Cyberangriffe: Polizei zerschlägt Phishing-Kit Kratos mit 200 Servern
Veröffentlicht am: 09.08.2026 um 00:11 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Zahl spezialisierter Angriffe auf lokale IT-Infrastrukturen nimmt deutlich zu. Kriminelle setzen zunehmend auf Techniken, die herkömmliche Sicherheitsvorkehrungen wie die Mehrfaktor-Authentifizierung (MFA) umgehen. Besonders betroffen: das Active Directory (AD), das in vielen Unternehmen als zentrale Identitätsverwaltung dient.
Angriffswellen auf Microsoft-365-Konten
Sicherheitsforscher beobachten seit dem Sommer eine Zunahme von Kampagnen gegen Microsoft-365-Konten und verbundene lokale Umgebungen. Die Angriffswelle „Payroll Pirates“ zielt laut Analysen von Arctic Wolf Labs auf Gehaltsdaten in Hunderten Organisationen in Europa und Nordamerika. Die Täter nutzen sogenannte Adversary-in-the-Middle-Angriffe (AitM) und erneuern Sitzungen regelmäßig, um dauerhaft Zugriff zu behalten.
Parallel identifizierte Check Point Research zwischen Ende Juni und Mitte Juli 2026 eine Kampagne mit über 200 Phishing-Nachrichten an rund 120 Organisationen. Die Angreifer verwendeten authentische Microsoft-Anmeldeseiten, um bösartige App-Berechtigungen zu erschleichen. So gelangten sie an E-Mails, Dateien und Teams-Infrastrukturen.
Ein Erfolg gelang der Polizei am 20. Juli: In Frankfurt schalteten Ermittler gemeinsam mit dem Bundeskriminalamt über 200 Server des Phishing-Kits „Kratos“ ab. Das System wurde monatlich für schätzungsweise 15.000 Kampagnen genutzt, um Session-Cookies zu stehlen und MFA-Schutz zu umgehen.
Schulungen als Verteidigungsstrategie
Gegen die technologisch versierten Angreifer setzen Unternehmen im zweiten Halbjahr 2026 verstärkt auf spezialisierte Schulungen. Die Workshops richten sich an IT-Administratoren und Sicherheitsverantwortliche und vermitteln praxisnahe Kenntnisse zur Absicherung des Active Directory. Schwerpunkte sind die Verteidigung gegen Ransomware sowie der Schutz von Kerberos-Protokollen und AD-Objekten.
In den Kursen im September und Dezember analysieren Teilnehmer gängige Angriffstechniken wie Pass-the-Hash oder Kerberoasting. Zudem lernen sie den Einsatz von Sicherheitswerkzeugen wie BloodHound oder PingCastle sowie die Implementierung von Tiering-Modellen und Honeypots. Für den öffentlichen Sektor sind im Oktober und November spezielle Lehrgänge zum Aufbau eines Informationssicherheits-Managementsystems (ISMS) nach BSI-Standards geplant.
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KI beschleunigt Cyberattacken
Die Dringlichkeit solcher Maßnahmen zeigt ein Blick auf die aktuelle Bedrohungslage. Die Polizei in Essen meldet für August 2026 eine stabile Zahl an Ransomware-Delikten im niedrigen zweistelligen Bereich pro Jahr. Das BSI warnt derweil vor künstlicher Intelligenz, die die Geschwindigkeit von Cyberattacken massiv erhöht. Branchenanalysen zufolge hat sich die Zeit zwischen dem Bekanntwerden einer Sicherheitslücke und ihrer aktiven Ausnutzung drastisch verkürzt.
Auch Schwachstellen in Enterprise-Software bleiben ein Risiko. Auf Branchenkonferenzen wurden im Sommer mehrere Sicherheitslücken in Java-basierten Plattformen vorgestellt, die eine Authentifizierungsumgehung ermöglichen. Betroffen war unter anderem Apache OFBiz – die Hersteller haben die Lücken nach Hinweisen von Sicherheitsforschern inzwischen geschlossen.
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Experten empfehlen Organisationen, das Konzept „Assume Breach“ zu verfolgen: die Annahme, dass ein Einbruch bereits stattgefunden hat oder unmittelbar bevorsteht. Zu den Basismaßnahmen gehören die kontinuierliche Überwachung des Active Directory und die korrekte Konfiguration von Hybrid-Umgebungen – etwa zur Vermeidung von Mail-Loops in Exchange Online.
