UnfÀlle mit Pedelecs und ihre Ursachen
16.04.2024 - 09:08:49 | dpa.de
Auf deutschen StraĂen sind sie lĂ€ngst keine Seltenheit mehr, in polizeilichen Unfallmeldungen auch nicht: FahrrĂ€der mit Elektromotoren, die bis zu einem Tempo von 25 Kilometer pro Stunde beim Treten unterstĂŒtzen. Die Zahl der UnfĂ€lle mit solchen Pedelecs mit Verletzten ist zuletzt stark gestiegen. Laut Statistischem Bundesamt hat sie sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verzehnfacht. Doch woran liegt das? Und welche besonderen Risikofaktoren gibt es bei den RĂ€dern?
Wie viel Pedelecs genutzt werden
Als einen Grund fĂŒr den Unfall-Anstieg nennt das Statistische Bundesamt die gestiegene Beliebtheit der Pedelecs. WĂ€hrend es 2014 demnach in nur 3,4 Prozent der privaten Haushalte in Deutschland mindestens ein solches Rad gab, traf das 2022 auf 15,5 Prozent der Haushalte zu.
Aber nicht nur der Pedelec-Verkehr, auch der Radverkehr insgesamt habe zugenommen, sagt die Leiterin der Unfallforschung der Versicherer (UDV), Kirstin Zeidler: «Auf den Radverkehrsanlagen, wie man so schön sagt, ist es voller geworden.» Sie seien in den vergangenen Jahren viel stĂ€rker genutzt worden, «aber nicht in gleichem MaĂe mitgewachsen». UnfĂ€lle lieĂen sich dementsprechend vermeiden, wenn die Radinfrastruktur verbessert wĂŒrde, insbesondere an Kreuzungen und Ein- und Ausfahrten. Diese Unfallschwerpunkte wĂŒrden sich bei Pedelecs und klassischen FahrrĂ€dern nicht groĂ unterscheiden.
Die BundesgeschĂ€ftsfĂŒhrerin des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), Caroline Lodemann, nennt darĂŒber hinaus auch einen Faktor, der auf Unterschiede in der Nutzung von FahrrĂ€dern mit und ohne elektrische UnterstĂŒtzung beim Treten verweist: «Pedelecs werden ĂŒber lĂ€ngere Wegstrecken und auch hĂ€ufiger genutzt als normale FahrrĂ€der. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls.»
Der Faktor Alter
Und was fĂŒr eine Rolle spielt das Alter fĂŒr das Unfallrisiko bei Pedelecs? Feststeht: Der Anteil der jĂŒngeren Menschen, die mit den RĂ€dern verunglĂŒcken, steigt. 2023 war fast jeder dritte mit dem Pedelec VerunglĂŒckte laut Statistischem Bundesamt jĂŒnger als 45 Jahre, 2014 war es jeder neunte.
Zeidler sieht die Ursache fĂŒr steigende Unfallzahlen bei den JĂŒngeren in der stĂ€rkeren Verbreitung von Pedelecs unter ihnen. Eine Untersuchung der UDV, die bei der Berechnung des Unfallrisikos auch die Anzahl der gefahrenen Kilometer berĂŒcksichtigt, ermöglicht auĂerdem einen Vergleich zum klassischen Rad. 18- bis 34-jĂ€hrige Pedelec-Fahrerinnen und -Fahrer haben demnach ein deutlich höheres Risiko, an einem Unfall beteiligt zu sein, als Gleichaltrige auf RĂ€dern ohne elektrische UnterstĂŒtzung. «Junge Erwachsene können die Maximalleistung des Pedelec ausnutzen, um möglichst schnell zu fahren», erlĂ€utert Zeidler. «Zudem könnten sie ihre eigenen FĂ€higkeiten ĂŒberschĂ€tzen.»
