Berlin, Deutschland

Neue Wendung in Berliner Streusalz-Krimi

04.02.2026 - 15:14:46 | dpa.de

Wetterkapriolen, politisches Hick-Hack und das Machtwort eines Gerichts. Die Berliner Winterkrise nimmt kein Ende. Und neue GlÀtte droht.

  • Der Winter hat Berlin seit lĂ€ngerem fest im Griff. - Foto: Sebastian Gollnow/dpa
  • An vielen Stellen in Berlin ist es weiter sehr glatt. - Foto: Britta Pedersen/dpa
  • In Berlin ist der Einsatz von Streusalz auf Straßen erlaubt, nicht jedoch auf Gehwegen. - Foto: Christophe Gateau/dpa
  • Die Berliner Stadtreinigung (BSR) hat mit dem Winterdienst alle HĂ€nde voll zu tun. - Foto: Sebastian Christoph Gollnow/dpa
Der Winter hat Berlin seit lĂ€ngerem fest im Griff.  - Foto: Sebastian Gollnow/dpa An vielen Stellen in Berlin ist es weiter sehr glatt.  - Foto: Britta Pedersen/dpa In Berlin ist der Einsatz von Streusalz auf Straßen erlaubt, nicht jedoch auf Gehwegen.  - Foto: Christophe Gateau/dpa Die Berliner Stadtreinigung (BSR) hat mit dem Winterdienst alle HĂ€nde voll zu tun.   - Foto: Sebastian Christoph Gollnow/dpa

Seit mehr als einer Woche staunt die Republik ĂŒber Berlins Irrungen und Wirrungen im Kampf gegen Eis und GlĂ€tte - nun gibt es in der Winterkrise eine neue Wendung. Auf Betreiben des Naturschutzbundes (Nabu) entschied das Verwaltungsgericht Berlin, dass der private Einsatz von Streusalz auf glatten Gehwegen und PlĂ€tzen ab sofort wieder verboten ist. 

Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU) hatte die Ausnahme von dem aus UmweltgrĂŒnden geltenden Salzverbot erst am vergangenen Freitag erlaubt, um Gefahr fĂŒr Leib und Leben abzuwenden, wie es damals hieß. Denn Berlins KrankenhĂ€user sind seit mehr als einer Woche voller Menschen, die auf glatten Wegen ausgerutscht sind und sich dabei verletzt haben. 

Keine Rechtsgrundlage

Die Richter entschieden jedoch, Bondes sogenannte AllgemeinverfĂŒgung, nach der nun ein paar Tage lang auch Privatpersonen Salz streuen durften, entbehre jeder rechtlichen Grundlage. Ausnahmen vom Verbot des flĂ€chendeckenden Einsatzes von Tausalz mĂŒssten in einem Gesetz geregelt werden. 

Außerdem habe eine schriftliche BegrĂŒndung gefehlt, warum die Streusalzgenehmigung fĂŒr Privatpersonen unmittelbar gelten sollte. Gegen den Beschluss kann das Land Beschwerde beim Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg erheben.

Bonde habe mit der Entscheidung versucht, geltendes Recht außer Kraft zu setzen, erklĂ€rte die Berliner Nabu-GeschĂ€ftsfĂŒhrerin Melanie von Orlow. «Ein pauschales Abweichen vom gesetzlichen Streusalzverbot ohne tragfĂ€hige rechtliche Grundlage ist inakzeptabel und hĂ€tte einen gefĂ€hrlichen PrĂ€zedenzfall geschaffen.» 

Kritik an Gerichtsentscheidung

Einige Politiker kritisierten den Beschluss. «Dass das körperliche Wohl – nach unzĂ€hligen Verletzten in der Bundeshauptstadt – hintansteht, ist verrĂŒckt», postete FDP-Chef Christian DĂŒrr auf X. Berlins AfD-Fraktionschefin Kristin Brinker erklĂ€rte, alte Leute dĂŒrften sich nach Ansicht des Gerichts «den Hals brechen», weil die Gesundheit von BĂ€umen wichtiger sei als ihre. GrĂŒne und Linke werteten die Entscheidung als weiteren Beleg fĂŒr ein Versagen des schwarz-roten Senats im Winterchaos. 

