Datenschutz-Reform, Behörden

Datenschutz-Reform: Behörden fordern Staatsanwaltschafts-Befugnisse

Veröffentlicht: 04.06.2026 um 22:27 Uhr, Redaktion boerse-global.de

Niedersachsens Datenschutzbeauftragter will mehr Durchsetzungsmacht nach Kartellrechts-Vorbild, um Bußgelder zu sichern.

Datenschutz-Reform: Niedersachsen fordert Staatsanwaltschafts-Befugnisse
A judge's gavel on legal documents with a digital padlock, symbolizing data protection and legal authority. Illustration mit AI erstellt ĂŒbermittelt durch boerse-global.de

Der niedersĂ€chsische Landesdatenschutzbeauftragte Denis Lehmkemper will die Rechte seiner Behörde bei Bußgeldverfahren deutlich ausweiten – und schlĂ€gt eine grundlegende Reform vor.

Staatsanwaltschaftliche Befugnisse fĂŒr DatenschĂŒtzer

Lehmkemper fordert, dass die Aufsichtsbehörde im Bußgeldverfahren kĂŒnftig dieselben rechtlichen Befugnisse erhalten soll wie eine Staatsanwaltschaft. Als Vorbild dient ihm das Kartellrecht. Der Vorschlag zielt darauf ab, den Einflussverlust der Behörde zu verhindern, sobald DatenschutzfĂ€lle vor Gericht landen.

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Nach aktueller Rechtslage verliert die Aufsichtsbehörde die Kontrolle ĂŒber das Verfahren an die Staatsanwaltschaft, sobald ein Einspruch eingelegt wird. „Der Einfluss der Behörde schwindet beim Übergang zum Gericht erheblich", betont Lehmkemper. Die Folge: In mehreren prominenten FĂ€llen wurden hohe Geldstrafen drastisch reduziert oder aufgehoben.

Lehren aus gescheiterten Millionenstrafen

Ein Paradebeispiel fĂŒr die SchwĂ€che des aktuellen Systems ist der Fall des ElektronikhĂ€ndlers notebooksbilliger.de. Eine ursprĂŒnglich verhĂ€ngte DSGVO-Strafe von 10,4 Millionen Euro wurde nach einem Rechtsstreit auf 900.000 Euro zusammengestrichen.

Mit erweiterten Befugnissen nach Kartellrechts-Vorbild könnte die Datenschutzbehörde ihre Entscheidungen kĂŒnftig effektiver vor Gericht verteidigen – und gleichzeitig die Staatsanwaltschaften entlasten. Der Vorstoß fĂ€llt in eine Zeit, in der auch die UnabhĂ€ngigkeit der Justiz bundesweit diskutiert wird. Erst am Mittwoch hatten die GeneralstaatsanwĂ€lte gemeinsam mit dem Generalbundesanwalt eine Reform des externen Weisungsrechts gefordert. Sie kritisieren die uneingeschrĂ€nkte Macht der Justizminister, Weisungen zu erteilen, und verlangen mehr NeutralitĂ€t fĂŒr die Strafverfolgung.

Daten-Pannen in Niedersachsen

Der Ruf nach schĂ€rferen Durchsetzungsmöglichkeiten kommt nicht von ungefĂ€hr: Gleich mehrere DatenschutzvorfĂ€lle erschĂŒttern derzeit die Region. Ende Mai musste die AOK Niedersachsen Korrekturmitteilungen verschicken. Grund war ein technischer Fehler nach einer Systemanpassung der Gematik. Die Krankenkasse hatte Versicherten fĂ€lschlicherweise die Löschung ihrer elektronischen Patientenakte (ePA) bestĂ€tigt – obwohl ein entsprechender Widerruf nie stattgefunden hatte.

Noch schwerer wiegt ein Angriff auf die Portraitbox GmbH, einen Dienstleister fĂŒr Online-Fotogalerien. Am Wochenende des 16. und 17. Mai hackten Angreifer die Cloud-Infrastruktur des Unternehmens. Betroffen ist ein Fotostudio in Helmstedt, das in mehr als 230 Schulen und KindergĂ€rten der Region Braunschweig tĂ€tig ist. Die Behörden warnen: Kinderfotos, E-Mail-Adressen und Passwörter könnten kompromittiert und möglicherweise im Darknet veröffentlicht worden sein.

Cyberangriffe und fragwĂŒrdige Polizeipraktiken

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Die Herausforderungen fĂŒr den Datenschutz wachsen: Ein Cyberangriff auf einen externen Abrechnungsdienstleister mehrerer UniversitĂ€tskliniken – darunter Hamburg, Köln und Freiburg – betraf ĂŒber 100.000 Menschen. Allein am UniversitĂ€tsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) waren mehr als 5.000 Personen betroffen, bei knapp 1.500 wurden Gesundheitsdaten gestohlen.

Parallel dazu sorgt das Vorgehen der Polizei fĂŒr Kritik. Recherchen vom Mittwoch belegen: Die LandeskriminalĂ€mter Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern kaufen kommerzielle Standortdaten aus der Werbewirtschaft fĂŒr Ermittlungszwecke. DatenschĂŒtzer und der Landesdatenschutzbeauftragte von Mecklenburg-Vorpommern zweifeln die RechtmĂ€ĂŸigkeit dieser Praxis an – eine spezifische Rechtsgrundlage fĂŒr den Dateneinkauf bei Tracking-Firmen fehle.

Vor diesem Hintergrund tagte am Donnerstag das LKA Niedersachsen in Hannover. Rund 200 Experten diskutierten auf einem interdisziplinĂ€ren Symposium die Auswirkungen der organisierten KriminalitĂ€t auf den Rechtsstaat. Die Botschaft war deutlich: Die regulatorischen Rahmenbedingungen mĂŒssen sich den digitalen Bedrohungen anpassen.

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