Attestpflicht spaltet Generationen: Junge lehnen ab, Ältere befürworten
04.07.2026 - 20:04:42 | boerse-global.de
Eine aktuelle Umfrage zeigt eine fast exakte Pattsituation zwischen Befürwortern und Gegnern der Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag.
Generationenkonflikt und Lebensrealitäten
Das Meinungsforschungsinstitut INSA hat am 4. Juli 2026 ein fast ausgeglichenes Stimmungsbild ermittelt. 43 Prozent der Befragten sprechen sich für die Attestpflicht aus, 44 Prozent lehnen sie ab.
Besonders deutlich zeigt sich eine tiefe Kluft zwischen den Generationen. Unter den 18- bis 29-Jährigen lehnen 51 Prozent die Neuregelung ab, während nur 30 Prozent zustimmen. Bei den über 70-Jährigen sieht es umgekehrt aus: 62 Prozent befürworten die frühe Attestpflicht.
Auch die Lebenssituation spielt eine Rolle. Eine Civey-Umfrage vom 2. und 3. Juli 2026 zeigt: 61 Prozent der Befragten mit Kindern lehnen die Pläne ab. Bei Menschen ohne Kinder sind es 54 Prozent, die die Neuregelung befürworten.
Telefonische Krankschreibung bleibt beliebt
Die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung stößt ebenfalls auf Widerstand. Laut INSA lehnen 47 Prozent diesen Schritt ab, nur 40 Prozent stimmen zu. Eine YouGov-Erhebung fällt noch deutlicher aus: 59 Prozent sprechen sich gegen die Attestpflicht ab Tag eins aus, 58 Prozent gegen das Ende der telefonischen Krankschreibung.
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Ärzte warnen vor Kollaps
Markus Blumenthal-Beier, Chef des Hausärzteverbandes, bezeichnete die geplante Attestpflicht am 3. Juli 2026 als katastrophal. Er erwarte eine massive Vervielfachung der Terminanfragen und überfüllte Wartezimmer. Auch DAK-Chef Andreas Storm warnt vor einer Überlastung der Hausarztpraxen.
Der DIW-Ökonom Daniel Graeber weist auf ein Paradox hin: Die neuen Regeln könnten die Fehlzeiten sogar erhöhen. Mehr Praxisbesuche bedeuteten ein höheres Ansteckungsrisiko in den Wartezimmern. Zudem mache die telefonische Krankschreibung nur 0,8 bis 1,2 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen aus – sie sei also nicht ursächlich für die hohen Krankenstände.
Daten aus dem Jahr 2024 untermauern diese Einschätzung: Langzeiterkrankungen von mehr als sechs Wochen waren für 40 Prozent aller Fehltage verantwortlich.
Koalition uneins über den Weg
In der Bundesregierung herrscht Uneinigkeit über die konkrete Ausgestaltung der Reform. Bundeskanzler Merz erklärte, Arbeitnehmer müssten zwar ab dem ersten Tag eine Bescheinigung vorlegen, aber nicht zwingend sofort eine Praxis aufsuchen. Gesundheitsministerin Warken setzt auf Digitalisierung und Videosprechstunden, will aber die telefonische Krankschreibung beenden.
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Arbeitsministerin Bas stellte klar, dass der Vorschlag nicht von ihr stamme, und kündigte eine genaue Prüfung der Auswirkungen an. SPD-Chef Klingbeil mahnte eine vernünftige Umsetzung an. Unions-Fraktionschef Spahn verteidigte die Pläne mit Verweis auf die hohe Krankheitsquote: Mit rund 18 Tagen pro Jahr liege Deutschland an der Spitze in der EU.
SPD-Generalsekretär Klüssendorf bezeichnete die Attestpflicht als das kleinere Übel im Vergleich zu Karenztagen. Der DGB warnt unterdessen vor zunehmendem Präsentismus – dem Erscheinen am Arbeitsplatz trotz Krankheit – und einer weiteren Überlastung der Praxen durch rein bürokratische Besuche.
