Viele Fragen nach Tragödie: Warum starb ein Kind in Auto?
18.06.2026 - 12:45:22 | dpa.deNach dem Tod eines kleinen MĂ€dchens in einem Auto gerĂ€t die Mutter ins Visier der Ermittler. Sie soll ihr Kind im Wagen vergessen haben. Trauer, Entsetzen und Fassungslosigkeit sind nach dem Fund des Kindes im baden-wĂŒrttembergischen Schorndorf groĂ. Aber die UmstĂ€nde, unter denen das MĂ€dchen starb, werfen noch viele Fragen auf.
Erste Antworten erhoffen sich die Ermittler von der Obduktion der Leiche am Freitagmorgen. Dabei könnten Erkenntnisse zu den TodesumstĂ€nden gewonnen werden, sagte ein Polizeisprecher auf Anfrage. GeklĂ€rt werden muss unter anderem, ob Austrocknung, Ăberhitzung oder andere medizinische Faktoren den Tod verursacht haben könnten.
Mutter wurde noch nicht vernommen
Gegen die Mutter des etwa 20 Monate alten MĂ€dchens wird wegen des Verdachts der fahrlĂ€ssigen Tötung ermittelt. Sie hat nach Angaben der Polizei einen Rechtsbeistand beantragt und wurde bisher nicht vernommen. «Bislang ist nicht sicher, ob und in welcher Form sich die Mutter Ă€uĂern wird», sagte der Polizeisprecher. Die 44-JĂ€hrige sei auf freiem FuĂ.Â
Sie soll das Kleinkind am Mittwoch ĂŒber Stunden im Wagen vergessen haben. Erst am Nachmittag entdeckte die Frau demnach ihre leblose Tochter. Nach Polizeiangaben hatten ein Notarzt und der Rettungsdienst nach dem Fund unverzĂŒglich versucht, das Kind wiederzubeleben. Die EinjĂ€hrige starb dennoch an Ort und Stelle.Â
Forschung kennt das PhÀnomen
«Es ist jetzt elementarer Bestandteil der Ermittlungen, den Tag zu rekonstruieren», sagte der Polizeisprecher. Wie die Staatsanwaltschaft machte er keine Angaben zur Frage, wie die Mutter ihr Kind vergessen konnte und wo sie sich aufhielt, wĂ€hrend das MĂ€dchen allein im Auto saĂ.Â
Dass Eltern ihre Kinder im Auto vergessen, ist kein Einzelfall â Forscher haben dafĂŒr sogar einen Begriff. Sie sprechen vom Vergessenes-Baby-Syndrom. Laut dem US-amerikanischen Psychologieprofessor David M. Diamond, der sich mit dem Syndrom intensiv beschĂ€ftigt, können Stress, Schlafmangel oder verĂ€nderte Routinen das Vergessen auslösen. Im Gehirn entstehe eine falsche Erinnerung, weil Routinehandlungen wie etwa die Fahrt zur Arbeit quasi per Autopilot absolviert wĂŒrden.
Umfassende Zahlen dazu gibt es nicht. Aber alleine in den USA sterben nach Angaben der US-Informationsplattform «No Heat Stroke» Jahr fĂŒr Jahr durchschnittlich mehr als 37 Kinder an einem Hitzeschlag, weil sie vergessen wurden. Die Plattform stĂŒtzt sich auf die Auswertung von Medienberichten, denn Behörden fĂŒhren weder in den USA noch in anderen LĂ€ndern exakte Statistiken zum Vergessenes-Baby-Syndrom.Â
Schock und auch VerstÀndnis
Die Nachricht trifft viele Menschen in Schorndorf tief. «Ich verstehe nicht, dass es immer noch Leute gibt oder dass es sich noch nicht herumgesprochen hat, dass man so etwas bei diesen Temperaturen einfach nicht macht. Man lĂ€sst ein Kind ĂŒberhaupt nicht allein im Auto», sagt eine junge Frau. Eine andere stimmt zu: «Ich habe selbst Kinder und Enkel. So etwas geht gar nicht», sagt die 82-JĂ€hrige. «Schon fĂŒr einen selbst ist die Hitze zu viel. Und dann die Vorstellung, auszusteigen und das Kind im Auto zu lassen â da hakt es bei mir schon.»
Eine weitere denkt auch an die RettungskrÀfte: «Ich frage mich, wie es den SanitÀtern geht», sagt sie. «Die hatten diesen leblosen Körper vor sich liegen und konnten nichts mehr machen. Das muss sie doch auch unheimlich beschÀftigen. Mir geht das sehr nach.»
SanitÀter: «Unter Stress denkt man manchmal an nichts»
Es gibt aber auch Versuche, VerstĂ€ndnis fĂŒr die Mutter zu haben: «Ich bin gelernter Kinderkrankenpfleger. Mir ist das nicht unbekannt», sagt Dietmar Alsleben. NatĂŒrlich sei ein solcher Fall schwer nachzuvollziehen. «Aber ich sehe das etwas anders: Unter Stress denkt man manchmal an nichts», gibt er zu bedenken.Â
Er erinnere sich an den Fall eines Vaters, der sein Kind im Auto vergaĂ, als er es eigentlich in den Kindergarten bringen sollte. «Das kann im Alltag schon passieren», sagt Alsleben. «Viele Leute sind so in ihren Alltag eingebunden, mit sich selbst oder anderen Dingen beschĂ€ftigt, dass so etwas passiert.»