Auch bei Personen ab 80 Jahren ist das Risiko, an einem Unfall beteiligt zu sein, laut der Untersuchung mit Pedelec höher als mit klassischem Rad. Wer mit einem Pedelec fĂ€hrt, ist nach Angaben des Rechtsreferenten des ADFC, Roland Huhn, zudem durchschnittlich immer noch Ă€lter als Radfahrerinnen und -fahrer insgesamt. Das erklĂ€re, warum Pedelec-UnfĂ€lle mit Verletzten hĂ€ufiger tödlich endeten als solche mit RĂ€dern ohne elektrische UnterstĂŒtzung. Denn bei Ă€lteren Menschen sei das Risiko von schweren oder tödlichen UnfĂ€llen gröĂer.
Geschwindigkeit, Beschleunigung und Gewicht
In das Unfallgeschehen spielen Zeidler zufolge immer mehrere Faktoren hinein: Der Mensch - etwa wie geĂŒbt er ist und wie sicher er fĂ€hrt -, die Verkehrsinfrastruktur und das Fahrzeug. «Das Pedelec bringt potenziell eine höhere Geschwindigkeit und eine höhere Beschleunigung sowie ein gröĂeres Gewicht mit», sagt sie. Damit steige auch die Wahrscheinlichkeit fĂŒr einen Unfall oder einen potenziell schweren Unfall. «Das Risiko wird leicht unterschĂ€tzt.»
Mit einem schweren Bike sei zum Beispiel plötzliches Ausweichen schwieriger und die Gefahr, ins Strudeln zu kommen oder zu stĂŒrzen, höher als bei einem leichteren Fahrrad, das man schneller wieder in den Griff bekomme. «Insofern spielen das Gewicht des Rades und die Frage, ob Fahrende es beherrschen oder nicht, eine Rolle», erklĂ€rt die UDV-Leiterin.
TatsĂ€chlich kommt es auf dem Pedelec ihren Angaben nach verglichen mit dem klassischen Rad hĂ€ufiger zu AlleinunfĂ€llen, bei denen die Fahrerinnen und Fahrer die Kontrolle verlieren und stĂŒrzen, «ohne dass Dritte beteiligt sind». Durch Untersuchungen wĂŒssten sie zudem, dass Pedelec-Fahrende schneller unterwegs seien. Was fĂŒr Geschwindigkeiten zum Zeitpunkt eines Unfalls vorliegen - dazu gibt es laut Zeidler allerdings keine konkreten Daten.
Empfehlungen fĂŒr einen sichereren Pedelec-Verkehr
Um Unfallanalysen besser durchfĂŒhren zu können, spricht sie sich fĂŒr eine bessere Datenbasis rund um Pedelecs aus. FĂŒr mehr Sicherheit beim Fahren der RĂ€der hĂ€lt Zeidler auĂerdem eine stĂ€rkere VerknĂŒpfung von Muskelkraft und MotorunterstĂŒtzung fĂŒr sinnvoll: «Das heiĂt: Bei starker Muskelkraft kann auch die MotorunterstĂŒtzung stĂ€rker werden.» Bei weniger krĂ€ftigen Fahrern wĂŒrde der Motor dagegen weniger unterstĂŒtzen, sodass nur Geschwindigkeiten wie auf dem klassischen Fahrrad erreicht wĂŒrden. «Das wĂŒrde Unfallrisiken und schwere Verletzungen reduzieren, gerade bei Ălteren», sagt sie.
Wer ĂŒberlegt, sich ein Pedelec zu kaufen, dem rĂ€t die UDV-Leiterin, sich im Handel beraten zu lassen. Denn es gebe ganz unterschiedliche Pedelecs. AnschlieĂend lautet Zeidlers Tipp: unbedingt Helm tragen und sich mit dem GerĂ€t vertraut machen. Eine Möglichkeit dazu sind Fahrsicherheitstrainings, die auch Lodemann empfiehlt. «Aber das Wichtigste ist und bleibt gute Radinfrastruktur», betont die BundesgeschĂ€ftsfĂŒhrerin des ADFC. Im ganzen Land brĂ€uchte es durchgĂ€ngige, breite und sichere Radwege sowie eine konsequente Verkehrsberuhigung.
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