Bauwirtschaft: Zarte Erholung trotz Zins- und Reformdruck
03.05.2026 - 01:42:14 | boerse-global.deNach einem soliden Geschäftsjahr 2025 mit einem realen Umsatzplus von 2,5 Prozent auf 172 Milliarden Euro rechnet der Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB) für 2026 erneut mit 2,5 Prozent Wachstum.
Der Tiefbau erweist sich als stärkster Motor. Mit einem Umsatzplus von 9 Prozent profitiert er von Großprojekten in den Bereichen Schiene, Energieversorgung und Breitbandausbau. Die Auftragseingänge legten 2025 real um 7 Prozent zu.
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Wohnungsbau: Zweigeteiltes Bild
Im Wohnungsbau zeigt sich eine gemischte Entwicklung. Der Umsatz ging 2025 um 2 Prozent zurück. Doch die Baugenehmigungen geben Anlass zu Hoffnung. Bundesweit stiegen sie um 10,8 Prozent.
Besonders deutlich fiel das Plus in Hessen aus: 22 Prozent mehr genehmigte Wohnungen, über 16.700 Einheiten. Im Kreis Kleve legten die Genehmigungen sogar um 69 Prozent zu. Experten führen den Anstieg auf die Digitalisierung von Verfahren und gezielte Förderprogramme zurück. Die Stadt Bielefeld bewilligte 2025 eine Rekordsumme von 94 Millionen Euro für den Wohnungsbau.
Die Baupreise steigen weiter, aber langsamer. Im Februar 2026 lagen sie 3,3 Prozent über dem Vorjahresmonat. Immobilien verteuerten sich im dritten Quartal 2025 um ebenfalls 3,3 Prozent – der vierte Anstieg in Folge. Der Bundesverband der Volksbanken und Raiffeisenbanken erwartet für 2026 ein Plus von 3,1 Prozent.
Großprojekte: Von der Bundespolizei bis zur Forschung
Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen laufen mehrere bedeutende Bauvorhaben. In Neustrelitz entsteht ein neuer Campus für die Bundespolizei. Das Gebäude in nachhaltiger Holzmodulbauweise umfasst 255 Wohneinheiten und neun Lehrsäle. Kostenpunkt: 155 Millionen Euro. Das Richtfest ist für Mitte Juni 2026 geplant, die Fertigstellung für das erste Quartal 2027.
Im saarländischen St. Ingbert wurde Anfang Mai der Grundstein für das Cispa-Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit gelegt. Die Baukosten betragen 350 Millionen Euro, die Bauzeit rund zweieinhalb Jahre.
In Wiesbaden plant ein Investoren-Joint-Venture auf dem Areal der ehemaligen Klinik am Bingert rund 300 Wohnungen. Baubeginn ist für den Jahreswechsel 2026/2027 vorgesehen.
Auch die Infrastruktur profitiert. In Bad Neuenahr-Ahrweiler wurde Ende April das letzte Teilstück der neuen Landgrafenbrücke eingehoben. Das 9 Millionen Euro teure Bauwerk ist gegen 100-jährliche Hochwasser geschützt und soll im Herbst 2026 freigegeben werden. In Frankfurt wird bis Juli 2026 eine zentrale Gleisbrücke am Hauptbahnhof erneuert.
„Mietrecht II“: Scharfe Kritik aus der Branche
Die Bundesregierung hat Anfang Mai das Gesetzespaket „Mietrecht II“ auf den Weg gebracht. Kernpunkt: stärkere Regulierung von möblierten Wohnungen und Kurzzeitmietverträgen. Der Möblierungszuschlag soll auf maximal 10 Prozent der Nettokaltmiete begrenzt werden. Kurzzeitmietverträge sind künftig auf maximal sechs Monate befristet, eine Verlängerung auf acht Monate nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich.
