ASIEN-TRENDS-KOLUMNE, Fallende

ASIEN-TRENDS-KOLUMNE: Fallende Ölpreise - Gut oder Schlecht

Veröffentlicht am: 07.09.2008 um 11:20 Uhr | Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller, Chefredakteur AD HOC NEWS

Der Preisverfall bei den Rohstoffen ist zurzeit an den Aktienmärkten das große Thema. Vor einigen Monaten galt noch das (etwas widersprüchliche) Mantra, dass die Weltbörsen zwar wegen einer globalen Konjunkturabkühlung fallen müssten, die Rohstoffpreise aber weiter nach oben gehen sollten. Schließlich weise die Nachfrage nach Energierohstoffen und Industriemetallen – nicht zuletzt wegen des China-Booms – weiter hohe Wachstumsraten auf. Es hat lange gedauert, aber inzwischen ist auch dieses merkwürdige Szenario zerplatzt. Einerseits wäre ohnehin nicht vorstellbar gewesen, dass die Aktienmärkte immer nach oben gehen, wenn sich gleichzeitig die Rohstoffe exorbitant verteuern. Zum anderen sind die Börsen ja nicht zuletzt deshalb gefallen, weil wegen der amerikanischen Kredit- und Finanzkrise eine deutliche Verringerung des weltwirtschaftlichen Wachstums erwartet wurde. Dies musste früher oder später auch die Rohstoffe unter Druck bringen. Die globale Konjunktur kann schließlich nicht gleichzeitig boomen – und damit die Rohstoffnachfrage anheizen – und spürbar schwächeln. Eines der beiden Szenarien musste sich früher oder später als falsch herausstellen. Mittlerweile hat man sich offensichtlich für das Abkühlungs-Szenario entschieden. Die Rohstoff-Futures sind in den letzten Monaten sichtlich in die Knie gegangen. Ein gutes Beispiel ist die Entwicklung beim Rohöl Kaum war die Gefahr durch den Hurrikan „Gustav“ für die Ölförderanlagen im Golf von Mexiko gebannt, sind die Preise diese Woche wieder massiv eingebrochen. Das Barrel Rohöl (WTI) kostet derzeit noch rund 107 Dollar und damit 30 Dollar weniger als im Juli, als bei 147 Dollar das Allzeithoch erreicht worden ist. Weder neue Hurrikans noch die Georgien-Krise, weder das iranische Atomprogramm noch Förderunterbrechungen in Nigeria konnten die Preise in irgendeiner Weise stützen. Ein ganz ähnliches Bild haben wir bei Industriemetallen wie Kupfer oder Aluminium wo die Preise regelrecht eingebrochen sind. Bei den großen Nickel-Produzenten werden bereits die ersten Minen vorübergehend dichtgemacht. An den Aktienmärkten weiß man noch nicht so recht, wie man diese Entwicklung einschätzen soll. Grundsätzlich sind fallende Rohstoffpreise natürlich positiv zu sehen. Sie nehmen den Druck von den Gewinnmargen der Unternehmen, lindern die gegenwärtigen inflationären Tendenzen und lassen den Verbrauchern weltweit mehr Geld in der Tasche, die diese zum Kauf von Konsumgütern verwenden können. Andererseits kann der Preisverfall auch als bestätigendes Signal für den prekären Zustand der Weltwirtschaft gewertet werden. Wenn jetzt, so diese Argumentation, „sogar“ die Rohstoffpreise fallen, dann müsse es wirklich schlecht um die Konjunkturentwicklung stehen. Diese beiden Sichtweisen schlagen sich zurzeit an den Aktienmärkten gleichermaßen nieder. Mal steigen Aktien, weil das Öl billiger geworden ist – mal fallen sie auch aus dem gleichen Grund. Welche Schlüsse sollte man als Anleger aus diesen Entwicklungen ziehen? Im Grunde müssen wir uns lediglich vergegenwärtigen, welche Folge der massive Preisanstieg bei den Rohstoffen in den letzten Jahren hatte. Die hohen Kosten für Rohstoffe haben zunächst einerseits das globale Wachstum beeinträchtigt, und sie haben allerorten die Inflation angeheizt. Für die gedämpften Wachstumsaussichten gibt es noch andere Ursachen (etwa die US-Immobilienkrise), die inflationären Tendenzen aber haben ihren Ursprung hauptsächlich in den gestiegenen Rohstoffpreisen (und Agrarrohstoffpreisen), die später auf die Erzeuger- und Verbraucherpreise allgemein übergesprungen sind. Während aber die konjunkturelle Abkühlung in zahlreichen Regionen unserer Welt wohl nicht mehr aufzuhalten ist, sollte sich der allgemeine