Milliarden, Menschen

3,4 Milliarden Menschen haben neurologische Beschwerden

17.03.2024 - 04:22:17 | dpa.de

Neurologische Beschwerden sind einer neuen Studie zufolge mittlerweile weltweit die Hauptursache fĂŒr Krankheit und Behinderung - mit Unterschieden zwischen LĂ€ndern und zwischen den Geschlechtern.

Die Fallzahlen fĂŒr Erkrankungen des Nervensystems sind weltweit deutlich gestiegen. - Foto: Lino Mirgeler/dpa

Weltweit leiden 3,4 Milliarden Menschen an neurologische Beschwerden - das sind 43 Prozent der Menschheit. Zu diesem Ergebnis kommt die neueste Veröffentlichung der Studienserie «Global Burden of Disease» mit Blick auf das Jahr 2021. Der Analyse zufolge haben SchlaganfÀlle, HirnschÀdigungen bei Neugeborenen, MigrÀne, Demenzerkrankungen und NervenschÀden durch Diabetes am stÀrksten zur globalen Last durch neurologische Erkrankungen beigetragen. Die Studie mit Jaimie Steinmetz von der University of Washington in Seattle als Hauptautorin ist im Fachjournal «The Lancet Neurology» erschienen.

Insgesamt seien die Fallzahlen fĂŒr Erkrankungen des Nervensystems seit 1990 weltweit um 59 Prozent gestiegen, wird Steinmetz in einer Mitteilung des Fachjournals zitiert. Die internationale Autorengruppe wertete wissenschaftliche Studien aus, die zwischen Januar 1980 und Oktober 2023 zu diesem Thema erschienen sind. FĂŒr den Zeitraum 1990 bis 2021 wurden zudem Entwicklungstendenzen bei einzelnen Krankheiten analysiert.

Verlorene, gesunde Lebensjahre

Eine Kernmethode der Studien zum «Global Burden of Disease» ist das Daly-Konzept. Daly steht fĂŒr «disability-adjusted life years», zu Deutsch etwa: «verlorene gesunde Lebensjahre». Dabei werden die Jahre, die ein Mensch durch eine Krankheit behindert oder eingeschrĂ€nkt ist, sowie krankheitsbedingte Tode einem fiktiven gesunden Leben bis zum Alter der Lebenserwartung gegenĂŒbergestellt. Wie die aktuelle Arbeit beschreibt, ist die Anzahl der Dalys durch 37 berĂŒcksichtigte neurologische Krankheiten von 375 Millionen im Jahr 1990 auf 443 Millionen Jahre 2021 gestiegen.

Allerdings ist die Weltbevölkerung in dieser Zeit gewachsen und durchschnittlich Ă€lter geworden. Wenn dies statistisch berĂŒcksichtigt wird, sind die durch neurologische Erkrankungen verursachten Dalys seit 1990 um 27 Prozent und die TodesfĂ€lle um 34 Prozent zurĂŒckgegangen - eine Entwicklung, die sich mit Blick auf einzelne Krankheiten sehr unterschiedlich darstellt. So sind mit der globalen Ausbreitung von Diabetes die mit der Krankheit verbundenen NervenschĂ€digungen im Untersuchungszeitraum um 92 Prozent gestiegen. Auch neurologische Erkrankungen durch Sepsis bei Neugeborenen (+ 70 Prozent) und Malaria (+ 54 Prozent) sind deutlich hĂ€ufiger geworden. Andererseits sind die Dalys durch SchlaganfĂ€lle (- 39 Prozent), Meningitis oder HirnhautentzĂŒndung (- 62 Prozent), Tollwut (- 70 Prozent) und Tetanus (- 93 Prozent) erheblich zurĂŒckgegangen.

Ungleiche Verteilung in der Welt

Ein weiterer Befund der Arbeit: Die neurologischen Krankheitslasten sind in der Welt sehr ungleich verteilt. Am geringsten sind sie in einkommensstarken LĂ€ndern im Asien-Pazifik-Raum, etwa Japan und SĂŒdkorea, sowie Australien und Neuseeland, am grĂ¶ĂŸten in West- und Zentralafrika. Der weltweite Durchschnitt liegt bei 5637,6 Dalys und 139 TodesfĂ€llen pro Jahr und 100.000 Menschen. Deutschland steht mit 3299,4 Dalys und 71,7 TodesfĂ€llen pro Jahr und 100.000 Menschen deutlich besser da. Hier wirkt sich vermutlich die bessere medizinische Versorgung im Vergleich zu weiten Teilen der Welt aus.

«Der Gesundheitsverlust durch Krankheiten des Nervensystems betrifft viele der Ă€rmsten LĂ€nder ĂŒberproportional, was teilweise auf die höhere Verbreitung von Erkrankungen bei Neugeborenen und Kindern unter fĂŒnf Jahren zurĂŒckzufĂŒhren ist», sagt Tarun Dua von der Weltgesundheitsorganisation (WHO), eine weitere Autorin der Studie. Denn viele der erstmals betrachteten Krankheiten betreffen vor allem Kinder, deren FĂ€lle etwa 18 Prozent der neurologischen Erkrankungen weltweit ausmachen. Die gravierendsten Erkrankungen waren dabei HirnschĂ€digungen bei Neugeborenen, Meningitis und SchĂ€digungen des Neuralrohrs.

Geschlechtsspezifische Unterschiede

Auch zwischen den Geschlechtern sind die HÀufigkeiten der neurologischen Erkrankungen ungleich verteilt. WÀhrend von Covid-19, Multipler Sklerose und MigrÀne erheblich mehr Frauen als MÀnner betroffen sind, ist es bei der Aufmerksamkeitsdefizit-/HyperaktivitÀtsstörung, bei traumatischen HirnschÀdigungen und bei der Autismus-Spektrum-Störung genau umgekehrt.

In der Studie wird auch auf mehrere beeinflussbare Risikofaktoren fĂŒr potenziell vermeidbare neurologische Erkrankungen eingegangen. Durch Beseitigung der wichtigsten Risikofaktoren - vor allem hoher Blutdruck und Luftverschmutzung - könnten so etwa bei SchlaganfĂ€llen bis zu 84 Prozent der Dalys vermieden werden.

«Neurologische Erkrankungen verursachen großes Leid fĂŒr die betroffenen Menschen und Familien und berauben Gemeinschaften und Volkswirtschaften ihres Humankapitals», kommentierte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus die Ergebnisse in einer Mitteilung. «Diese Studie sollte ein dringender Aufruf zum Handeln sein, um gezielte Interventionen zu verstĂ€rken, damit die wachsende Zahl von Menschen mit neurologischen Erkrankungen Zugang zu der qualitativ hochwertigen Pflege, Behandlung und Rehabilitation erhĂ€lt, die sie benötigt.»

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