AGG-Reform: Kirchenklausel wird eingeschrÀnkt, Klagefrist verdoppelt
Veröffentlicht am: 02.06.2026 um 16:40 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Das Hugo Sinzheimer Institut (HSI) hat in seinem aktuellen Quartalsbericht fĂŒr das erste Quartal 2026 zentrale Entwicklungen im europĂ€ischen Arbeitsrecht aufgezeigt â mit weitreichenden Folgen fĂŒr kirchliche Arbeitgeber und BeschĂ€ftigte gleichermaĂen.
Reform des AGG: Was sich Àndert
Am 6. Mai 2026 gab das Bundeskabinett grĂŒnes Licht fĂŒr eine Novelle des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG). KernstĂŒck der Reform: die Anpassung der sogenannten âKirchenklausel". Bisher erlaubte sie religiösen Einrichtungen weitreichende Ausnahmen bei Einstellungen und KĂŒndigungen. Das soll sich nun Ă€ndern.
Die Neuerungen im Ăberblick: Die Frist fĂŒr Klagen wird von zwei auf vier Monate verdoppelt. Der Schutz vor sexueller BelĂ€stigung wird auf neue Bereiche ausgeweitet â darunter Wohnungsmarkt und Fitnessstudios. Zudem entsteht eine neue Schlichtungsstelle bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.
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Internationale Rechtsprechung setzt Grenzen
HSI-Direktor Ernesto Klengel betonte bei der Vorstellung des Berichts: Internationale Urteile beeinflussen das deutsche Kirchenarbeitsrecht zunehmend. Besonders brisant: Eine aktuelle BestĂ€tigung des Internationalen Gerichtshofs (IGH) zum Streikrecht nach ILO-Ăbereinkommen 87. Das könnte die Sonderrechte kirchlicher Arbeitgeber weiter einschrĂ€nken â Ă€hnlich wie im bekannten Egenberger-Fall.
Parallel dazu vollziehen die Kirchen institutionelle VerĂ€nderungen. Die Synode des Evangelischen Kirchenkreises Duisburg beschloss Ende Mai, ihr Evangelisches Bildungswerk bis Januar 2027 in eine gemeinnĂŒtzige GmbH (gGmbH) umzuwandeln. Die Beratungsstelle fĂŒr Duisburg und Moers soll bis zum 1. Januar 2028 in diakonische TrĂ€gerschaft ĂŒbergehen.
Proteste bei der Diakonie
Die praktische Umsetzung von Arbeitsrechten in kirchlichen Einrichtungen bleibt konflikttrĂ€chtig. Am 20. Mai 2026 kam es zu einem internationalen Aktionstag mit Protesten vor der Wiener Diakonie. Organisiert von der Gewerkschaft WAS-AIT und unterstĂŒtzt von internationalen Gruppen, richteten sich die Demonstrationen gegen die KĂŒndigung eines Mitarbeiters â angeblich wegen GewerkschaftsaktivitĂ€ten. Die Diakonie verweigere jede Kommunikation zum Fall, so die Organisatoren. Der Fall ist vor Gericht.
Neue Urteile: Strengere Regeln fĂŒr Arbeitgeber
Mehrere richtungsweisende Entscheidungen deutscher Arbeitsgerichte verschÀrfen die Anforderungen an faire Verfahren:
KĂŒndigungen per E-Mail-Einschreiben riskant: Das Bundesarbeitsgericht (BAG) entschied am 7. Mai 2026: Ein digitales Einwurf-Einschreiben liefert keinen Anscheinsbeweis fĂŒr den Zugang eines Dokuments. Ein digitaler Scan habe nicht die Beweiskraft eines physischen Zustellnachweises. Arbeitgeber sollten KĂŒndigungen und Abmahnungen lieber persönlich mit Zeugen oder per Boten zustellen.
Whistleblower-Schutz zeitlich begrenzt: Das Landesarbeitsgericht Niedersachsen wies am 29. Mai 2026 Schadensersatzklagen ehemaliger Manager eines groĂen Automobilkonzerns ab. Das Hinweisgeberschutzgesetz greife nicht, weil die Meldungen vor Inkrafttreten des Gesetzes im Juli 2023 erfolgten â und nicht ĂŒber einen geschĂŒtzten internen Kanal.
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Urlaubsanspruch gestĂ€rkt: Bereits am 2. MĂ€rz 2026 stellte das Landesarbeitsgericht ThĂŒringen klar: Betriebliche Regelungen, die zusammenhĂ€ngenden Urlaub auf maximal zwei Wochen begrenzen, sind unwirksam. Drei Wochen seien der Standard â Arbeitgeber brauchen zwingende betriebliche GrĂŒnde fĂŒr eine Ablehnung.
Ermittlungen im Urlaub erlaubt: Ein BAG-Urteil vom Dezember 2025 sorgte fĂŒr Aufsehen: Der Urlaub eines Mitarbeiters begrĂŒndet kein absolutes Kontaktverbot fĂŒr Verdachtsbefragungen. Vier Wochen Abwesenheit abzuwarten sei in der Regel zu lang â Ausnahmen gelten bei Erreichbarkeitsproblemen oder Verdunkelungsgefahr.
Die Entwicklung zeigt einen klaren Trend: Die Anforderungen an Arbeitgeber werden strenger, die Sonderstellung kirchlicher Arbeitgeber schrumpft. FĂŒr BeschĂ€ftigte bedeutet das mehr Rechte â und fĂŒr Unternehmen mehr Pflichten bei KĂŒndigungen und internen Verfahren.
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