EM-Spielorte rechnen mit deutlich mehr Prostitution
15.06.2024 - 06:17:31 | dpa.deErst ins Stadion, dann ins Bordell? Polizei, Stadtverwaltungen und die Sexarbeitenden rechnen mit einer höheren Nachfrage von Prostitution zur FuĂball-Europameisterschaft.
Allerdings variieren die EinschĂ€tzungen, wie hoch diese ausfallen dĂŒrfte. Keinen «riesengroĂen Ansturm» der Freier, aber einen leichten Anstieg der Nachfrage erwartet Kolja-AndrĂ© Nolte vom Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen in Köln, nach eigenen Angaben mit fast 1000 Mitgliedern gröĂter Verband seiner Art in Europa. «Wir verzeichnen bei unseren Mitgliedern keine Angst vor Ăberforderung, sondern eher eine Vorfreude auf ein paar mehr Kunden wĂ€hrend der EM.»
Mehr Zulauf fĂŒr Bordell- und Hotelprostitution
DafĂŒr rechnet die Frankfurter Polizei mit einem signifikanten Anstieg der Zahl von Prostituierten in der Stadt. «Die Zunahme wird sich maĂgeblich auf die Bordell- und insbesondere die Hotelprostitution auswirken», sagte ein Sprecher.
«Die StraĂenprostitution ist in Frankfurt seit jeher deutlich unterreprĂ€sentiert.» Zudem habe das Konzept Laufhaus grundsĂ€tzlich an AttraktivitĂ€t fĂŒr die Prostituierten verloren. Vielmehr bestehe weiterhin der pandemiebedingte Trend weg von organisierten Strukturen wie Bordelle oder Saunaclubs hin zu privateren Angeboten wie Escortservice, Hotels oder Terminwohnungen.
Die fĂŒr die Prostitution, vornehmlich auf der StraĂe, zustĂ€ndige Stadtpolizei - eine eigene Einheit neben der Frankfurter Polizei -, hat zwar keine Erkenntnisse, dass sich viele Prostituierte angekĂŒndigt hĂ€tten. «Es ist aber natĂŒrlich so, dass wir damit rechnen», sagte Leiter Matthias Heinrich. Man kenne das von anderen groĂen Events oder groĂen Messen. «Das ist ganz klar, dass das solche Dinge nach sich zieht».
Auch in Dortmund wird mit einer «hohen Auslastung der hier ansÀssigen Bordelle» gerechnet, so Pressereferent Christian Stein. Und die Stadt Stuttgart geht davon aus, dass mehr Prostituierte ihre Dienste anbieten werden - um einer erhöhten Nachfrage gerecht zu werden.
Gemeldete Prostituierte dĂŒrfen in ganz Deutschland arbeiten
PrĂ€zise Prognosen etwa auf Basis der amtlichen Registrierungen von Sexarbeitenden können die StĂ€dte nicht abgeben - «da die Anmeldungen nichts ĂŒber den tatsĂ€chlichen Arbeitsort der Prostituierten aussagen», erklĂ€rt die Stadt DĂŒsseldorf.
«Nach erfolgter Anmeldung ist eine TÀtigkeit im ganzen Bundesgebiet möglich. Viele Prostituierte wechseln stÀndig zwischen mehreren Einsatzorten.» Auch in der Stadtverwaltung der Nachbarstadt gehe man davon aus, «dass ein möglicherweise kurzfristig erhöhtes Angebot an sexuellen Dienstleistungen in Köln nicht anhand der Anmeldezahlen abzulesen sein wird».
Eine Hausnummer nennt hingegen John Heer, Vorstandsvorsitzender des Verbandes deutscher LaufhĂ€user, fĂŒr Stuttgart, wo er ein Laufhaus im Rotlichtviertel betreibt: SchĂ€tzungsweise 30 bis 40 Frauen arbeiten wĂ€hrend des Turniers zusĂ€tzlich in der Stadt. «Aber wir bewegen uns dann natĂŒrlich wieder im Bereich der illegalen Prostitution», so Heer. Zum Vergleich: Die Stadt schĂ€tzt, dass sich sonst tĂ€glich rund 400 Menschen als Prostituierte in Stuttgart betĂ€tigen, vor allem Frauen.
