Autoindustrie: 375.000 Jobs in Gefahr – Fraunhofer warnt bis 2030
Veröffentlicht: 18.07.2026 um 07:48 Uhr, Redaktion boerse-global.de
Die IG Metall kündigt umgehend Widerstand an.
Standortwettbewerb und Kostendruck aus Osteuropa
Mercedes-Produktionsvorstand Michael Schiebe machte am 17. Juli klar: Die Produktionskosten in Deutschland müssen massiv sinken. Konkret fordert das Management eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden – ohne Lohnausgleich. Nur so ließen sich Werkschließungen an den deutschen Standorten abwenden.
Der Druck kommt vor allem aus China und Osteuropa. Schiebe verwies auf die Werkserweiterung im ungarischen Kecskemét. Rund eine Milliarde Euro investiert Mercedes dort, um die Kapazitäten auf jährlich 400.000 Einheiten zu verdoppeln. Die Faktorkosten in Ungarn liegen etwa 70 Prozent unter dem deutschen Niveau. Zudem wird dort pro Kopf mehr gearbeitet, der Krankenstand ist deutlich niedriger.
Die Expansion in Ungarn sei ein notwendiger Schritt, um die Gesamtkosten zu senken und die verbleibenden Jobs in Deutschland zu sichern, so das Management. Sollten die Verhandlungen über flexiblere und längere Arbeitszeiten scheitern, stünden Schließungen deutscher Werke zur Debatte.
Widerstand der Arbeitnehmervertreter
Die IG Metall lehnt die Pläne kategorisch ab. Bezirksleiterin Barbara Resch machte am selben Tag klar: Längere Arbeitszeiten oder materielle Einschnitte für die Beschäftigten kommen nicht infrage. Sie erinnerte daran, dass in der Metall- und Elektroindustrie Baden-Württembergs seit 2019 bereits rund 75.000 Arbeitsplätze weggefallen sind – ein Großteil davon in der Autoindustrie.
Für die Tarifverhandlungen im Herbst kündigte die Gewerkschaft an, die Beschäftigungssicherung ins Zentrum zu stellen. Materielle Opfer seien angesichts der bisherigen Stellenstreichungen nicht vermittelbar.
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Experten sehen zudem ein strukturelles Problem: Betriebliche Instrumente wie Zukunftsvereinbarungen stoßen laut einer Studie der Universität Duisburg-Essen vom 16. Juli zunehmend an ihre Grenzen – vor allem, wenn der Kostendruck so massiv wird wie im aktuellen Marktumfeld.
Rechtliche Grenzen bei der Vergütungsgestaltung
Parallel zum Tarifkonflikt präzisiert die Rechtsprechung die Spielregeln für die Mitbestimmung. Bereits am 24. Februar 2026 traf das Bundesarbeitsgericht (BAG) eine grundlegende Entscheidung zur Kompetenz von Einigungsstellen bei erfolgsabhängigen Gehaltsmodellen.
Die Richter stellten klar: Eine Einigungsstelle überschreitet ihre Kompetenz, wenn sie über den vom Arbeitgeber vorgegebenen Dotierungsrahmen hinausgeht. Legt der Arbeitgeber die Gesamtsumme für eine Erfolgsbeteiligung fest, darf die Einigungsstelle nur über die Verteilungskriterien mitbestimmen – nicht aber die Höhe des Budgets verändern. Bei Missachtung dieser Grenze ist der gesamte Spruch unwirksam.
Das schränkt den Spielraum der Betriebsräte ein: Sie können über die rein qualitative Verteilung hinaus kaum Einfluss auf die Gesamtsumme variabler Gehaltsbestandteile nehmen.
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Pessimistische Prognosen für die Branche
Die Diskussion bei Mercedes spiegelt eine tiefere Krise der gesamten Branche wider. Eine Fraunhofer-Studie vom 16. Juli prophezeit einen massiven Stellenabbau. Bis 2030 drohen demnach allein in Deutschland 375.000 Stellenstreichungen im Automobilsektor.
Langfristig bis 2040 könnten in Europa bis zu 726.000 Arbeitsplätze wegfallen. Besonders betroffen ist die Wertschöpfung bei klassischen Antriebssträngen – sie könnte um bis zu 64 Prozent einbrechen. Für die Zulieferindustrie erwarten die Forscher einen Umsatzverlust von rund 35 Milliarden Euro, ein Rückgang von etwa 80 Prozent.
Vor diesem Hintergrund wird die Frage nach Arbeitszeitmodellen und Vergütungsstrukturen zur Existenzfrage für die betroffenen Standorte.
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