BAuA-Befragung, Wochenstunden

BAuA-Befragung: Über 48 Wochenstunden gehen mit kürzeren Ruhezeiten einher

Veröffentlicht am: 18.10.2026 um 01:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Der Reformplan erlaubt längere Arbeitstage bei höchstens 48 Wochenstunden; Koalition, Arbeitgeber und Gewerkschaften ringen weiter um die Ausgestaltung.
Eine leere, moderne Industriehalle bei Dämmerlicht mit klaren architektonischen Linien und natürlichem Lichteinfall. Illustration mit AI erstellt.

In Deutschland sorgt der Vorstoß zur Einführung von Zwölf-Stunden-Arbeitsschichten für intensive Diskussionen. Im Zentrum der Debatte steht der Plan von Bundeskanzler Friedrich Merz, die starre tägliche Höchstarbeitszeit durch eine wöchentliche Betrachtung abzulösen.

Vorgesehen ist, dass Beschäftigte an einzelnen Tagen bis zu zwölf Stunden arbeiten können, während die Gesamtarbeitszeit von maximal 48 Stunden pro Woche nicht überschritten werden darf. Die Bundesregierung beabsichtigt damit, Arbeitstage von mehr als zwölf Stunden rechtlich zu ermöglichen.

Bislang ist das Vorhaben jedoch kein Gesetz. Sowohl innerhalb der Regierungskoalition als auch zwischen Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften herrscht Uneinigkeit über die Ausgestaltung der Arbeitszeitreform.

Konflikte zwischen Koalition, Arbeitgebern und Gewerkschaften

Die Fronten zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften sind verhärtet. Nicola Leibinger-Kammüller, Vorsitzende des Unternehmens Trumpf, hält längere Arbeitszeiten zwar für möglich, lehnt einen Lohnverzicht jedoch ab. Zugleich bezeichnete sie die aktuellen Forderungen der Gewerkschaften als überzogen.

Der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, Jörg Dittrich, forderte von Bundesarbeitsminister Alexander Schweitzer eine rasche Umsetzung der im Koalitionsvertrag vereinbarten Arbeitszeitflexibilisierung und kritisierte, bisherige Entwürfe entsprächen nicht den Vereinbarungen.

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Parallel dazu spitzt sich die Lage in der Industrie zu. In der laufenden Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie fordert die IG Metall fünf Prozent mehr Gehalt bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Nachdem die erste Verhandlungsrunde ohne ein Angebot der Arbeitgeberseite blieb, sind ab November 2026 Warnstreiks möglich.

Deutsche Autohersteller fordern unter Verweis auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit eine Rückkehr von 35 auf 40 Wochenstunden ohne finanziellen Ausgleich, was Gewerkschaften als Angriff auf Arbeitnehmerrechte zurückweisen.

Bei Mercedes-Benz steht laut Berichten für rund 90.000 tarifgebundene Mitarbeiter in Deutschland die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche ohne Zusatzvergütung im Raum; das Management drohte Medienberichten zufolge mit Werksschließungen.

Am 28. September 2026 diskutierten 5.000 Beschäftigte bei einer Betriebsversammlung in Stuttgart über Mehrarbeit, während Betriebsratschef Michael Häberle auf eine angespannte Stimmung im Betrieb hinwies.

Rechtliche Rahmenbedingungen und betriebliche Mitbestimmung

Eine Ausweitung von Schichten lässt sich arbeitsrechtlich nicht einseitig anordnen. Die Anordnung von Schichtarbeit setzt voraus, dass diese bereits im Arbeitsvertrag geregelt ist oder ein Tarifvertrag entsprechende Vorgaben enthält.

Liegt eine Vereinbarung über 40 Wochenstunden vor, greift das Weisungsrecht der Arbeitgeber nach Paragraf 106 der Gewerbeordnung nach Maßgabe der betrieblichen Erfordernisse.

Gibt es im Unternehmen einen Betriebs- oder Personalrat, ist dessen Zustimmung erforderlich, die in der Regel über Betriebsvereinbarungen geregelt wird. Die gesetzlichen Schutzvorschriften des Arbeitszeitgesetzes bleiben dabei bindend.

Wissenschaftliche Befunde zu Belastungen und gesellschaftlichen Folgen

Arbeitswissenschaftliche Erhebungen verdeutlichen die potenziellen Risiken langer Arbeitszeiten. Auswertungen der Zeitverwendungserhebung durch das WSI, das WZB und die EAF belegen, dass bei Arbeitstagen von mehr als 8,5 Stunden weniger als 6 Prozent der Erwerbstätigen in ihrer Freizeit gesellschaftlich aktiv sind.

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Bei Arbeitszeiten von maximal 5,5 Stunden täglich liegt dieser Anteil bei 14,4 Prozent. Beschäftigte mit selbstbestimmter Arbeitszeit engagieren sich zu 13 Prozent sozial oder politisch, verglichen mit lediglich 9 Prozent bei festen Arbeitszeitmodellen.

Die am 15. Oktober 2026 vorgestellte BAuA-Arbeitszeitbefragung zeigt zudem, dass überlange Wochenarbeitszeiten von mehr als 48 Stunden regelmäßig mit verkürzten Ruhezeiten, Pausenausfällen und hoher Belastung einhergehen.

Während die tatsächliche Wochenarbeitszeit seit 2015 weitgehend stabil blieb, arbeiteten Teilzeitbeschäftigte im Jahr 2025 durchschnittlich 25,2 Wochenstunden im Vergleich zu 23,1 Stunden im Jahr 2015. Fast jede sechste Arbeitskraft leistet mehr als zwei Überstunden pro Woche.

Untersuchungen des dänischen Instituts NFA weisen darauf hin, dass die Kombination aus Zeitdruck und emotionaler Belastung das Risiko für depressive Symptome mehr als verdoppelt.

Eine Erhebung der EU-OSHA für 2025 bestätigt diesen trend auf europäischer Ebene: 29 Prozent der Beschäftigten in der EU leiden unter arbeitsbedingtem Stress, Depressionen oder Ängsten, während mehr als 40 Prozent über starken Zeitdruck berichten.

Ob und in welchem Rahmen die geplante Gesetzesreform zustande kommt, hängt vor diesem Hintergrund maßgeblich von den weiteren Verhandlungen sowie den tarifvertraglichen Ausgestaltungen ab.

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