Unterschiedliche ZustÀndigkeiten

In Berlin ist die Berliner Stadtreinigung (BSR) fĂŒr den Winterdienst auf Straßen und Radwegen zustĂ€ndig - und setzt dabei ganz legal auch Tausalz ein. Auf Gehwegen oder PlĂ€tzen fĂ€llt SchneerĂ€umen und Streuen dagegen in die Verantwortung der EigentĂŒmer. Viele sehen diese Verpflichtung eher als nice-to-have an und kĂŒmmern sich nicht. Und die zwölf Berliner Bezirke sind bei der Durchsetzung der Regeln ĂŒberfordert. Folge: Viele Menschen trauen sich bis heute kaum vor die TĂŒre, zumal gerade neuer Schnee fiel. 

FĂŒr zusĂ€tzliche Probleme sorgte das Winterwetter bei den Verkehrsbetrieben BVG. Vereiste Oberleitungen hatten zur Folge, dass Straßenbahnen je nach Linie bis zu fĂŒnf Tage nicht fuhren. Kaum waren die Leitungen teils in mĂŒhevoller Handarbeit endlich vom Eis befreit, legte Anfang der Woche ein Warnstreik bei der BVG große Teile des restlichen Nahverkehrs lahm. Straßenbahnen fuhren wieder, nahmen aber keine FahrgĂ€ste mit: Einziges Ziel war, ein erneutes Einfrieren der Oberleitungen zu verhindern. 

Polit-Hickhack

Begleitet wurden die eiskalten Wetterkapriolen von politischen Kapriolen. Als die gefĂ€hrliche Rutschpartie nach Eisregen schon tagelang anhielt, appellierte der Regierende BĂŒrgermeister Kai Wegner (CDU) via Social Media an das Abgeordnetenhaus, den aus UmweltgrĂŒnden verbotenen Einsatz von Streusalz ausnahmsweise zu ermöglichen. Doch die nötige GesetzesĂ€nderung, die die Koalitionspartner CDU und SPD nach dem Salz-Urteil nun in das Parlament einbrachten, dĂŒrfte frĂŒhestens in einem Monat in Kraft treten. 

Verkehrssenatorin Bonde hatte am vergangenen Freitag den Salz-Einsatz per VerfĂŒgung befristet bis 14. Februar erlaubt - Wegner erklĂ€rte, er habe das «angewiesen». Nun ordnete das Gericht eine Rolle rĂŒckwĂ€rts an. Welche Auswirkungen das auf die GlĂ€tte-Krise hat, ist unklar. Denn zur Wahrheit gehört auch, dass nicht jeder Hausbesitzer gleich Speise- oder das ebenfalls von der Verkehrsverwaltung empfohlene GeschirrspĂŒlersalz verstreute.

Einsatz gegen GlÀtte abgebrochen  

Vielmehr lief am vergangenen Wochenende, rund eine Woche nach Beginn der Eiskrise, ein konzertierter Einsatz unter dem Motto «Gemeinsam gegen GlĂ€tte» an. BeschĂ€ftigte der Stadtreinigung, der Bezirke und von anderswo sollten vor allem mit Kies und manueller Enteisung dafĂŒr sorgen, dass sich Menschen wieder vor die TĂŒre trauen können ohne Rutsch- und Verletzungsgefahr. Nach SchneefĂ€llen wurde der Einsatz indes inzwischen schon wieder gestoppt - weil sich die BSR zunĂ€chst um den Winterdienst auf Straßen kĂŒmmern muss. 

Unterdessen droht in Berlin neues Chaos. Wetterdienste sagen fĂŒr die Region am Donnerstag neuen Schnee und womöglich auch Eisregen voraus. Die Linke verlangte vor diesem Hintergrund schon den Einsatz des Technischen Hilfswerkes (THW). Solche Forderungen gab es auch schon bei der letzten heftigen Winterkrise in Berlin 2010. Der damalige Regierende BĂŒrgermeister Klaus Wowereit (SPD) lehnte das mit den Worten ab: «Wir sind hier nicht in Haiti, sondern wir sind hier in Berlin.»

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