LGBTQ+, Homophobie

So viele Prides wie noch nie - und mehr sichtbare Hassgewalt

27.08.2023 - 08:16:29 | dpa.de

Spitze bei der Anzahl und den Teilnehmenden, aber auch bei den Übergriffen gegen sie: Die Christopher Street Days, deren Saison 2023 bald endet, zeigen ein zwiespĂ€ltiges Bild der deutschen Gesellschaft.

«The first pride was a riot» steht auf diesem Transparent beim Pride-Demonstrationszug durch Bremen. - Foto: Focke Strangmann/dpa

So viele Pride-Veranstaltungen und Pride-Besuchende wie 2023 sind in Deutschland noch nie gezĂ€hlt worden. Mehr als 140 Veranstaltungen zĂ€hle man dieses Jahr, teilt der Verein CSD Deutschland als Dachverband der Gruppen und Vereine mit, die Christopher Street Days organisieren. Doch kaum einer verging ohne Meldungen ĂŒber Gewalt gegen Teilnehmende, Handgreiflichkeiten, Pöbeleien, Anfeindungen. Die großen CSDs waren im Juli und August. Im September und sogar Oktober folgen noch welche, meist eher kleinere.

«Ende des Jahres werden es an die vier Millionen Menschen gewesen sein, die durch die CSDs direkt mobilisiert wurden. Das ist die höchste Zahl, die wir jemals erreicht haben», sagt Vorstandsmitglied und Pressesprecher Kai Bölle. Drei dieser vier Millionen verfolgten demnach die Demos am Rande oder hörten sich die Kundgebungen an, eine Million Menschen werden aktiv teilgenommen haben.

Erfolgsgeschichte mit Schattenseiten

Der CSD-Deutschland-Verein zÀhlt 76 CSD-Organisationen als Mitglieder. Vor 20 Jahren gab es nach seinen Angaben etwa 30 CSDs in Deutschland, vor 10 Jahren dann etwa 50. «Was wie eine reine Erfolgsgeschichte klingt, kommt jedoch auch mit Schattenseiten daher», betont Bölle. «Wir registrieren zunehmend offene Gewalt auch direkt im Umfeld von CSDs oder im Zuge des Rahmenprogramms.»

Auch der Queer-Beauftragte der Bundesregierung, Sven Lehmann (GrĂŒne), zeigte sich kĂŒrzlich beunruhigt: «Zunehmend gibt es auch Übergriffe im Rahmen von CSDs.» Angeheizt von gezielten Kampagnen richte sich Gewalt gegen sichtbares queeres Leben und solle einschĂŒchtern.

1400 Straftaten allein vergangenem Jahr

Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) sagte: «Die Zunahme an queerfeindlichen Straftaten in den vergangenen Jahren ist erschreckend. Allein im vergangenen Jahr hat die Polizei mehr als 1400 Straftaten registriert. Zudem mĂŒssen wir von einer hohen Dunkelziffer ausgehen, viele Betroffene zeigen Straftaten nicht an.»

Strittig bis in die Community hinein ist immer wieder, aus welchem gesellschaftlichen Milieu die TĂ€ter bei antiqueerer Hassgewalt hauptsĂ€chlich kommen. Außerdem wird oft darĂŒber spekuliert, ob nur deshalb mehr ZwischenfĂ€lle passierten, weil auch mehr Veranstaltungen mit eben viel mehr Menschen stattfinden als frĂŒher.

Die TĂ€ter sind meistens MĂ€nner

Dass es mehr registrierte VorfĂ€lle gebe, komme auch von gestiegener SensibilitĂ€t, heißt es vom Verein CSD Deutschland. Doch Homo- und Transphobie stecke tief in den Köpfen vieler BĂŒrgerinnen und BĂŒrger. Und diese Ablehnung werde derzeit von Hetzkampagnen gezielt aktiviert, sagt Bölle. TĂ€ter seien meist MĂ€nner. Oft werde behauptet, CSDs verstĂ€rkten eine sogenannte LGBT-Ideologie. «Das ist ein Mittel der Umkehr. Denn um Ideologie geht es eben gerade diesen Akteuren.»

