Arbeitszeit-Debatte: Industrie fordert 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich
Veröffentlicht am: 15.08.2026 um 19:01 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In der deutschen Industrielandschaft hat sich Mitte August 2026 eine verstärkte Diskussion über die Ausweitung der wöchentlichen Arbeitszeit entwickelt. Führende Wirtschaftsvertreter und Ökonomen bewerten die Potenziale und Risiken einer Rückkehr zur 40-Stunden-Woche, die insbesondere als Maßnahme gegen sinkende Wettbewerbsfähigkeit und hohe Arbeitskosten thematisiert wird.
Forderungen aus der Industrie und ökonomische Bewertung
Namhafte Industrievertreter plädieren für eine Abkehr von der 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich. Nikolaus Stihl, Aufsichtsratschef des gleichnamigen Motorsägenherstellers, forderte Mitte August 2026 die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche.
Unterstützung erhielt dieser Vorstoß von Mercedes-Aufsichtsratschef Martin Brudermüller sowie vom Mercedes-Vorstandsvorsitzenden Ola Källenius. Berichten zufolge belief sich die durchschnittliche Vergütung von Källenius im Jahr 2025 auf 6,3 Millionen Euro.
Aus wissenschaftlicher Sicht wird der Vorstoß differenziert betrachtet. Der Ökonom Schiersch vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erläuterte, dass eine 40-Stunden-Woche die Arbeitskosten senken und die Wettbewerbsfähigkeit stärken könne. Dies gelte jedoch unter der Voraussetzung, dass die durch die Mehrarbeit entstehenden Zusatzprodukte auch am Markt absetzbar seien.
Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) stufte den Erfolg einer Arbeitszeitverlängerung hingegen als unklar ein. Nach Ansicht von Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) liege das Kernproblem der Wirtschaft zudem nicht primär in der Arbeitszeit, sondern in einer tiefergehenden Erneuerungskrise.
Arbeitskosten und industrielle Kennzahlen im EU-Vergleich
Aktuelle Daten des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) belegen eine Veränderung der deutschen Position im europäischen Vergleich. Im Jahr 2025 fiel Deutschland bei den Arbeitskosten in der Privatwirtschaft mit 45,70 Euro pro Stunde auf den siebten Platz innerhalb der EU zurück, nachdem das Land im Jahr 2024 noch Rang fünf belegt hatte.
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Der Anstieg der Arbeitskosten lag 2025 mit 3,4 % unter dem EU-Durchschnitt von 4,3 %. In der Industrie wurde für 2025 ein Kostenanstieg von 2,0 % verzeichnet. Das IMK identifizierte eine schwache Produktivität sowie geringe Investitionen in die Digitalisierung als Hauptursachen für steigende Lohnstückkosten seit 2023 und empfahl verstärkte Investitionen statt Lohnzurückhaltung.
Das EY-Industriebarometer für das zweite Quartal 2026 verdeutlicht die strukturellen Herausforderungen. Während der Industrieumsatz um 4,7 % auf 556,4 Milliarden Euro stieg, sank die Beschäftigung im Vorjahresvergleich um 2,7 %, was einem Abbau von 144.000 Stellen entspricht.
Seit 2019 wurden in der Branche insgesamt 379.150 Arbeitsplätze abgebaut. Besonders betroffen zeigt sich die Automobilindustrie mit einem Beschäftigungsrückgang von 5,8 % im Vergleich zum Vorjahr.
Arbeitszeitrealität und gesellschaftliches Echo
Die Debatte wird durch internationale Vergleiche und Fragen der Arbeitseffizienz ergänzt. Laut einer Studie der OECD arbeiteten Beschäftigte in Deutschland zuletzt durchschnittlich 1.347 Stunden pro Jahr, was den letzten Platz im Vergleich zu Ländern wie Frankreich (1.501 Stunden) oder Griechenland (1.897 Stunden) bedeutete.
CDU-Chef Friedrich Merz forderte in diesem Zusammenhang mehr Arbeit und Effizienz. Ifo-Chef Clemens Fuest wies darauf hin, dass bereits die Streichung eines Feiertags das Bruttoinlandsprodukt um 8 Milliarden Euro steigern könne.
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Demgegenüber stehen Daten des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI), wonach die durchschnittliche tarifliche Wochenarbeitszeit in Deutschland 37,8 Stunden beträgt. Etwa 19,6 % der Beschäftigten, insbesondere in der Metall-, Elektro- und Stahlindustrie, arbeiten bereits in Branchen mit einer Wochenarbeitszeit von 35 Stunden oder weniger.
WSI-Direktorin Maria Kohlrausch und der Wissenschaftler Thorsten Schulten betonten Mitte August 2026 die Bedeutung fairer Tarifverhandlungen und warnten vor einer einseitigen Ausweitung der Arbeitszeitvorgaben.
Eine Leserbefragung Mitte August 2026 spiegelte die Uneinigkeit in der Bevölkerung wider: Während 34 % den Vorstoß zur Arbeitszeitverlängerung als Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit befürworteten, lehnten 23 % Mehrarbeit ohne entsprechenden Lohnausgleich ab.
Gleichzeitig rückten Fragen der Arbeitsdisziplin in den Fokus, da laut einer Umfrage 75 % der Befragten angaben, bereits private Angelegenheiten während der Arbeitszeit erledigt zu haben. Christoph Stowasser vom IFAA warnte in diesem Kontext vor den enormen volkswirtschaftlichen Auswirkungen von Arbeitszeitbetrug und hohen Fehlzeiten.
