Russische Sabotage - Zufall verhinderte Flugzeugabsturz
14.10.2024 - 16:41:59 | dpa.de(neu: mehr Details und Hintergrund)
BERLIN (dpa-AFX) - Bei dem mutmaĂlich von Russland initiierten Brand eines Luftfrachtpakets ist Deutschland im Juli nach EinschĂ€tzung des Verfassungsschutzes nur knapp an einem Flugzeugabsturz vorbeigeschrammt. Es sei nur einem glĂŒcklichen Zufall zu verdanken, dass das Paket damals noch am Boden im DHL-Logistikzentrum Leipzig und nicht wĂ€hrend des Fluges in Brand geraten sei, sagte Verfassungsschutz-PrĂ€sident Thomas Haldenwang bei einer öffentlichen Befragung der deutschen Geheimdienste im Bundestag. Sonst wĂ€re es zu einem Absturz gekommen. In Sicherheitskreisen wird davon ausgegangen, dass der Vorfall im Zusammenhang mit russischer Sabotage steht.
Nach dpa-Informationen bestand der glĂŒckliche Zufall darin, dass der Weiterflug des aus dem Baltikum stammenden Frachtpakets sich in Leipzig verzögerte. Das Paket hatte einen Brandsatz enthalten, der dort zĂŒndete und einen Frachtcontainer in Brand setzte.
Das Spitzenpersonal der Geheimdienste warnte bei der Sitzung des Parlamentarischen Kontrollgremiums (PKGr) des Bundestags die Bevölkerung vor NaivitĂ€t. Putin habe Deutschland lĂ€ngst zum Feind erklĂ€rt, betonten die PrĂ€sidenten der drei Nachrichtendienste. Ein Absturz des Flugzeugs ĂŒber bewohntem Gebiet hĂ€tte nach Haldenwangs Worten womöglich auch Menschen getroffen, die "mit (Russlands PrĂ€sident Wladimir) Putin und seinen Zielen sympathisieren".
Haldenwang warnte die BĂŒrgerinnen und BĂŒrger vor NaivitĂ€t. Er sagte: "Wir beobachten ein aggressives Agieren der russischen Nachrichtendienste." Besonders Spionage und Sabotage durch russische Akteure hĂ€tten in Deutschland zugenommen - und zwar "sowohl quantitativ als auch qualitativ". Deutschland befinde sich in einer Phase des "Nicht-mehr-Friedens", sagte der SPD-Innenpolitiker Sebastian Hartmann nach der Sitzung.
BND-Chef: Russland spÀtestens 2030 fÀhig zu Angriff auf den Westen
Der Chef des Bundesnachrichtendienstes (BND), Bruno Kahl, erklÀrte: "Der Kreml sieht den Westen und damit auch Deutschland als Gegner." Russland werde spÀtestens ab Ende des Jahrzehnts personell und materiell zu einem Angriff auf den Westen in der Lage sein. "Putin wird rote Linien des Westens austesten", sagte der BND-Chef. Daher seien Geschlossenheit und VerteidigungsfÀhigkeit wichtig. Es sei zu erwarten, dass Moskau vor einer offenen militÀrischen Auseinandersetzung noch versuchen werde, die Nato zu spalten.
Die PrĂ€sidentin des MilitĂ€rischen Abschirmdienstes (MAD), Martina Rosenberg, berichtete von besorgniserregenden AusspĂ€hversuchen fremder Nachrichtendienste gegen die Bundeswehr: "Sei es, um deutsche Waffenlieferungen an die Ukraine, Ausbildungsvorhaben oder RĂŒstungsprojekte aufzuklĂ€ren oder um durch Sabotagehandlungen das GefĂŒhl der Unsicherheit zu vermitteln."
