Autoindustrie-Protest, Beschäftigte

Autoindustrie-Protest: 175.000 Beschäftigte gegen Stellenstreichungen

Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 06:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Bundesweite Aktionen der IG Metall prangern geplante Stellenkürzungen an. Zugleich verschärfen sich Debatten über Kosten, Arbeitszeit und Standorte.

IG Metall mobilisiert 175.000 Beschäftigte gegen Stellenabbau
Großes, menschenleeres Fabrikgelände eines Automobilwerks in Baden-Württemberg an einem bewölkten Herbsttag. Illustration mit AI erstellt.

Mit Protestaktionen an mehr als 200 Orten hat die IG Metall zu einem bundesweiten Aktionstag der Automobil- und Fahrzeugindustrie gegen Stellenstreichungen aufgerufen. Wie Medien am 21. September 2026 berichteten, beteiligten sich nach Angaben der Gewerkschaft rund 175.000 Beschäftigte an den Kundgebungen unter dem Motto Zukunft statt Kahlschlag – Zusammenhalt ist unsere stärkste Marke. Teilweise war von bis zu 280 Standorten die Rede.

Große Beteiligung an Standorten im Südwesten

Ein Schwerpunkt der Proteste lag in Baden-Württemberg. Nach Angaben der regionalen IG Metall versammelten sich rund 48.000 bis 50.000 Beschäftigte an fast 50 Standorten.

Die größte Einzelaktion fand bei Mercedes-Benz in Sindelfingen statt: Vor Tor 7 versammelten sich laut IG Metall über 20.000 Beschäftigte, während das Unternehmen die Zahl auf 20.000 bezifferte. Das 1915 gegründete Werk beschäftigt nach eigenen Angaben mehr als 30.000 Mitarbeiter und fertigt unter anderem die S-Klasse.

Weitere Proteste organisierten die Arbeitnehmervertreter bei Mercedes-Benz in Stuttgart-Untertürkheim und Rastatt, bei Porsche in Stuttgart-Zuffenhausen und Weissach sowie bei Bosch an den Standorten Abstatt, Reutlingen, Stuttgart-Feuerbach, Schwieberdingen und Renningen. Ebenso gab es Aktionen bei Mahle und Daimler Truck in Gaggenau.

In Wörth demonstrierten bei Daimler Truck nach Gewerkschaftsangaben 800 bis 1.000 Beschäftigte gegen die Infragestellung der 35-Stunden-Woche und forderten langfristige Investitionen sowie neue Produkte für den Standort, gefolgt von Kundgebungen vor dem Mercedes-Benz-Verteilerzentrum GLC in Germersheim.

Vor dem Sprinterwerk von Mercedes-Benz in Düsseldorf versammelten sich rund 1.300 Beschäftigte mit Forderungen nach zukunftsfähigen Produkten, Investitionen in Standorte statt in Aktionäre, einem schlankeren Management und dem Erhalt der 35-Stunden-Woche.

Kritik an Vorständen und Debatte über Arbeitszeiten

Die Gewerkschaftsführung sparte nicht mit scharfer Kritik. Ergun Lümali, Gesamtbetriebsratschef bei Mercedes-Benz, warf dem Vorstand vor, jeglichen Verstand für die Belegschaft verloren zu haben. Bezirksleiterin Barbara Resch betonte, die Beschäftigten ließen sich nicht für dumm verkaufen.

IG-Metall-Chefin Christiane Benner warf den Vorständen in Wolfsburg vor, die Branche mit Vollgas gegen die Wand zu fahren und danach Fahrerflucht zu begehen. Nach ihren Angaben gehen jährlich rund 50.000 Arbeitsplätze in der Industrie verloren.

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Südwestmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Barta wies die Vorwürfe als unsachlich und polemisch zurück. Südwestmetall-Chef Peter Sebastian Krause forderte hingegen Kostensenkungen und längere Arbeitszeiten ohne Tabus, um die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.

Hintergrund der Proteste sind verschärfte Sparmaßnahmen. Mercedes-Benz kündigte eine Produktivitätsoffensive für Deutschland an, brachte Mehrarbeit ohne Lohnausgleich sowie eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche ins Spiel und drohte mit der Schließung der Werke Rastatt und Bremen sowie Verlagerungen nach Ungarn.

Bei Volkswagen erklärte Markenchef Thomas Schäfer, die Lage sei schlimmer als gedacht; geplant sei der Abbau von 35.000 Stellen, von denen 28.800 vertraglich fixiert seien und 16.300 Beschäftigte das Unternehmen bereits verlassen hätten. VW-Betriebsratschefin Daniela Cavallo forderte Schutzzölle auf chinesische Plug-in-Hybride sowie vergünstigten Industriestrom.

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Branchenweiter Stellenabbau und wirtschaftlicher Druck

Die Beschäftigtenzahl in der deutschen Automobilindustrie lag laut IG Metall Ende des ersten Halbjahres 2026 bei 691.500 Personen – der niedrigste Wert seit Beginn der statistischen Erfassung im Jahr 2005. Neben Mercedes-Benz, BMW und dem Volkswagen-Konzern laufen auch bei Zulieferern wie Bosch, ZF Friedrichshafen, Aumovio und Mahle umfassende Abbauprogramme.

Eine Analyse von EY belegt den wirtschaftlichen Druck: Der gemeinsam Umsatz von VW, BMW und Mercedes sank im ersten Halbjahr 2026 um 2,9 Prozent auf rund 284 Milliarden Euro, während die operativen Gewinne um 19 Prozent auf 13 Milliarden Euro einbrachen – der tiefste Stand seit dem Pandemiejahr 2020. Dagegen steigerten die 19 weltweit größten Autokonzerne ihren Umsatz um 3,6 Prozent.

VDA-Präsidentin Hildegard Müller hob die Kostennachteile hervor: Eine Arbeitsstunde koste in Deutschland fast 65 Euro, verglichen mit 24 Euro in Tschechien und 18 Euro in Polen. Zudem liege die Jahresarbeitszeit in Deutschland bei durchschnittlich 1.300 Stunden, während in Tschechien 1.800 und in Mexiko über 2.000 Stunden gearbeitet werde; Produktion in Deutschland sei kein Naturgesetz.

In dieser angespannten Lage fordert die IG Metall Baden-Württemberg für rund 900.000 Beschäftigte fünf Prozent mehr Entgelt bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Arbeitgebervertreter Krause forderte flexiblere tarifliche Lösungen und längere Arbeitszeiten, um Standortschließungen und Entlassungen abzuwenden.

Mehr zum Thema bei Süddeutsche Zeitung: „Autoland bald abgebrannt? - IG Metall mobilisiert rund 175.000 Auto-Beschäftigte - Bayern“

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