Betriebsrenten werden zum entscheidenden Faktor im Kampf um Fachkräfte
08.05.2026 - 05:05:02 | boerse-global.de
Eine aktuelle Studie zeigt: 21 von 37 befragten Dax- und MDax-Unternehmen finanzieren die betriebliche Altersvorsorge (bAV) inzwischen vollständig aus eigener Tasche. Das ist das Ergebnis einer umfassenden Erhebung, die heute veröffentlicht wurde.
Der Schritt der Konzerne kommt nicht von ungefähr. Eine separate Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey vom Mittwoch belegt: Mehr als 80 Prozent der Bundesbürger zweifeln daran, dass die gesetzliche Rente im Alter zum Leben reicht. Die Schere zwischen Unternehmenspolitik und öffentlicher Stimmung könnte kaum größer sein.
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Direktzusagen und hohe Zuschüsse als Lockmittel
Die Bandbreite der betrieblichen Modelle ist groß. 29 der 37 Großunternehmen setzen auf Direktzusagen – der Arbeitgeber garantiert eine bestimmte Leistung. Nur drei Firmen nutzen vorrangig die Direktversicherung als Hauptweg. Branchengrößen wie BMW, Rheinmetall und Allianz bleiben bei diesem klassischen Modell.
Doch die Höhe der Arbeitgeberzuschüsse variiert enorm. Während der gesetzliche Mindestzuschuss bei 15 Prozent liegt, gehen einige Konzerne weit darüber hinaus. Der Chemieriese Evonik beispielsweise schießt zwischen 70 und 80 Prozent zu. Auch Beiersdorf und BMW haben Matching-Modelle eingeführt: Für jeden Euro, den der Mitarbeiter spart, legt der Arbeitgeber einen bestimmten Betrag drauf.
33 der 37 befragten Unternehmen bieten zusätzlich Aktienprogramme oder Zeitwertkonten an. Letztere erlauben es Beschäftigten, Gehalt oder Überstunden in Kapital umzuwandeln – für den späteren Vorruhestand oder ein Sabbatical. Diese Flexibilität wird zunehmend zur Notwendigkeit, wie Daten des Bundesarbeitsministeriums zeigen: Rund 38 Prozent der vollzeitbeschäftigten Frauen steuern auf eine Rente von unter 1.000 Euro monatlich zu.
Die große Finanzlücke der Deutschen
Doch die betriebliche Vorsorge erreicht längst nicht alle. Neue Zahlen des Teambank Liquiditätsbarometers, ebenfalls heute veröffentlicht, offenbaren ein erschreckendes Bild: Fast jeder zweite Deutsche hat weniger als 2.000 Euro auf der hohen Kante. Das erschwert private oder ergänzende Vorsorge massiv.
Eine Verivox-Umfrage vom Mittwoch nennt die Hauptgründe: Niedrige Löhne (42 Prozent) und Karriereunterbrechungen (36 Prozent). Besonders Frauen sind betroffen: 48 Prozent nennen das geringe Einkommen als größtes Hindernis, bei Männern sind es 37 Prozent.
Die Zukunftsangst sitzt tief. Eine YouGov-Studie im Auftrag der Lichtblick Seniorenhilfe vom Donnerstag zeigt: 70 Prozent der noch nicht im Ruhestand befindlichen Deutschen sorgen sich um ihre finanzielle Zukunft. Besonders alarmierend: 75 Prozent der 18- bis 29-Jährigen fürchten Altersarmut.
Arbeitsmarkt unter Druck
Der Arbeitsmarkt spiegelt diese Spannungen wider. Der FRAX-Index stieg im vierten Quartal 2025 auf 106,9 Punkte – doch die Arbeitslosigkeit wuchs um 110.000 auf knapp 2,97 Millionen Menschen. Über 804.000 Beschäftigte sind aktuell auf ergänzende Sozialleistungen („Aufstocker“) angewiesen.
Ab dem 1. Juli 2026 wird das Bürgergeld in „Grundsicherung für Arbeitsuchende“ umbenannt. Damit einher gehen strengere Vermögensgrenzen und ein gestaffeltes System für Schonvermögen nach Alter.
Regierung plant große Reformen
Die Bundesregierung reagiert mit mehreren Gesetzesvorhaben. Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas kündigte am Mittwoch einen Gesetzentwurf zur Reform des Arbeitszeitgesetzes an, der für Juni 2026 geplant ist. Die tägliche Höchstarbeitszeit soll durch eine flexible wöchentliche Grenze ersetzt werden – ein Schritt, den die Ministerin als „essenziell für Familien und Vereinbarkeit“ bezeichnet. Zum Schutz vor Ausbeutung wird eine verpflichtende elektronische Zeiterfassung eingeführt.
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Der Vorstoß stößt auf Widerstand der Gewerkschaften. DGB-Chefin Yasmin Fahimi lehnt die Aufweichung des Acht-Stunden-Tages ab. Niedersächsische Gewerkschaftsvertreter verweisen auf die 1,2 Milliarden Überstunden aus dem Jahr 2025 – mehr als die Hälfte davon unbezahlt.
Parallel treibt die Regierung das Altersvorsorgereformgesetz voran. Die wichtigsten Meilensteine:
- Riester-Reform: Nach dem Bundestagsbeschluss steht am 9. Mai 2026 die Abstimmung im Bundesrat an. Die Umsetzung ist für 2027 geplant.
- Altersvorsorgedepot (AV-Depot): Ab 1. Januar 2027 wird eine zweistufige Struktur eingeführt – mit einer Plattformebene für Banken und Versicherer sowie einer Produktebene für Vermögensverwalter. Die Kostenobergrenze liegt bei 1,0 Prozent für Standarddepots.
- Frühstarter-Rente: Neue Eckpunkte sollen jüngere Arbeitnehmer motivieren, früher mit dem Sparen zu beginnen.
Versicherungsbranche in Bewegung
Auch die Versicherungswirtschaft, zentraler Akteur bei Betriebsrenten, verändert sich. Auf der Hauptversammlung in München am Donnerstag meldete die Allianz einen Rekord-Operativgewinn von 17,4 Milliarden Euro für das Geschäftsjahr 2025. Trotz des Erfolgs kürzt der Konzern die Pensionsbeiträge für das Top-Management von 50 auf 25 Prozent des Grundgehalts.
Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) begrüßt die Riester-Reform, drängt aber auf schnellere bürokratische Entlastungen. GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen betont: „Nur 50 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland haben eine Betriebsrente – hier liegt enormes Potenzial brach.“
Ausblick: Wendejahr 2026
Die zweite Jahreshälfte 2026 wird richtungsweisend. Die Einführung der neuen Grundsicherung im Juli markiert einen Kurswechsel hin zu strengeren Vermögensprüfungen. Der erwartete Gesetzentwurf zum Arbeitsrecht im Juni eröffnet die Debatte über die Zukunft der Arbeitsflexibilität.
Bis 2027 sollen das AV-Depot und reformierte Riester-Produkte neue Instrumente für die private und betriebliche Vorsorge schaffen. Ob die Reformen greifen, hängt entscheidend davon ab, ob sie die Kernprobleme lösen: stagnierende Niedriglöhne und die hohe Zahl an Karriereunterbrechungen, die Millionen Arbeitnehmern den Weg in eine auskömmliche Rente versperren. Für Personalabteilungen wird das kommende Jahr zum Balanceakt zwischen gesetzlichen Neuerungen und attraktiven Benefits in einem Arbeitsmarkt, der von wachsender finanzieller Verunsicherung geprägt ist.
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