BND-Chef sieht Deutschland im 'Schattenkrieg' mit Russland
Veröffentlicht am: 05.10.2026 um 18:47 Uhr | dpa, AD HOC NEWS(neu: Aussagen Merz)
BERLIN (dpa-AFX) - Deutschland muss aus Sicht der Geheimdienste vor allem mit Blick auf die Bedrohung durch Russland deutlich widerstandsfĂ€higer werden, nicht nur militĂ€risch. "Russland fĂŒhrt einen Schattenkrieg gegen uns", sagt der PrĂ€sident des Bundesnachrichtendienstes (BND), Martin JĂ€ger, wĂ€hrend einer öffentlichen Anhörung des Parlamentarischen Kontrollgremiums (PKGr) des Bundestages. Es gehe dabei vor allem um EinschĂŒchterung. "Moskau wettet auf unsere SchwĂ€che." Aktuell gebe es keine Hinweise auf einen groĂangelegten Angriff Russlands gegen Nato-Staaten. "Allerdings könnte es insbesondere im Baltikum zu niedrigschwelligen militĂ€rischen AktivitĂ€ten Russlands kommen."
In diesem Kontext seien auch sogenannte False Flag Operationen nicht auszuschlieĂen, warnt er. Darunter versteht man verdeckte Angriffe, die so konzipiert sind, dass sie einem anderen Akteur zugeschrieben werden.
Nachrichtendienste als "erste Verteidigungslinie"
In der aktuellen Lage seien die Nachrichtendienste "die erste Verteidigungslinie", betont JĂ€ger, dessen Dienst fĂŒr die AuslandsaufklĂ€rung verantwortlich ist. Seit dem Sommer habe sich die russische KriegsfĂŒhrung gegen die Ukraine deutlich verschĂ€rft. Der Krieg trete in eine neue, ĂŒberaus gefĂ€hrliche Phase. Gleichzeitig versuche Russland RĂŒstungslieferungen zu unterbinden.
"Wir werden jetzt angegriffen, nicht erst 2029", betont der PrĂ€sident des Bundesamtes fĂŒr Verfassungsschutz (BfV), Sinan Selen. Das Jahr 2029 bezeichnet das Zeitfenster, in dem Russland nach bestimmten militĂ€rischen Szenarien von Bundeswehr, Nato und BND wieder zu einem groĂen Angriff fĂ€hig sein könnte - und zugleich den Zeitpunkt, bis zu dem Deutschland und Europa ihre VerteidigungsfĂ€higkeit deutlich verbessert haben wollen. Es bedeutet nicht, dass ein Angriff 2029 erwartet wird oder bis dahin keine Gefahr besteht.
Merz: Dinge, die unsere Bevölkerung wissen muss
Kanzler Friedrich Merz (CDU) sagte bei einem Treffen mit dem litauischen MinisterprĂ€sidenten Mindaugas Sinkevicius in Berlin, Russland habe seine "Politik des Expansionismus und des Revisionismus" in den vergangenen Monaten massiv verschĂ€rft. Deshalb habe er auch bei der Verleihung des WestfĂ€lischen Friedenspreises an die Nato in MĂŒnster vergangene Woche eindringlich darauf hingewiesen, wie die Bundesregierung die Bedrohungslage einschĂ€tze. BND-PrĂ€sident JĂ€ger habe dies ebenfalls getan. "Das sind Dinge, die unsere Bevölkerung wissen muss", sagte der Kanzler. Die Botschaft sei klar und eindeutig: "Wir lassen uns weder einschĂŒchtern noch spalten. Wir werden uns zur Wehr setzen. Wir sind bereit, uns zu verteidigen."
JĂ€ger: Putin muss "einen Erfolg" vorweisen
Russlands PrĂ€sident Wladimir Putin sei "ĂŒber den Punkt hinaus, wo er den Angriff auf die Ukraine einfach einstellen könnte, ohne seine Machtbasis zu gefĂ€hrden", analysiert JĂ€ger. Vielmehr mĂŒsse er "einen Erfolg" vorweisen, der die eigenen Opfer aus russischer Sicht rechtfertige.
Planungen fĂŒr Tötungsdelikte gehören zum Repertoire
Russland zeige seine Bereitschaft zu Sabotage und zu Tötungsdelikten, sagt Selen. Das Spektrum umfasse auch Desinformation und Anschlagsversuche wie auf dem Flughafen Halle/Leipzig. Dort war Anfang August eine mit Sprengstoff prĂ€parierte Drohne neben ukrainischen Frachtmaschinen entdeckt worden. "Wir konnten bereits Abwehrerfolge erzielen", fĂŒgt er hinzu. Die Lage verschĂ€rfe sich weiter, weshalb die deutschen Nachrichtendienste ihre FĂ€higkeiten an die anderer europĂ€ischer Partnerdienste anpassen mĂŒssten.
Jetzt auch Landtagswahlen und Kommunalpolitik im Fokus
WÀhrend sich russische Beeinflussungsversuche in der Vergangenheit auf bundesweite Wahlen konzentriert hÀtten, sei dies zuletzt auch im Vorfeld von Landtags- und Kommunalwahlen sichtbar geworden, sagt Selen. "Es findet eine sehr genaue Beobachtung des politischen Diskurses in Deutschland statt", um darauf mit Desinformation zu reagieren. Ziel sei es, "Zwietracht und Unsicherheit zu sÀen".
Sitzungen des Kontrollgremiums sind grundsÀtzlich geheim
Selen, JĂ€ger und die PrĂ€sidentin des MilitĂ€rischen Abschirmdienstes (MAD), Martina Rosenberg, stehen den Abgeordneten des Parlamentarischen Kontrollgremiums normalerweise nur in geheimer Sitzung fĂŒr Fragen zur VerfĂŒgung. Lediglich einmal pro Jahr findet eine öffentliche Anhörung statt.
In dieser Wahlperiode sind bisher nur Parlamentarier von Union, SPD und GrĂŒnen in dem Gremium vertreten, das den Geheimdiensten auf die Finger schaut. Kandidaten aus den Reihen der AfD-Fraktion und der Linksfraktion verfehlten bei Wahlen jeweils die notwendige Mehrheit.
Andere Themen, wie die Gefahren durch Rechtsextremismus, Linksextremismus, internationalen Terrorismus oder chinesische Spionage, die bei frĂŒheren Anhörungen des Gremiums stĂ€rker im Fokus standen, nehmen diesmal weniger Raum ein.
ReformvorschlÀge liegen auf dem Tisch
Der Bundestag muss noch ĂŒber einen Gesetzentwurf der Bundesregierung beraten, der eine Ausweitung der Befugnisse von BfV und BND vorsieht. In besonderen FĂ€llen sollen sie neben der AufklĂ€rung kĂŒnftig auch operative Aufgaben wahrnehmen, etwa um Cyberangriffe zu stoppen oder RĂŒstungsprojekte zu sabotieren.
"Russland hat mit seinen hybriden Angriffen rote Linien ĂŒberschritten", erklĂ€rt Selen. Hybride Angriffe sind eine Kombination aus militĂ€rischen, wirtschaftlichen, geheimdienstlichen und propagandistischen Mitteln, die darauf abzielen, andere Staaten zu destabilisieren.
Die deutsche Demokratie und die Bundeswehr seien durch vielfĂ€ltige Gefahren von auĂen wie von innen bedroht, stellt Rosenberg fest. "WĂ€hrend wir frĂŒher von einer abstrakten GefĂ€hrdungslage gesprochen haben, sehen wir uns heute mit konkreten Angriffen konfrontiert."
