Chemieindustrie: LieferengpÀsse springen auf 31,2 Prozent
02.06.2026 - 11:19:12 | boerse-global.deDie deutsche Chemieindustrie steckt in einer doppelten ZwickmĂŒhle: LieferengpĂ€sse nehmen rasant zu, wĂ€hrend die Politik um die WettbewerbsfĂ€higkeit der Branche ringt. Fast jedes dritte Unternehmen meldet inzwischen Versorgungsprobleme.
Lieferketten unter Druck
Die jĂŒngsten Daten des Ifo-Instituts zeichnen ein dĂŒsteres Bild. Im Mai stieg der Anteil der Chemieunternehmen mit MaterialengpĂ€ssen auf 31,2 Prozent â ein sprunghafter Anstieg gegenĂŒber dem ersten Quartal, als lediglich 7,0 Prozent betroffen waren. Zum Vergleich: Ăber alle Industriezweige hinweg klagen 15,9 Prozent der Betriebe ĂŒber LieferlĂŒcken, ein Anstieg von 13,8 Prozent im April.
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Besonders betroffen sind neben der Chemie die Gummi- und Kunststoffindustrie mit 23,7 Prozent sowie die Elektrobranche mit rund 25 Prozent. Der Einkaufsmanagerindex fĂŒr das verarbeitende Gewerbe im Euroraum fiel im Mai auf 51,6 Punkte â noch im Expansionsbereich, aber mit deutlich nachlassender Dynamik. Die Vorleistungskosten erreichten den höchsten Stand seit Mai 2022.
Die Stimmung in der Branche trĂŒbt sich entsprechend ein. Der Ifo-GeschĂ€ftsklimaindex fĂŒr die Chemie fiel auf minus 30,2 Punkte, die GeschĂ€ftserwartungen stĂŒrzten sogar auf minus 42,0 Punkte ab. Die Folge: Viele Unternehmen planen ProduktionskĂŒrzungen und Stellenabbau.
Politik und Industrie suchen Ausweg
Vor diesem Hintergrund trafen sich am Montag Vertreter der Bundesregierung und der Branche zu einem Folgetreffen zur sogenannten âChemie-Agenda". Bundesministerin Reiche zeigte sich optimistisch und verwies auf die Umsetzung der Energiepreispakete sowie eine einheitliche deutsche Position zur EU-Chemikalienverordnung REACH als erste Erfolge.
Umweltministerin Schneider betonte, dass die EU-Kommission zwar keine grundlegende Ănderung des REACH-Rahmens plane, die Bundesregierung aber gezielte Entlastungen beim Emissionshandel erreicht habe. Die Industrie bleibt skeptisch. VCI-PrĂ€sident Steilemann warnte: âWeitere regulatorische Belastungen sind fĂŒr die Branche nicht akzeptabel." IGBCE-Chef Vassiliadis forderte einen von der Strukturpolitik gestĂŒtzten Konsolidierungsprozess, um die industrielle Basis zu schĂŒtzen.
Ein Lenkungsausschuss unter Leitung von StaatssekretĂ€r Wetzel soll kĂŒnftig halbjĂ€hrlich tagen, um die anstehenden Probleme zu managen.
Produktionseinbruch und globale Konkurrenz
Die chemisch-pharmazeutische Industrie startete schwach ins Jahr. Im ersten Quartal 2026 sank die Produktion um 2,8 Prozent im Vergleich zum Vorquartal und fast 6 Prozent im Jahresvergleich. Hauptgrund: ein Einbruch bei der Pharmaproduktion, die 2025 aufgrund von Antizipationseffekten im Zusammenhang mit US-Zöllen noch einen Boom erlebt hatte.
Der globale Wettbewerb setzt die Branche zusĂ€tzlich unter Druck. Ein Beispiel: Die europĂ€ische Penicillin-Produktion â unter anderem an einem groĂen Standort in Ăsterreich â kĂ€mpft mit massiven Problemen. Chinesische Hersteller unterbieten die EU-Preise fĂŒr den Wirkstoff Amoxicillin um fast 50 Prozent. China kontrolliert inzwischen rund 80 Prozent des westlichen Marktes fĂŒr Standardmedikamente. Die EU hat als Reaktion den âCritical Medicines Act" verabschiedet, um die regionale Versorgungssicherheit zu stĂ€rken.
Regulatorische HĂŒrden und steigende Kosten
Die Compliance-Anforderungen verschĂ€rfen sich weiter. Ab dem 30. Dezember 2026 mĂŒssen Unternehmen unter der EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) nachweisen, dass ihre Lieferketten frei von Abholzung sind. Das betrifft vor allem die Beschaffung pflanzlicher Rohstoffe.
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Auf dem Markt fĂŒr biobasierte ReaktivverdĂŒnner sind die Preise fĂŒr Pflanzenöle um 5 bis 10 Prozent gestiegen, wĂ€hrend sich petrochemische Zwischenprodukte sogar verdoppelt haben. Hinzu kommen erweiterte Berichtspflichten unter der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) zu Umweltverschmutzung, Ressourcennutzung und Klimawandel.
Eine Studie von Dr. Wieselhuber & Partner im Auftrag des VCI kommt zu einem ernĂŒchternden Befund: Die StandortqualitĂ€t Deutschlands fĂŒr mittelstĂ€ndische Chemieunternehmen hat sich in den letzten fĂŒnf Jahren verschlechtert. Hohe Energiekosten und ĂŒbermĂ€Ăige BĂŒrokratie stehen ganz oben auf der Kritikliste. 45 Prozent der befragten Unternehmen bemĂ€ngeln die administrative Belastung, mehr als die HĂ€lfte sieht EU-Regulierungen als erheblichen Wettbewerbsnachteil.
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