Die Sorge ist da, dass auch Zwangsprostitution in groĂer Zahl stattfindet. Es werde im Ausland in einschlĂ€gigen Artikeln dafĂŒr geworben, «wie einfach und legal es ist, in Deutschland Frauen zu kaufen», sagte die frauenpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion und GrĂŒnderin des Parlamentskreises Prostitution und Pornografie, Leni Breymaier, kĂŒrzlich der «Rheinischen Post». Und weiter: «Wir können davon ausgehen, dass die Nachfrage auch wĂ€hrend der Europameisterschaft nicht durch Freiwillige gedeckt werden kann und es deshalb noch mehr Zwangsprostitution geben wird.»
Verband: GroĂe Messen sind besser fĂŒrs GeschĂ€ft als FuĂball
Wie schwer die Sexarbeit und die Zahl der darin freiwillig und vor allem unfreiwillig TĂ€tigen zu greifen ist, zeigen auch Diskussionen, die nun zum Turnierbeginn 2024 hochkochen mit Verweis auf die Weltmeisterschaft in Deutschen im Jahr 2006: Eine mittlere fĂŒnfstellige Zahl Zwangsprostituierte soll damals in Deutschland tĂ€tig gewesen sein.
Der Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen entgegnet allerdings: «Weder vor noch nach der Weltmeisterschaft 2006 fand eine nennenswerte Zunahme von Menschenhandel in Deutschland statt. Die «40.000 Opfer» gab es schlicht nicht.» Hinter den Falschmeldungen wĂŒrden BefĂŒrworter eines grundsĂ€tzlichen Verbots der Prostitution stecken.
Verbandssprecher Nolte erlĂ€utert, dass groĂe Messen sogar grundsĂ€tzlich besser fĂŒr das GeschĂ€ft seien als FuĂballspiele. Denn obwohl viele Fan-Gruppen aus MĂ€nnern bestehen, seien sich diese untereinander meist nicht so vertraut, um sich zu entscheiden, kollektiv ein Bordell aufzusuchen. Messen seien mit vielen allein reisenden MĂ€nnern und viel Zeit am Abend deutlich besser fĂŒr das Gewerbe.
Auch bei der Beratungsstelle fĂŒr Prostituierte in Stuttgart gehe man nicht davon aus, dass mehr Prostituierte zur EM in die Stadt kommen werden, sagte Sachgebietsleiterin Christine Winzer. Zwar gebe es kaum verlĂ€ssliche Zahlen, doch: «Die Kolleginnen sagen: FuĂball und Prostitution passt nicht zusammen.» Die MĂ€nner kĂ€men schlicht zum FuĂball gucken.
Mehr Testmöglichkeiten und AufklÀrung
Köln aber wird seine Streetworker vermehrt losschicken und unter anderem das Gesundheitsamt DĂŒsseldorf wird seine Testangebote fĂŒr sexuell ĂŒbertragbare Infektionskrankheiten an Spieltagen deutlich erweitern. Die Frankfurter Stadtpolizei plant, mit Streifen gegen StraĂenprostitution vorzugehen, die auĂerhalb der dafĂŒr vorgesehenen Toleranzzonen stattfindet.
Und aus Dortmund heiĂt es: «Um gerade auch die Frauen zu schĂŒtzen, sind Veranstaltungen und AufklĂ€rungskampagnen von ortsansĂ€ssigen Organisationen sowie dem Gesundheitsamt geplant.» Der Bundesverband Nordisches Modell, der sich unter andere fĂŒr die Beseitigung der Benachteiligung von Frauen in der Prostitution einsetzt, hat eine Kampagne initiiert: «#RoteKartefĂŒrFreier - fĂŒr eine EM ohne Sexkauf». Sie appelliere an MĂ€nner und potenzielle Freier, «Fan zu sein, aber kein Freier zu werden».
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