Gewalt in Stade: «Was die gesehen haben, hinterlÀsst Spuren»
29.06.2026 - 21:18:04 | dpa.deNach den tödlichen SchĂŒssen in einer Jugendhilfeeinrichtung im niedersĂ€chsischen Stade kommen erste Details zum mutmaĂlichen TĂ€ter und seinem Motiv ans Licht. Hintergrund der Tat war vermutlich ein Sorgerechtsstreit, wie die LĂŒneburger PolizeiprĂ€sidentin Kathrin Schuol auf einer Pressekonferenz sagte. Beim VerdĂ€chtigen handelt es sich demnach um einen in Deutschland geborenen, 45-jĂ€hrigen Mann mit tĂŒrkischen Wurzeln aus dem Raum Hannover.Â
Der mutmaĂliche TĂ€ter hatte den Angaben nach in der Einrichtung einen Termin bezĂŒglich des Sorgerechts fĂŒr seine drei Monate alte Tochter - zusammen mit vielen seiner Opfer. Das Kind und die Mutter sind allerdings nicht unter den insgesamt sechs Toten.
Gegen den Mann lĂ€gen polizeiliche Erkenntnisse vor, unter anderem aus dem Bereich der Bedrohung, fĂŒhrte Schuol am Abend aus. Sie betonte aber, er habe bislang nicht als «absolut gewalttĂ€tig» im polizeilichen System gegolten. Die Polizei hatte den mutmaĂlichen SchĂŒtzen bereits am Nachmittag festgenommen.
Nach Angaben eines Sprechers der Staatsanwaltschaft wurde bisher kein Haftbefehl fĂŒr den Mann erlassen. Es sei noch offen, ob und wann dieser am Dienstag beantragt werde. Das hĂ€nge von den weiteren Ermittlungsergebnissen der Polizei ab.Â
Die Polizei hat ein Hinweisportal eingerichtet. Ăber eine Website können Zeuginnen und Zeugen Hinweise sowie Fotos oder Videos direkt an die Ermittlerinnen und Ermittler ĂŒbermitteln, wie die Polizei mitteilte. «Jeder Hinweis kann fĂŒr die laufenden Ermittlungen von Bedeutung sein.»
MutmaĂlicher TĂ€ter flĂŒchtete zunĂ€chst
Gegen 12.00 Uhr waren mehrere Notrufe bei der Leitstelle eingegangen. Der mutmaĂliche TĂ€ter floh offiziellen Angaben zufolge zunĂ€chst als Beifahrer in einem Auto, das von einer Frau gesteuert wurde. PolizeikrĂ€fte hĂ€tten den Wagen verfolgt und SchĂŒsse abgegeben. Diese hĂ€tten möglicherweise zu platten Reifen beim Tatfahrzeug gefĂŒhrt, schilderte der PolizeivizeprĂ€sident der Polizeidirektion LĂŒneburg, Jörg Wesemann.
SchlieĂlich wurden der VerdĂ€chtige und die Fahrerin festgenommen. Die Frau habe eine enge Verbindung zur Familie des Mannes, sagte Schuol.Â
Man ermittele derzeit auf Hochtouren. Wesemann kĂŒndigte zudem an, dass wahrscheinlich eine Mordkommission eingerichtet werde.
Alle Todesopfer waren Mitarbeiter der Jugendeinrichtung
Insgesamt sind nach der Gewalttat sechs Erwachsene tot. Die Opfer sind nach Angaben von Schuol alle Mitarbeiter der Jugendeinrichtung. Wie die Polizei zuvor bereits mitteilte, starben fĂŒnf Erwachsene vor Ort, eine sechste Person erlag im Krankenhaus ihren Verletzungen. Unter den Opfern sind laut Schuol vier Frauen und zwei MĂ€nner. Weitere Menschen sind verletzt, zum Teil schwer.Â
Die Tatwaffe sei von der Polizei sichergestellt worden, erklĂ€rte Schuol. Unklar ist noch, wie der mutmaĂliche TĂ€ter an die Waffe gekommen ist. Er habe jedenfalls keine waffenrechtliche Erlaubnis zum FĂŒhren der Waffe gehabt, so die PolizeiprĂ€sidentin.
Neben der weiteren Ermittlungen betonte Schuol auch die Bedeutung der Betreuung der Angehörigen und Betroffenen. «Allen Angehörigen möchte ich an dieser Stelle noch einmal mein tiefes Beileid aussprechen», erklĂ€rte sie. Neben den getöteten Opfern gebe es auch weitere Opfer, «die im weitesten Sinne sekundĂ€r betroffen sind und traumatisiert sind». Sie bezog sich dabei etwa auf weitere beteiligte Menschen vor Ort, wie die polizeilichen EinsatzkrĂ€fte, die Leitstelle und den eingesetzten Rettungsdienst und die Ărzte und Pfleger. «Auch hier gilt unser ausdrĂŒckliches MitgefĂŒhl und wir sind alle in Gedanken bei allen Personen.»
Wesemann betonte, dass auch die eigenen PolizeikrĂ€fte zeitnah betreut wĂŒrden. «Denn was die gesehen haben, hinterlĂ€sst Spuren, auch bei den erfahrensten Beamten.»
«KaltblĂŒtige» Tat
Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens (SPD) sprach auf der Pressekonferenz von einer «kaltblĂŒtigen» Tat. Sie bezeichnete die Tat zudem als singulĂ€ren Fall. Es gebe keine Verbindungen zu anderen Bereichen. In der Stadt westlich von Hamburg hatten zuletzt im vergangenen Jahr Ausschreitungen zwischen zwei GroĂfamilien bei einem Mordprozess fĂŒr Schlagzeilen gesorgt.
Dieser Fall habe nichts mit frĂŒheren FĂ€llen zu tun, sagte die SPD-Politikerin am Abend und betonte: «Ich bin mir sicher, dass diese schreckliche Tat Stade lange beschĂ€ftigen wird. Und sie wird auch Spuren hinterlassen.»