Besonders umstritten ist die geplante Deckelung von Indexmieten. Bei einer Inflation von über 3 Prozent soll die Mietsteigerung künftig nur noch zur Hälfte wirksam werden. Der Spitzenverband der Immobilienwirtschaft (ZIA) warnt: Solche Eingriffe gefährdeten die Investitionsbereitschaft im Wohnungsbau. Positiv bewertet der Verband dagegen den Anstieg der Haushaltsmittel für das Bauministerium von 7,75 Milliarden Euro auf bis zu 9,6 Milliarden Euro in den Folgejahren.
Heizungsgesetz: Kosten werden geteilt
Zusätzlichen Druck erzeugt das neue Heizungsgesetz. Eine Koalitionseinigung vom 1. Mai sieht vor: Ab Januar 2028 teilen sich Mieter und Vermieter die Kostenrisiken beim Einbau neuer Gas- und Ölheizungen. Vermieter müssen dann die Hälfte der CO2-Preise und Netzentgelte tragen. Ab 2029 wird zudem eine schrittweise Beimischung klimafreundlicher Gase verpflichtend.
Der Mieterbund begrüßt die 50/50-Regelung. Der Eigentümerverband Haus & Grund bezeichnet sie als Belastung für private Vermieter.
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Zinsen und Inflation: Die große Unbekannte
Die Erholung der Baubranche findet in einem Umfeld steigender Zinsen statt. Die EZB beließ ihren Einlagenzins zwar bei 2,0 Prozent, doch die Marktzinsen sind spürbar gestiegen. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen erreichte im Frühjahr mit 3,13 Prozent den höchsten Stand seit 2011. Bauzinsen für Darlehen mit zehnjähriger Zinsbindung liegen aktuell bei rund 4,0 Prozent.
Die Inflation im Euroraum lag im April bei 3,0 Prozent, in Deutschland bei 2,9 Prozent. Marktbeobachter führen die Entwicklung auf anhaltende Risiken zurück, verstärkt durch geopolitische Spannungen wie den Iran-Krieg. Viele Banken haben ihre Kreditrichtlinien verschärft.
Hinzu kommt: Die Energieeffizienz gewinnt an Bedeutung für die Wertermittlung. Objekte mit schlechter Bilanz verzeichnen Preisabschläge, sanierte Gebäude und Neubauten bleiben stabil.
In Ballungszentren treibt der Mangel an bezahlbarem Wohnraum die Mieten in die Höhe. In München durchbrachen Neubaumieten 2025 erstmals die Marke von 25 Euro pro Quadratmeter. In Spitzenlagen der Ludwigsvorstadt wurden über 30 Euro aufgerufen. Das erhöht den politischen Druck für mehr Mieterschutz – und steht im Widerspruch zu den nötigen Anreizen für Neubauten.
Ausblick: Vorsichtiger Optimismus
Für die kommenden Quartale rechnet die Branche mit einer Fortsetzung des moderaten Aufwärtstrends. Der hohe Bedarf an Infrastrukturinvestitionen und eine sich stabilisierende Nachfrage im privaten Wohnungsbau stützen die Entwicklung. In Bayern sollen die Kaufpreise bis Ende 2027 leicht auf durchschnittlich 4.544 Euro pro Quadratmeter steigen.
Entscheidend wird sein, wie die Unternehmen mit den neuen gesetzlichen Vorgaben umgehen. Die Verschiebung der EU-Entwaldungsverordnung um ein Jahr wird als erste Entlastung begrüßt. Doch die Branche fordert eine grundlegende Überarbeitung der Dokumentationspflichten.
Bleibt die Zinsentwicklung der kritische Faktor. Liegen die Inflationserwartungen der Verbraucher mit rund 4 Prozent für die nächsten zwölf Monate richtig, könnte die EZB im Juni oder September weitere Schritte folgen lassen. Das würde die Finanzierungskosten erneut in die Höhe treiben.
Trotz aller Risiken zeigt sich die Bauwirtschaft im Mai 2026 resilienter als in den Vorjahren. Gestützt durch volle Auftragsbücher im Tiefbau und eine schrittweise Erholung der Baugenehmigungen.
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