Arbeitsschutz, Kontrollen

Arbeitsschutz: Kontrollen hinken um 83 Jahre hinterher

Veröffentlicht am: 22.07.2026 um 23:19 Uhr | Redaktion boerse-global.de

LĂ€rm bleibt die hĂ€ufigste Berufskrankheit in Deutschland, wĂ€hrend Betriebskontrollen hinter den Vorgaben zurĂŒckbleiben. Neue Studien zeigen zudem Risiken durch VerkehrslĂ€rm.

LĂ€rm als Berufskrankheit Nr. 1: Kontrollen in Betrieben unzureichend
Arbeiter in einer Industrieumgebung mit professionellem Kapselgehörschutz zur PrĂ€vention von LĂ€rmschĂ€den. Illustration mit AI erstellt ĂŒbermittelt durch boerse-global.de

Rund 8.900 FÀlle von LÀrmschwerhörigkeit hat die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) 2024 anerkannt. LÀrm ist damit die Nummer eins unter den Berufskrankheiten in Deutschland. Doch die Kontrollen der Betriebe hinken den gesetzlichen Vorgaben hinterher.

Strengere Regeln fĂŒr Unternehmen

Ab 85 Dezibel mĂŒssen Unternehmen ihren Mitarbeitern Gehörschutz zur VerfĂŒgung stellen — und die BeschĂ€ftigten mĂŒssen ihn tragen. Die Messungen der LĂ€rmbelastung folgen dabei strengen Vorgaben: Der DGUV Grundsatz 309-010 schreibt vor, wie Fachleute die Werte rechtssicher ermitteln.

Das Problem: HörschÀden entwickeln sich oft schleichend. Wie bei der Staublunge treten Symptome einer LÀrmschwerhörigkeit erst nach Jahren auf. Sind die SchÀden einmal da, sind sie meist irreparabel.

Gerichte entscheiden ĂŒber LĂ€rm im Alltag

Nicht nur am Arbeitsplatz, auch im privaten Umfeld wird LĂ€rm zunehmend zum Rechtsfall. Das Landgericht Bielefeld wies Anfang Juni eine Klage gegen eine WĂ€rmepumpe ab. Das Gericht maß 27 Dezibel unter Volllast — weit unter dem Richtwert der Technischen Anleitung LĂ€rm von 35 Dezibel. Zumutbar, urteilten die Richter.

Auch das Verwaltungsgericht MĂŒnster lehnte einen Antrag auf ein zusĂ€tzliches LĂ€rmgutachten fĂŒr ein geplantes Krematorium in Ochtrup ab. Die Berechnungen der Kreisverwaltung hatten die Grenzwerte bereits unterschritten.

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Anders in Köln: Dort kippte das Verwaltungsgericht eine Sperrzeit fĂŒr die Außengastronomie am BrĂŒsseler Platz. Die Stadt konnte nicht eindeutig nachweisen, dass die GrenzwertĂŒberschreitungen tatsĂ€chlich von den Gastronomiebetrieben stammten.

VerkehrslÀrm als Parkinson-Risiko?

Die Folgen von LĂ€rm gehen weit ĂŒber das Gehör hinaus. Eine Studie im Fachblatt JAMA Neurology zeigt einen Zusammenhang zwischen VerkehrslĂ€rm und Parkinson. Die Forscher werteten Daten von ĂŒber drei Millionen DĂ€nen aus.

Das Ergebnis: Pro 11 Dezibel mehr auf der lauten Seite eines Wohnhauses steigt das Parkinson-Risiko um drei Prozent. Auf der ruhigeren Seite sind es sogar vier Prozent pro 9 Dezibel. Ruhige RĂŒckzugsorte in GebĂ€uden könnten die gesundheitlichen Folgen abmildern, so die Forscher.

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Kontrollen bleiben Mangelware

Die gesetzliche Mindestkontrollquote von fĂŒnf Prozent der Betriebe pro Jahr wird in Deutschland deutlich verfehlt. In Berlin etwa mĂŒssen Betriebe statistisch alle 83 Jahre mit einer Kontrolle rechnen — die personelle Ausstattung reicht schlicht nicht aus.

Derweil verĂ€ndert sich das Krankheitsgeschehen in der Arbeitswelt grundlegend. Ein aktueller Krankenkassen-Report vom Juli 2026 zeigt: Psychische Erkrankungen haben erstmals Atemwegsinfektionen als hĂ€ufigste Ursache fĂŒr Krankschreibungen abgelöst. Mit 184 Fehltagen pro 100 Versicherten verzeichnet dieser Bereich einen Zuwachs von neun Prozent. Der allgemeine Krankenstand lag im ersten Halbjahr 2026 bei 5,3 Prozent — ein leichter RĂŒckgang gegenĂŒber dem Vorjahr.

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