You Can See Everything fasziniert mit Elizabeth Holmes
Veröffentlicht am: 30.10.2026 um 10:10 Uhr | dpa, AD HOC NEWSHolmes vor dem Haftantritt im Kamerablick
- Elizabeth Holmes ließ die letzten Wochen vor ihrer Haftstrafe in einem Haus in San Diego filmen.
- Nathan Fielder wurde durch Holmes und Billy Evans selbst Teil der dokumentierten Gespräche.
- Der Film spielte nach zwei US-Wochenenden mehr als 50 Millionen Dollar bei sieben Millionen Dollar Budget ein.
Elizabeth Holmes wird vor Haftantritt zum Doku-Fall
Die fast dreistündige Dokumentation «You Can See Everything» über die wegen Betrugs verurteilte Unternehmerin Elizabeth Holmes sorgt in den USA für ausverkaufte Vorstellungen und Oscar-Spekulationen. Der Film startet in Deutschland am 3. Dezember und begleitet Holmes in den letzten Wochen vor ihrem Haftantritt.
Aufnahmen im Haus am Strand
Holmes und ihr Partner Billy Evans ließen die Zeit in einem gemieteten Haus am Strand von San Diego mit Kameras dokumentieren. Holmes ist Mutter von zwei kleinen Kindern und sollte eine elfjährige Gefängnisstrafe antreten.
Der Filmemacher Nathan Fielder, bekannt aus «Nathan For You» und «The Rehearsal», wurde in die Gespräche einbezogen. Ursprünglich habe er nicht selbst vor die Kamera treten wollen, sagte Fielder dem Magazin «Wired».
Theranos-Gründerin mit tiefem Fall
Holmes gründete ihr Start-up Theranos mit 19 Jahren und versprach Bluttests mit wenigen Tropfen Blut. Das Unternehmen sammelte hunderte Millionen Dollar ein, bevor Zweifel an der Technologie öffentlich wurden.
Holmes wurde wegen Betrugs an Investoren zu gut elf Jahren Haft verurteilt. Der Film stellt die Frage in den Mittelpunkt, wie ihre Aussagen, Gesten und Beziehungen einzuordnen sind.
Publikum beobachtet und deutet
Die Dokumentation arbeitet ohne klassisches Drehbuch und setzt vor allem auf Gespräche und Beobachtungen. Kameras erfassen dabei auch Gesichtsausdrücke und Körpersprache, sodass die Zuschauer selbst nach Erklärungen für das Verhalten der Beteiligten suchen.
In den USA spielte «You Can See Everything» nach zwei Wochenenden mehr als 50 Millionen Dollar ein. Das Budget habe nach Angaben des Branchenblatts «Variety» sieben Millionen Dollar betragen.
Deutscher Kinostart im Dezember
In Deutschland stießen Vorpremieren auf ungewöhnlich großes Interesse. Die Yorck-Kinogruppe teilte mit, die Vorstellungen Mitte November seien in weniger als einer halben Stunde ausverkauft gewesen.
Besonders umkämpft seien die letzten Plätze gewesen. Zugleich wird darüber spekuliert, ob der Film als erste Dokumentation überhaupt in der Oscar-Kategorie «Best Picture» statt ausschließlich bei «Best Documentary Feature Film» berücksichtigt werden könnte.
Der Film verbindet ein bekanntes Betrugsverfahren mit einer ungewöhnlichen Beobachtungssituation: Elizabeth Holmes wird nicht nur als frühere Gründerin von Theranos gezeigt, sondern in den Wochen vor ihrem Haftantritt im privaten Umfeld begleitet. Dadurch verschiebt sich der Schwerpunkt von der Aufarbeitung eines Unternehmensskandals auf die Frage, wie Menschen Verhalten, Motive und Glaubwürdigkeit deuten.
Die Faszination entsteht dabei aus der offenen Versuchsanordnung. Nathan Fielder tritt als skeptischer Gesprächspartner auf, während Holmes, ihr Partner Billy Evans und ihre Familie nicht in einem klassischen Interviewsetting erscheinen. Gesten, Pausen und Blickkontakte werden damit zu Material, das Zuschauer selbst interpretieren müssen. Gerade weil keine eindeutige Einordnung vorgegeben wird, können gegensätzliche Lesarten nebeneinander bestehen.
Vom Wirtschaftsskandal zum Kinophänomen
Der Erfolg knüpft an das anhaltende öffentliche Interesse an Holmes an. Ihre Geschichte vereint Aufstieg, technologische Heilsversprechen, den Zusammenbruch eines Unternehmens und ein Gerichtsverfahren. Der Film erweitert diesen bekannten Stoff um eine intime Perspektive und macht zugleich die Grenzen dokumentarischer Beobachtung sichtbar: Kameras halten private Situationen fest, beeinflussen aber auch das Verhalten der Beteiligten.
Für das deutsche Publikum gewinnt der Start am 3. Dezember zusätzliche Bedeutung, weil die stark nachgefragten Vorpremieren bereits vor dem regulären Kinostart auf Interesse stoßen. Sollte der Film tatsächlich in der wichtigsten Oscar-Kategorie berücksichtigt werden, würde das die Debatte über die Grenzen zwischen Dokumentarfilm und fiktionalem Kino weiter verstärken.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Der Beitrag habe den Film im Zusammenhang mit den letzten 34 Tagen vor Holmes’ Haftantritt betrachtet und den ungewöhnlichen Zugang des Dokumentarteams hervorgehoben. Damit bestätige er den privaten Beobachtungsrahmen der dpa-Meldung, setze den Schwerpunkt aber stärker auf die persönliche Kinoerfahrung und die Frage, ob sich die weite Anreise gelohnt habe.
Gemeinsam ist beiden Darstellungen die Konzentration auf Holmes’ Familie und die dokumentierte Zeit vor dem Haftantritt. Offen bleibt, wie unterschiedlich das Publikum die beobachteten Szenen bewertet und ob die ungewöhnliche Form die Oscar-Debatte tatsächlich beeinflusst.