Der MAD brauche mehr Befugnisse, auch um die Stationierung der gefechtsbereiten deutsche Brigade in Litauen effektiv zu begleiten, verlangte Rosenberg. SchlieĂlich mĂŒsse der Dienst auch in der Lage sein, die Familien der Bundeswehr-Angehörigen wĂ€hrend ihres Aufenthalts in dem Nato-Staat zu schĂŒtzen.
BND-Chef wĂŒnscht sich mehr "Beinfreiheit" fĂŒr Auslandsnachrichtendienst
Kahl sagte, er mache sich ernsthafte Sorgen angesichts der starken EinschrĂ€nkung der Befugnisse der deutschen Nachrichtendienste. Der BND brauche "deutlich mehr operative Beinfreiheit", um seinen Auftrag effektiv erfĂŒllen zu können. Positiv hob er die infolge des Falls von Carsten L. erweiterten Befugnisse bei der Eigensicherung hervor.
Die Bundesanwaltschaft wirft dem BND-Mitarbeiter und einem GeschĂ€ftsmann Landesverrat in besonders schwerem Fall vor. Sie sollen 2022 geheime Dokumente und Informationen aus dem deutschen Auslandsnachrichtendienst an den russischen Inlandsgeheimdienst FSB gegeben haben. DafĂŒr sollen sie laut Anklage Geld erhalten haben.
Der Gesetzgeber habe seither geholfen, eine "LĂŒcke in der Eigensicherung zu schlieĂen", sagte Kahl. Dazu zĂ€hlten ein besserer Schutz von Verschlusssachen, sowie etwa auch die Möglichkeit Taschen, DienstrĂ€ume und Fahrzeuge von Mitarbeitern zu kontrollieren. Dass der BND wichtige Partner im Ausland sehr transparent ĂŒber den Fall informiert habe, sei wichtig gewesen, um dort kein Vertrauen zu verspielen.
Das Bundestagsgremium, das die Arbeit der drei Dienste kontrollieren soll, tagt normalerweise hinter verschlossenen TĂŒren. Der Inhalt seiner Sitzungen ist grundsĂ€tzlich geheim. Lediglich einmal pro Jahr stellen sich die Amtsleitungen öffentlich den Fragen der Abgeordneten.
Druck auf auslÀndische Oppositionelle in Deutschland
Nicht nur russische Dissidenten fĂŒhlten sich in Deutschland unter Druck, sagte Haldenwang. Das gelte auch fĂŒr Oppositionelle und Menschen, die von den Geheimdiensten Chinas, der TĂŒrkei oder des Iran als vermeintliche Gegner identifiziert wĂŒrden, betonte Kahl. Im Falle Russlands und Chinas reiche es schon, "sich abweichende Meinungen zu leisten und damit aufzufallen". Die Islamischen Revolutionsgarden des Iran nutzten teilweise auch Menschen, die der Organisierten KriminalitĂ€t zugerechnet werden, um in Deutschland jĂŒdische Menschen, Israelis oder iranische Regimegegner auszuspĂ€hen.
Hohe islamistische Bedrohung
Der Rechtsextremismus sei zwar aktuell die gröĂte Bedrohung fĂŒr die deutsche Demokratie, sagte Haldenwang. Die gröĂte Gefahr fĂŒr die Innere Sicherheit gehe aber derzeit vom islamistischen Terrorismus aus. FĂŒr die Radikalisierung jugendlicher EinzeltĂ€ter hierzulande sei vor allem die Propaganda der Gruppierung Islamischer Staat Provinz Khorasan relevant - in erster Linie bei Tiktok und Telegram. Der Krieg in Nahost wirke sich hier wie ein "Brandbeschleuniger" aus. Der Verfassungsschutz habe zuletzt in zahlreichen FĂ€llen die Voraussetzungen geschaffen, dass mutmaĂliche Terroristen frĂŒhzeitig aus dem Verkehr gezogen worden seien - und dadurch mögliche AnschlĂ€ge verhindert. "Das kann man an einer Hand jedenfalls nicht aufzĂ€hlen", fĂŒgte er hinzu.
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