Arbeitszeitgesetz, Bas

Arbeitszeitgesetz: Bas plant 13-Stunden-Schichten statt Acht-Stunden-Tag

30.05.2026 - 01:10:53 | boerse-global.de

Die geplante Reform des Arbeitszeitgesetzes sorgt für Konflikte. Gewerkschaften warnen vor gesundheitlichen Folgen, während Arbeitgeber mehr Flexibilität fordern.

Arbeitszeitgesetz: Bas plant 13-Stunden-Schichten statt Acht-Stunden-Tag - Foto: über boerse-global.de
Arbeitszeitgesetz: Bas plant 13-Stunden-Schichten statt Acht-Stunden-Tag - Foto: über boerse-global.de

Die Bundesregierung treibt die Modernisierung des Arbeitszeitgesetzes voran – und stößt damit auf heftigen Widerstand von Gewerkschaften und Opposition.

Arbeitsministerin Bärbel Bas will noch im Juni einen Gesetzesentwurf vorlegen, der einen grundlegenden Wechsel vorsieht: Statt einer täglichen Höchstarbeitszeit soll künftig eine wöchentliche Obergrenze gelten. Das würde Schichten von bis zu 13 Stunden ermöglichen – vorausgesetzt, die vorgeschriebene elbstündige Ruhezeit zwischen den Diensten wird eingehalten.

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Arbeitgeber jubeln, Gewerkschaften warnen

Die aktuelle Regelung, die den Acht-Stunden-Tag seit 1918 als Standard kennt, erlaubt Ausnahmen bis zu zehn Stunden, sofern der Ausgleich über einen längeren Zeitraum erfolgt. Die geplante Reform würde diese tägliche Begrenzung durch eine flexible Wochenhöchstgrenze ersetzen.

Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger begrüßt den Vorstoß. Kein Arbeitnehmer werde zu 13-Stunden-Tagen gezwungen, betont er. Es gehe um Flexibilität für die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft. Auch Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), argumentiert: Die Reform betreffe die Verteilung der Arbeitszeit, nicht deren Gesamtumfang – ein Vorteil besonders für flexible Büroarbeit.

Ganz anders sehen das die Gewerkschaften. DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel warnt: Überlange Arbeitstage führen zu gesundheitlichen Problemen, die am Ende die Wirtschaft und das Gesundheitssystem belasten. Guido Zeitler, Vorsitzender der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), spricht von einem „massiven Rückschritt“. Linken-Chefin Ines Schwerdtner kritisiert scharf die Rolle der SPD bei der möglichen Abschaffung des Acht-Stunden-Tag-Standards.

Mehrheit der Beschäftigten will kürzere Arbeitszeiten

Während die Regierung auf mehr Flexibilität setzt, zeigt eine aktuelle Auswertung des DGB-Index „Gute Arbeit“ ein gegenteiliges Stimmungsbild. Die Umfrage unter knapp 7.000 Beschäftigten, die zwischen Januar und Mai 2025 durchgeführt wurde, ergab: 53 Prozent der Arbeitnehmer wünschen sich kürzere Arbeitszeiten. Nur sieben Prozent wollen mehr arbeiten.

Besonders auffällig sind die Unterschiede zwischen den Geschlechtern und bei Eltern. Rund 63 Prozent der Väter und 57 Prozent aller Männer möchten ihre Stunden reduzieren. Bei Müttern sind es 43 Prozent, bei Frauen insgesamt 47 Prozent. Ein Drittel der Beschäftigten mit Betreuungs- oder Pflegeaufgaben hat regelmäßig Probleme, Beruf und Privatleben zu vereinbaren – bei alleinerziehenden Müttern steigt dieser Anteil auf 42 Prozent.

„Polyworking“: Der Zwang zum Nebenjob

Parallel zur politischen Debatte breitet sich ein weiteres Phänomen aus: Immer mehr Menschen in Deutschland haben mehrere Jobs gleichzeitig – oft aus purer Notwendigkeit. In sozialen Medien wird „Polyworking“ bisweilen als Lifestyle gefeiert, die Realität sieht anders aus.

In Berlin etwa sind die Mieten innerhalb eines Jahrzehnts um 69 Prozent gestiegen, die Zahl der Teilzeitstellen hat sich seit 2020 ebenfalls um 69 Prozent erhöht. Anfang 2026 verzeichnete die Arbeitslosenstatistik zudem einen Rekordwert bei jungen Akademikern. Eine Umfrage aus dem Jahr 2025 ergab, dass jeder zweite Mensch zwischen 26 und 41 Jahren einem Nebenjob oder einer Nebentätigkeit nachgeht.

Für viele reicht ein Job schlicht nicht mehr. Die Freiberuflerin und Teilzeitkraft Tabea Kirchner etwa ist auf mehrere Einkommensquellen angewiesen, um in einer Großstadt die Lebenshaltungskosten zu decken.

Überstunden und der Blick nach vorn

Die Diskussion findet vor dem Hintergrund hoher Arbeitsbelastung statt. 2024 leisteten die Beschäftigten in Deutschland insgesamt 1,19 Milliarden Überstunden – 637,5 Millionen davon (53,6 Prozent) waren unbezahlt. Auch im ersten Quartal 2025 setzte sich der Trend mit 274,3 Millionen Überstunden fort.

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Die gesundheitliche Lage der Belegschaften bleibt angespannt: 2024 waren Arbeitnehmer im Schnitt 14,8 Tage krankgeschrieben. Rund 4,9 Prozent der Beschäftigten nutzten Teilzeitmodelle aufgrund chronischer Erkrankungen oder Behinderungen.

Blickt man in die Zukunft, zeichnet sich ein düsteres Bild: Das IW erwartet, dass das verfügbare Arbeitskräftepotenzial bis 2040 um knapp drei Millionen Menschen schrumpft.

Am 10. Juni ist ein Spitzentreffen im Kanzleramt geplant. Dann wollen Koalitionsspitzen, Gewerkschaften und Arbeitgebervertreter über die gegenläufigen Belastungen auf dem Arbeitsmarkt und den anstehenden Gesetzesentwurf beraten. Ob am Ende der Acht-Stunden-Tag fällt oder die Wünsche der Beschäftigten nach kürzeren Arbeitszeiten Gehör finden – die Entscheidung wird richtungsweisend sein.

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