Rezensionen, Neuerscheinungen

Florian Illies entdeckt einen 300 Jahre alten Elon Musk

01.06.2026 - 07:00:05 | dpa.de

In «Träume aus Feuer» beschreibt der Bestseller-Autor Aufstieg und Fall des Alchimisten Johannes Kunckel am Potsdamer Hof. Ähnlichkeiten mit dem Weißen Haus von heute sind durchaus beabsichtigt.

  • Ein bevorzugtes Genre von Florian Illies: die unterhaltsam-tiefgrĂĽndige Biografie.  - Foto: Maximilian Specht/dpa
    Ein bevorzugtes Genre von Florian Illies: die unterhaltsam-tiefgrĂĽndige Biografie. - Foto: Maximilian Specht/dpa
  • Der Alchimist Johannes Kunckel von Löwenstern wirkte am Potsdamer Hof. - Foto: Ullstein Bild/dpa
    Der Alchimist Johannes Kunckel von Löwenstern wirkte am Potsdamer Hof. - Foto: Ullstein Bild/dpa
  • KurfĂĽrst Friedrich Wilhelm von Brandenburg förderte Johannes Kunckel. - Foto: Michael Setzpfandt, Berlin/Sammlung Stiftung Stadtmuseum Berlin /dpa
    Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg förderte Johannes Kunckel. - Foto: Michael Setzpfandt, Berlin/Sammlung Stiftung Stadtmuseum Berlin /dpa
  • Florian Illies erzählt in «Träume aus Feuer» die Geschichte des Alchimisten Johannes Kunckel – vom Aufstieg am Hof bis zum jähen Sturz. - Foto: Maximilian Specht/dpa
    Florian Illies erzählt in «Träume aus Feuer» die Geschichte des Alchimisten Johannes Kunckel – vom Aufstieg am Hof bis zum jähen Sturz. - Foto: Maximilian Specht/dpa
  • Statt Gold entsteht Rubinrot: Illies’ neues Buch zeigt, wie Kunckels Glas PreuĂźens Kassen fĂĽllte. - Foto: Maximilian Specht/dpa
    Statt Gold entsteht Rubinrot: Illies’ neues Buch zeigt, wie Kunckels Glas Preußens Kassen füllte. - Foto: Maximilian Specht/dpa
  • Mit «Träume aus Feuer» springt Illies in die Vergangenheit – und erzählt sie so, dass sie sich wie Gegenwart anfĂĽhlt. - Foto: Maximilian Specht/dpa
    Mit «Träume aus Feuer» springt Illies in die Vergangenheit – und erzählt sie so, dass sie sich wie Gegenwart anfühlt. - Foto: Maximilian Specht/dpa
  • Florian Illies’ «Träume aus Feuer» ist eine Parabel darĂĽber, wie aus einem gescheiterten Traum etwas Wertvolleres entstehen kann. - Foto: Maximilian Specht/dpa
    Florian Illies’ «Träume aus Feuer» ist eine Parabel darüber, wie aus einem gescheiterten Traum etwas Wertvolleres entstehen kann. - Foto: Maximilian Specht/dpa
Ein bevorzugtes Genre von Florian Illies: die unterhaltsam-tiefgründige Biografie.  - Foto: Maximilian Specht/dpa Der Alchimist Johannes Kunckel von Löwenstern wirkte am Potsdamer Hof. - Foto: Ullstein Bild/dpa Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg förderte Johannes Kunckel. - Foto: Michael Setzpfandt, Berlin/Sammlung Stiftung Stadtmuseum Berlin /dpa Florian Illies erzählt in «Träume aus Feuer» die Geschichte des Alchimisten Johannes Kunckel – vom Aufstieg am Hof bis zum jähen Sturz. - Foto: Maximilian Specht/dpa Statt Gold entsteht Rubinrot: Illies’ neues Buch zeigt, wie Kunckels Glas Preußens Kassen füllte. - Foto: Maximilian Specht/dpa Mit «Träume aus Feuer» springt Illies in die Vergangenheit – und erzählt sie so, dass sie sich wie Gegenwart anfühlt. - Foto: Maximilian Specht/dpa Florian Illies’ «Träume aus Feuer» ist eine Parabel darüber, wie aus einem gescheiterten Traum etwas Wertvolleres entstehen kann. - Foto: Maximilian Specht/dpa

Florian Illies ist der Tausendsassa des deutschsprachigen Kulturbetriebs. Er ist Herausgeber der Wochenzeitung «Zeit», Auktionator war der Journalist auch schon, kurzzeitig leitete er den renommierten Rowohlt Verlag. Und seit bald drei Jahrzehnten schreibt der 55 Jahre alte Illies Bestseller. 

Erst «Generation Golf» über seine hessische Jugend in den Siebzigern und Achtzigern, dann «1913» über den Vorabend des Ersten Weltkriegs. Mit «Zauber der Stille» über Maler Caspar David Friedrich fand der Historiker eine neue Ausdrucksform: die unterhaltsam-tiefgründige Biografie. Das bildungsbürgerliche Publikum liebt das. Seine Bücher verkaufen sich hunderttausendfach. Neben Daniel Kehlmann («Die Vermessung der Welt») ist er einer der angesagtesten deutschsprachigen Autoren unserer Zeit.

