besser überbrücken.
Bildungspolitische und gesellschaftliche Dimension
Die Diskussion um verpflichtende Wiederbelebungskurse ab der siebten Klasse macht deutlich, dass es sich nicht nur um ein medizinisches Thema handelt, sondern auch um eine bildungs- und gesellschaftspolitische Aufgabe. Erst wenn Reanimation ähnlich selbstverständlich wird wie das Einüben anderer Sicherheitsregeln, kann sich eine Kultur der Hilfe entwickeln. Die Zahlen zur geringen Wiederbelebungskompetenz älterer Menschen weisen darauf hin, dass eine generationenübergreifende Vermittlung nötig ist. Für Leserinnen und Leser ergibt sich daraus eine doppelte Bedeutung: Sie können einerseits selbst durch Auffrischungskurse aktiv werden und andererseits darauf dringen, dass Schulen und Politik die geforderten praktischen Übungen verbindlich und regelmäßig verankern.
