Arbeitszeitreform, Bundesregierung

Arbeitszeitreform: Bundesregierung plant radikale Flexibilisierung

11.05.2026 - 06:34:20 | boerse-global.de

Bundesregierung will tägliche Acht-Stunden-Grenze durch Wochenhöchstarbeitszeit ersetzen. Gewerkschaften warnen vor Gesundheitsrisiken und kritisieren geplante Reform scharf.

Arbeitszeitreform: Bundesregierung plant radikale Flexibilisierung - Foto: über boerse-global.de
Arbeitszeitreform: Bundesregierung plant radikale Flexibilisierung - Foto: über boerse-global.de

Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas kündigt für Juni 2026 einen Gesetzesentwurf an, der die tägliche Höchstarbeitszeit von acht Stunden abschaffen soll.

Stattdessen soll künftig eine wöchentliche Höchstgrenze gelten. Die schwarz-gelbe Regierung unter Kanzler Friedrich Merz verspricht sich davon mehr Flexibilität für Familien. Doch die Pläne stoßen auf heftigen Widerstand.

Gewerkschaften und Arbeitsmediziner schlagen Alarm. Sie befürchten, dass die Reform zu einer deutlichen Zunahme von Krankheitsfällen führen könnte. Arbeitgeberverbände hingegen begrüßen den Vorstoß.

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Gewerkschaften warnen vor gesundheitlichen Risiken

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) legte aktuelle Umfragedaten vor. Demnach bevorzugen rund 75 Prozent der Beschäftigten weiterhin die tägliche Acht-Stunden-Grenze. Die Gewerkschafter fürchten, dass die Reform faktisch tägliche Schichten von bis zu 12 Stunden und 15 Minuten ermöglichen könnte – zumindest dann, wenn eine Sechs-Tage-Woche zugrunde gelegt wird.

DGB-Chefin Yasmin Fahimi warnte vor einem Anstieg chronischer Erkrankungen. Die Reform könnte „problematische Geschäftsmodelle legalisieren“, so Fahimi. Auch Guido Zeitler, Vorsitzender der Gewerkschaft NGG, spricht von einem „Brandbeschleuniger für Gesundheitsprobleme“.

Die Zahlen des Bundesinstituts für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) untermauern diese Sorgen. Bereits im September 2023 wies die Behörde nach: Wer mehr als 40 Stunden pro Woche arbeitet, hat ein deutlich höheres Unfall- und Gesundheitsrisiko.

Rekord bei Arbeitsstunden – massive Überstunden

Der Druck auf die Beschäftigten ist bereits jetzt enorm. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ermittelte für 2023 ein Rekordvolumen von 55 Milliarden Arbeitsstunden. Im Jahr 2024 leisteten die Arbeitnehmer zudem 638 Millionen Stunden unbezahlte Überstunden. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) errechnete: Jeder Beschäftigte kam 2024 auf durchschnittlich 28,2 Überstunden pro Jahr.

Verdi-Chef Frank Werneke wirft der Regierung ein „Empathiedefizit“ vor. Die Politik ignoriere die hohe Belastung der Arbeitnehmer.

Steuerliche Anreize für Überstunden

Parallel zur Arbeitszeitreform treibt die Regierung die steuerliche Entlastung von Überstundenzuschlägen voran. Das Arbeitsmarktstärkungsgesetz vom September 2025 sieht vor, Zuschläge bis zu 25 Prozent des Grundlohns steuerfrei zu stellen.

Doch das Gesetz ist noch nicht in Kraft – obwohl der Starttermin eigentlich der 1. Januar 2026 war. Zudem profitieren nur Vollzeitbeschäftigte von der Regelung. Wer mindestens 34 Stunden (laut Tarifvertrag) oder 40 Stunden arbeitet, erhält die Steuerfreiheit. Teilzeitkräfte – das sind 30 Prozent aller Arbeitnehmer und fast die Hälfte aller berufstätigen Frauen – gehen leer aus.

Bereits umgesetzt wurde die Erhöhung des Mindestlohns. Seit dem 1. Januar 2026 liegt er bei 13,90 Euro. Allein in Hessen sind rund 363.000 Jobs (11 Prozent) davon betroffen. Bundesweit sind es etwa 4,8 Millionen Stellen.

Minijobs: Neue Regeln ab Juli 2026

Auch bei den Minijobs tut sich etwas. Die Verdienstgrenze stieg 2026 auf 603 Euro (zuvor 556 Euro). Ab dem 1. Juli 2026 greifen zudem neue Sozialversicherungsregeln.

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Minijobber erhalten dann einmalig die Möglichkeit, ihre Befreiung von der Rentenversicherung rückgängig zu machen. Wer sich dafür entscheidet, baut künftig Rentenansprüche auf. Die Deutsche Rentenversicherung rechnet vor: Bei 603 Euro Einkommen bringt das monatlich rund fünf Euro mehr Rente. Dafür erhalten die Arbeitnehmer Zugang zu Riester-Förderung und betrieblicher Altersvorsorge.

Doch der Sprung vom Minijob in die Vollzeitbeschäftigung bleibt schwierig. Prognosen für 2025 gehen von nur rund 21.753 erfolgreichen Wechseln aus. 2017 waren es noch 33.953. Verdi-Chef Werneke bezeichnet Minijobs als „berufliche Sackgasse“ – besonders für Frauen.

Ausblick: Elektronische Zeiterfassung und Bürgergeld

Die Regierung plant, die neue Flexibilität mit der Einführung elektronischer Zeiterfassungssysteme zu verknüpfen. So soll die Einhaltung der Wochenhöchstgrenzen kontrolliert werden.

Zum 1. Juli 2026 sind zudem Änderungen beim Bürgergeld geplant. Ein neues Lohnkostenzuschussprogramm für Langzeitbezieher sieht vor, dass der Staat im ersten Jahr 75 Prozent der Lohnkosten übernimmt, im zweiten Jahr 50 Prozent.

Während Deutschland die tägliche Höchstarbeitszeit abschaffen will, denkt Österreich in eine andere Richtung. Arbeitsministerin Korinna Schumann (SPÖ) schlug vor, Teilzeitkräften einen Rechtsanspruch auf Stundenaufstockung zu geben, wenn sie regelmäßig Überstunden leisten. Die Präsidentin der Arbeiterkammer, Renate Anderl, unterstützt den Vorstoß. Fast 200.000 Teilzeitkräfte in Österreich wünschen sich demnach mehr Stunden.

Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Bundesregierung einen Ausgleich findet zwischen der von Arbeitgebern geforderten Flexibilität und dem Schutz der Arbeitnehmergesundheit. Der Gesetzesentwurf im Juni wird die entscheidende Weichenstellung bringen.

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