Die Bezeichnung CSD geht auf Ereignisse im Jahr 1969 in New York zurĂŒck: Polizisten stĂŒrmten damals die Bar «Stonewall Inn» in der Christopher Street und lösten einen mehrtĂ€gigen Aufstand von Trans-Personen, Schwulen und Lesben aus - der Beginn einer Bewegung.

DafĂŒr steht LGBTIQ+

Heute werden oft AbkĂŒrzungen wie LGBTIQ+ (auf Deutsch seltener LSBT und Ähnliches) benutzt, was fĂŒr Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans-Menschen, intergeschlechtliche Personen, queere Menschen steht, wobei Pluszeichen oder Sternchen als Platzhalter fĂŒr weitere IdentitĂ€ten gedacht sind. Als queer bezeichnen sich Menschen, die sich nicht mit dem traditionellen Rollenbild von Mann und Frau oder anderen Normen rund um Geschlecht und SexualitĂ€t identifizieren.

«Vor allem auf dem Land ist die Zahl der CSDs stark angestiegen. Die PrĂ€senz und Sichtbarkeit in der FlĂ€che ist von besonderer Bedeutung», sagt Bölle. In Bayern zum Beispiel seien neben die langjĂ€hrigen Veranstaltungen in MĂŒnchen und NĂŒrnberg mehr als 25 weitere CSDs ins Leben gerufen worden. Gerade in kleineren StĂ€dten sei Sichtbarkeit wichtig. Dort, wo es lange keine oder nur wenige SchutzrĂ€ume gegeben habe, wo man eben in die großen StĂ€dte gefahren sei, um seine IdentitĂ€t leben zu können, gebe es mehr und mehr Engagierte, die das Ă€ndern und sich eben in ihrer Heimat wohl und sicher fĂŒhlen wollten.

Über eine Million Teilnehmer in Köln

«Das Ausweichen auf die AnonymitĂ€t und damit Sicherheit von Köln, Berlin, Hamburg oder MĂŒnchen wird als Last statt als Alternative bewertet. Was es ja auch ist. Ein Ausweichen und FlĂŒchten», sagt Bölle. Beeindruckende Zahlen aus Hamburg, Köln und Berlin mit jeweils um die 65.000 Demonstranten und mehreren Hunderttausend Besucherinnen und Besucher - in Köln gar ĂŒber einer Million - seien wichtig und medienwirksam. «Doch die meisten CSDs bringen eben auf dem Land eher jeweils um die 2500 Menschen auf die Straße.»

AuffĂ€llig ist die deutlich breitere Beteiligung - etwa von Kommunen (Verwaltungen), Kirchengemeinden, Amateur- und Profisportvereinen, Feuerwehren und Rettungsdiensten, Unternehmen und sogar der Polizei, wie es vom Verein CSD Deutschland heißt. «Sogar» bezieht sich hier auf die Tatsache, dass es gerade in Deutschland historisch bedingt in der queeren Szene hĂ€ufig Vorbehalte gegenĂŒber der Polizei gibt.

Bis 1994 galt HomosexualitÀt in Deutschland als strafbar

Bis vor knapp 30 Jahren galt HomosexualitÀt in Deutschland unter UmstÀnden als strafbar. Der mehr als 100 Jahre alte Paragraf 175 des Strafgesetzbuchs wurde erst 1994 offiziell gestrichen.

Heute seien es meist LGBTIQ* in den jeweiligen Organisationen, die dort Netzwerke bildeten und dann die Teilnahme ihres Arbeitgebers, Vereins oder Gemeinwesens bei einem CSD initiierten, berichtet der Dachverband. Dass das dann aber zugelassen und unterstĂŒtzt werde, sei ein wichtiges Zeichen. «LGBTIQ werden immer eine Minderheit sein und sind damit darauf angewiesen, dass die Zivilgesellschaft sich fĂŒr sie als Minderheit mit einsetzt.»

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