Inflationsdruck demnächst deutlich verringern. Dies ist eine durchaus positive Nachricht. Wir müssen allerdings auch festhalten, dass die verschiedenen Wirtschaftsräume unserer Welt von den Problemen Wachstumsschwäche und Inflation unterschiedlich betroffen sind. In den USA, Westeuropa und Japan ist in erster Linie die gegenwärtige Wachstumsschwäche ein Problem. Zwar gab es auch hier inflationäre Tendenzen. Dennoch haben etwa die USA trotz dieser Tendenzen den Leitzins auf nur noch 2 Prozent abgesenkt und damit gezeigt, dass man dort die Gefahr einer Rezession als weitaus höher einschätzt. Für den Euro-Raum werden demnächst ebenfalls Leitzinssenkungen erwartet (was unter anderem den Dollar gegenüber dem Euro wieder massiv hat steigen lassen). In Japan kann von einer straffen Geldpolitik ohnehin keine Rede mehr sein. Die Wirtschaft ist dort schon seit Jahren strukturell so schwach, dass sich der Leitzins bei marginalen 0,5 Prozent befindet – was auch noch einem langjährigen Hoch entspricht. Ganz anderes ist die Situation in den Schwellenländern; und hier insbesondere auch in den meisten asiatischen Volkswirtschaften. Dort ist nicht Wachstumsschwäche, sondern Inflation das große Thema. Dies muss niemanden wundern. Schließlich waren es gerade die asiatischen Volkswirtschaften mit ihrem rapiden Wachstum und der neu entstanden Massenkaufkraft ihrer Milliardenbevölkerung, die den weltweiten Preisschub maßgeblich befördert haben. Da Asiens Ökonomien sehr expansiv sind, hatte dort die Inflation ein relativ leichtes Spiel. Dies hat zuletzt zu deutlichen Leitzinsanhebungen geführt, die in den Augen vieler Analysten das dortige Wachstum abwürgen könnten. In China etwa liegt der Zinssatz für einjährige Ausleihungen bereits seit Jahresbeginn bei 7,47 Prozent; in Indien bei 9,0 Prozent und in Indonesien seit Donnerstag bei 9,25 Prozent. Angesichts dessen kann man sogar halbwegs verstehen, dass die Börsen dieser Länder zuletzt von vielen Investoren gemieden worden sind. Inzwischen gibt es aber erste Anzeichen, dass sich der Inflationstrend in diesen Ländern umkehrt. Der Preisverfall bei Öl und anderen Rohstoffen sollte dies noch beschleunigen und den Druck von den Zentralbanken nehmen, das Geld weiter zu verteuern. Gleichzeitig werden die niedrigeren Preise für Energie und Lebensmittel (die in Asien einen viel höheren Anteil an den gesamten Lebenshaltungskosten darstellen) die Binnenwirtschaft weiter stimulieren. Letztere ist in den meisten Fernost-Nationen ohnehin immer noch sehr robust. Die privaten Ausgaben sind dort in den meisten Fällen deutlich stärker gestiegen als das jeweilige Bruttoinlandsprodukt. Die schnellwachsenden Schwellenländer sind also die eigentlichen Gewinner der Rohstoff-Baisse. Dort wirkt sich die Entlastung um einiges positiver aus als in den westlichen Volkswirtschaften. Zudem wäre mit fallenden Rohstoffpreisen in Asien bereits das Hauptproblem gelöst, das die dortigen Anleger bekümmert, denn Wachstumsprobleme haben Asiens Ökonomien eigentlich eher nicht. Der Westen hingegen hat neben dem Inflationsproblem auch noch verschiedene strukturelle Defizite, die auch durch niedrigere Heiz- und Treibstoffkosten nicht so einfach aus der Welt zu schaffen sind. Mittelfristig haben die asiatischen Börsen also eindeutig das höhere Kurspotential – zumal die Bewertungen dort inzwischen wieder so zurückgekommen sind, dass sie den Vergleich mit hiesigen Value-Titeln nicht mehr zu scheuen brauchen. Dies alles sind gute Gründe für den Anleger, um in Asien weiter dran zu bleiben. Gerhard Heinrich ist Asien-Redakteur bei EMFIS. Er verfasst gemeinsam mit Rainer Hahn den Trading-Dienst ASIEN-TRENDS. Dieser Dienst erscheint immer bei Handlungsbedarf, aber mindestens einmal wöchentlich. Darin erhalten die Leser neben einer umfassenden Marktanalyse vor allem konkrete Aktien- und Derivate-Empfehlungen für die asiatischen Märkte. www.asien-trends.de

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