Florian Illies entdeckt einen 300 Jahre alten Elon Musk
01.06.2026 - 07:00:05 | dpa.deFlorian Illies ist der Tausendsassa des deutschsprachigen Kulturbetriebs. Er ist Herausgeber der Wochenzeitung «Zeit», Auktionator war der Journalist auch schon, kurzzeitig leitete er den renommierten Rowohlt Verlag. Und seit bald drei Jahrzehnten schreibt der 55 Jahre alte Illies Bestseller.Â
Erst «Generation Golf» über seine hessische Jugend in den Siebzigern und Achtzigern, dann «1913» über den Vorabend des Ersten Weltkriegs. Mit «Zauber der Stille» über Maler Caspar David Friedrich fand der Historiker eine neue Ausdrucksform: die unterhaltsam-tiefgründige Biografie. Das bildungsbürgerliche Publikum liebt das. Seine Bücher verkaufen sich hunderttausendfach. Neben Daniel Kehlmann («Die Vermessung der Welt») ist er einer der angesagtesten deutschsprachigen Autoren unserer Zeit.
Wenn Illies schreibt, hört der Betrieb hin
Legt Florian Illies ein neues Buch vor wie jetzt mit «Träume aus Feuer», so ist das ein Ereignis in der Literaturwelt. Das Buch liefert dieses Mal sogar das Fundament fĂĽr einen komplett neuen Verlag. Der Pfaueninsel Verlag ist eine GrĂĽndung des Kölner Massentitel-Konzerns Bastei LĂĽbbe fĂĽr den gehobenen Buchmarkt.Â
Die Buchvorstellung findet dann auch auf der in der Berliner Havel gelegenen Pfaueninsel statt. Die ist heute ein per Fähre zu erreichendes Ausflugsziel. Ăśber Jahrhunderte war sie RĂĽckzugsort preuĂźischer FĂĽrsten und Könige. Sie bauten hier Liebesschlösser, trafen Mätressen, sammelten Wildtiere wie Löwen und Kängurus (fĂĽr die dann in Berlin der Zoologische Garten gebaut wurde), siedelten 1795 auch Pfauen an. Ăśber ein ganzes Jahrhundert verloren die PreuĂźen jedoch auch das Interesse an ihrem Besitz. Die Pfaueninsel war vergessen.Â
Die Insel der Könige - und des Vergessens
So erging es auch dem spektakulärsten Bewohner und Kurzzeitbesitzer der Insel, Johannes Kunckel (1635-1703). Die Geschichte dieses Naturphilosophen und frühen Chemikers, auch Alchimist genannt, erzählt Florian Illies in «Träume aus Feuer» auf 120 verdichteten Seiten.
Es ist die packende Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Start-up-Unternehmers. In nur zwei Jahren häuft der vom GroĂźen KurfĂĽrst Friedrich Wilhelm (1620-1688) an den Hof in Potsdam gerufene Kunckel ein groĂźes Vermögen an und grĂĽndet mit der Luxus-Glasbläserei eine neue Industrie. Eigentlich soll er zwar fĂĽr seinen FĂĽrsten Gold herstellen. Das misslingt. Aber dafĂĽr brennt Kunckel Glas in wunderbarem Rubinrot und leuchtendem Kobaltblau. Mit dem Verkauf dieses Glases saniert der KurfĂĽrst seinen maroden Haushalt und finanziert seinen barocken Lebensstil.Â
Ein Alchimist, der am Gold scheitert – und am Glas reich wird
Zum Dank ĂĽberhäuft der FĂĽrst Kunckel mit Geschenken. Das wichtigste: Pfauenwerder. Zu diesem Zeitpunkt ist es nur ein verwunschenes Eiland voller Kaninchen. Kunckel lässt sich ein Laboratorium, eine MĂĽhle und eine Glasbläserei errichten. Fortan dampft und köchelt es wie bei Kunckels groĂźer Konkurrenz in dieser Zeit, den Glasbläsern von Murano bei Venedig.Â
Illies beschreibt auch die Schattenseiten des schnellen Ruhms. Am barocken Hof, wo alle um die Gunst des FĂĽrsten buhlen, schmieden die Kinder des Herrschers ebenso Intrigen gegen Kunckel wie die Höflinge. Unmittelbar nach dem Tod des Herrschers 1688 fällt Kunckel in Ungnade.Â
Seine Werkstätten werden niedergebrannt, er muss alle Vergünstigungen zurückzahlen - eine sehr deutsche Strafe. Illies beendet sein Buch mit der Katastrophe und spart sich das versöhnliche Ende für Kunckel, der am Hof des damaligen Schwedenkönigs ein Comeback feiern darf.
Barockes Silicon Valley: Eine erstaunlich aktuelle Pointe
Der Konflikt aber ist ein sehr heutiger, wie Illies selbst auffällt. «Schon vor dem Tesla aus der Fabrik in Grünheide kam aus Brandenburg ein Luxusprodukt für die Welt - Kunckels rubinrotes Glas», sagt er. Kunckel - ein Elon Musk des Barock, der Große Kurfürst ein Trump? Naheliegend, findet Illies den Vergleich. Schließlich sei im Weißen Haus auch alles golden, so wie einst im Barock in den Schlössern. Und Höflinge gibt es dort auch genug, denke man nur an die digitalen Feudalherren aus dem Silicon Valley.
FĂĽr Illies ist sein Buch auch eine «Parabel fĂĽr die Kraft des Träumens: Dass das, wovon wir träumen, nicht gelingt, aber am Ende gelingt etwas anderes. Der KurfĂĽrst träumt vom Gold und bekommt Glas. Aber das ist so wertvoll, dass es ihn ebenso reich werden lässt.» Mit Kunckels Glas und der weitsichtigen Entscheidung Friedrich Wilhelms, die im katholischen Frankreich religiös verfolgten Hugenotten nach PreuĂźen zu holen, schafft der absolute Monarch die Grundlagen fĂĽr ein blĂĽhendes Brandenburg. Schnelles Geld aus Glas und langfristiges Wachstum durch die fleiĂźigen neuen Handwerker und Intellektuellen lassen das Land die Folgen des verheerenden DreiĂźigjährigen Krieges (1618-1648) schlieĂźlich rascher ĂĽberwinden als seine europäischen Nachbarn.Â
Für Illies steht sein Buch für die Kontinuität seines Werks. «Mich fasziniert, in die Vergangenheit hineinzuspringen und meine Leserinnen und Leser mitzunehmen und ihnen dann Vergangenheit als Gegenwart zu erzählen». So wolle er immer wieder klarmachen, dass den Menschen oftmals nicht klar war, dass sie in Umbruchszeiten leben. Auch hierin ist «Träume aus Feuer» aktueller, als man es sich wünscht.
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