Wenn Illies schreibt, hört der Betrieb hin

Legt Florian Illies ein neues Buch vor wie jetzt mit «Träume aus Feuer», so ist das ein Ereignis in der Literaturwelt. Das Buch liefert dieses Mal sogar das Fundament für einen komplett neuen Verlag. Der Pfaueninsel Verlag ist eine Gründung des Kölner Massentitel-Konzerns Bastei Lübbe für den gehobenen Buchmarkt. 

Die Buchvorstellung findet dann auch auf der in der Berliner Havel gelegenen Pfaueninsel statt. Die ist heute ein per Fähre zu erreichendes Ausflugsziel. Über Jahrhunderte war sie Rückzugsort preußischer Fürsten und Könige. Sie bauten hier Liebesschlösser, trafen Mätressen, sammelten Wildtiere wie Löwen und Kängurus (für die dann in Berlin der Zoologische Garten gebaut wurde), siedelten 1795 auch Pfauen an. Über ein ganzes Jahrhundert verloren die Preußen jedoch auch das Interesse an ihrem Besitz. Die Pfaueninsel war vergessen. 

Die Insel der Könige - und des Vergessens

So erging es auch dem spektakulärsten Bewohner und Kurzzeitbesitzer der Insel, Johannes Kunckel (1635-1703). Die Geschichte dieses Naturphilosophen und frühen Chemikers, auch Alchimist genannt, erzählt Florian Illies in «Träume aus Feuer» auf 120 verdichteten Seiten.

Es ist die packende Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Start-up-Unternehmers. In nur zwei Jahren häuft der vom Großen Kurfürst Friedrich Wilhelm (1620-1688) an den Hof in Potsdam gerufene Kunckel ein großes Vermögen an und gründet mit der Luxus-Glasbläserei eine neue Industrie. Eigentlich soll er zwar für seinen Fürsten Gold herstellen. Das misslingt. Aber dafür brennt Kunckel Glas in wunderbarem Rubinrot und leuchtendem Kobaltblau. Mit dem Verkauf dieses Glases saniert der Kurfürst seinen maroden Haushalt und finanziert seinen barocken Lebensstil. 

Ein Alchimist, der am Gold scheitert – und am Glas reich wird

Zum Dank überhäuft der Fürst Kunckel mit Geschenken. Das wichtigste: Pfauenwerder. Zu diesem Zeitpunkt ist es nur ein verwunschenes Eiland voller Kaninchen. Kunckel lässt sich ein Laboratorium, eine Mühle und eine Glasbläserei errichten. Fortan dampft und köchelt es wie bei Kunckels großer Konkurrenz in dieser Zeit, den Glasbläsern von Murano bei Venedig. 

Illies beschreibt auch die Schattenseiten des schnellen Ruhms. Am barocken Hof, wo alle um die Gunst des Fürsten buhlen, schmieden die Kinder des Herrschers ebenso Intrigen gegen Kunckel wie die Höflinge. Unmittelbar nach dem Tod des Herrschers 1688 fällt Kunckel in Ungnade. 

Seine Werkstätten werden niedergebrannt, er muss alle Vergünstigungen zurückzahlen - eine sehr deutsche Strafe. Illies beendet sein Buch mit der Katastrophe und spart sich das versöhnliche Ende für Kunckel, der am Hof des damaligen Schwedenkönigs ein Comeback feiern darf.

Barockes Silicon Valley: Eine erstaunlich aktuelle Pointe

Der Konflikt aber ist ein sehr heutiger, wie Illies selbst auffällt. «Schon vor dem Tesla aus der Fabrik in Grünheide kam aus Brandenburg ein Luxusprodukt für die Welt - Kunckels rubinrotes Glas», sagt er. Kunckel - ein Elon Musk des Barock, der Große Kurfürst ein Trump? Naheliegend, findet Illies den Vergleich. Schließlich sei im Weißen Haus auch alles golden, so wie einst im Barock in den Schlössern. Und Höflinge gibt es dort auch genug, denke man nur an die digitalen Feudalherren aus dem Silicon Valley.

Für Illies ist sein Buch auch eine «Parabel für die Kraft des Träumens: Dass das, wovon wir träumen, nicht gelingt, aber am Ende gelingt etwas anderes. Der Kurfürst träumt vom Gold und bekommt Glas. Aber das ist so wertvoll, dass es ihn ebenso reich werden lässt.» Mit Kunckels Glas und der weitsichtigen Entscheidung Friedrich Wilhelms, die im katholischen Frankreich religiös verfolgten Hugenotten nach Preußen zu holen, schafft der absolute Monarch die Grundlagen für ein blühendes Brandenburg. Schnelles Geld aus Glas und langfristiges Wachstum durch die fleißigen neuen Handwerker und Intellektuellen lassen das Land die Folgen des verheerenden Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) schließlich rascher überwinden als seine europäischen Nachbarn. 

Für Illies steht sein Buch für die Kontinuität seines Werks. «Mich fasziniert, in die Vergangenheit hineinzuspringen und meine Leserinnen und Leser mitzunehmen und ihnen dann Vergangenheit als Gegenwart zu erzählen». So wolle er immer wieder klarmachen, dass den Menschen oftmals nicht klar war, dass sie in Umbruchszeiten leben. Auch hierin ist «Träume aus Feuer» aktueller, als man es sich wünscht.

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